Nussfreie Schule

Mutter der Lausner Nuss-Allergikerin: «Sie weiss, dass sie anders ist»

Für manche Menschen können Nüsse tödlich sein. (Symbolbild)

Für manche Menschen können Nüsse tödlich sein. (Symbolbild)

Das Schulareal in Lausen ist ab dem neuen Schuljahr nussfreie Zone, weil zwei Kinder mit heftigen Nussallergien eingeschult werden. Eine der Mütter erzählt, wie der Alltag der Familie aussieht, und reagiert auf die teilweise heftigen Kommentare aus der Bevölkerung.

Mit gerade einmal viereinhalb Jahren sorgt Elena Bracher (sämtliche Namen geändert) seit Tagen für Schlagzeilen, ohne etwas zu machen: Sie ist eines von wenigen Schweizer Kindern, das von einer Nussallergie mit anaphylaktischer Ausprägung betroffen ist. Weil sie nach den Sommerferien in Lausen in den Kindergarten kommt, hat man dort beschlossen, das Schulareal zur nussfreien Zone zu erklären.

Mutter Sandra Bracher erzählt nun, wie sie den Wirbel um die nussfreie Schule erlebt und wie die Allergien ihrer Tochter den Familienalltag bestimmen.

Frau Bracher, online und in Leserbriefen wird teilweise heftig auf das Nussverbot an der Schule Lausen reagiert, manchmal regelrecht gehässig. Wie gehen Sie damit um?

Sandra Bracher: Ich musste etwa über meine Tochter lesen, sie sei ein «Goof», der doch auf sich selber aufpassen solle. Dabei macht sie das für ihr Alter schon extrem gut, meidet etwa Körperkontakt und isst nur Sachen, die wir ihr geben. Was soll eine Viereinhalbjährige denn sonst noch machen? Solche Kommentare treffen mich extrem. Ich kann kaum noch schlafen. Mein Mann ist etwas entspannter und betont immer: «Es ist eine Minderheit, die so denkt.» Es sind eben Leute, die keine Ahnung von der Thematik haben, die nicht wissen, was eine Anaphylaxie ist. Sie glauben, es geht hier um einen Hype wie bei der Glutenunverträglichkeit oder um ein bisschen Kribbeln im Mund. Ich hätte vor der Geburt meiner Tochter bestimmt auch anders auf die Nachricht einer nussfreien Schule reagiert, weil ich nichts über dieses Thema wusste.

Das heisst, Sie haben teilweise Verständnis für die negativen Kommentare?

Nein. Ich meine das eher so: Ich wäre überrascht gewesen, dass es solche heftigen Allergien gibt. Ich hätte mich aber informiert, statt mich ohne Basiswissen so abschätzig zu äussern. Die Entscheidung der Schule infrage gestellt hätte ich sicher nicht. Denn für mich ist klar: Kinder sind unser wertvollstes Gut und wir müssen sie beschützen.

Manche Kommentatoren finden: Kind schützen ja, aber eine andere Lösung muss möglich sein.

Ich werde immer wieder gefragt, was ich machen würde, wenn die Schulleitung nicht dieses Nussverbot eingeführt hätte. Ich weiss es nicht. Ich bin gesetzlich verpflichtet, meine Tochter in den Kindergarten zu schicken. Dort wäre sie dann täglich bedroht. Daran will ich gar nicht denken – und das muss ich zum Glück auch nicht.

Hätten Sie denn gedacht, dass das Nussverbot für solches Aufsehen sorgt?

Nein. Aber der ganze Aufriss hat auch etwas Gutes: Für uns ist gesorgt, der Lausner Schulleiter Urs Beyeler hat sich extrem für uns eingesetzt. Aber wir sind auch im Kontakt mit anderen betroffenen Eltern, die noch immer jeden Tag dafür kämpfen, dass ihre Kinder nicht solchen Gefahren ausgesetzt werden, dass die Gesellschaft sie wahrnimmt und auf solche heftigen Allergien sensibilisiert wird. Und wenn wir dazu einen Beitrag leisten können, dann ist es das wert.

Wie geht Elena mit all dem um?

Sie weiss ganz genau, dass sie anders ist, und regt sich darüber oft auf. Manchmal ist sie richtig frustriert und fragt mich, was sie machen kann, damit sie normal wird. Oft ist sie dann nachdenklich, zieht sich zurück. Andere Male reagiert sie aggressiv. Sie weiss, dass sie anders ist, aber noch nicht, wie sie mit diesem Gefühl umgehen muss. Früher oder später wird auch Mobbing ein Thema werden. Bis dann muss sie lernen, sich und ihre Einschränkungen zu akzeptieren, damit sie zu sich stehen kann.

Wie haben Sie überhaupt bemerkt, dass Elena an einer solch starken Allergie leidet?

Nach der Geburt litt Elena an einer starken Neurodermitis. Da hatten wir schon die Vermutung, dass sich später einmal Allergien entwickeln werden. Im ersten Lebensjahr hat sie das Essen komplett verweigert, wir haben alles versucht. Mit 18 Monaten hatte sie dann ihre erste Anaphylaxie. Ich habe ihr leider ein Kindermüesli gegeben, das etwas geriebene Haselnuss enthielt. Sie hat es sofort ausgespuckt, aber es reichte schon für eine Anaphylaxie. Wir wurden danach ins Kinderspital Zürich verwiesen, die seitenweise Nahrungsmittel gefunden haben, auf die Elena allergisch reagiert. Wir versuchen nach und nach, mit Tests herauszufinden, auf was davon sie wie stark anspricht. Langsam fahren wir damit aber etwas zurück. Denn es tut ihr nicht gut, dass sie dort jeweils Sachen essen muss, von denen sie weiss, dass sie allergisch reagieren könnte.

Nach dieser ersten anaphylaktischen Reaktion musste Ihre Familie also das ganze Leben umkrempeln?

Das mussten wir schon vorher. Wegen ihrer Neurodermitis hat Elena zu Beginn nicht mehr als 90 Minuten am Stück pro Nacht geschlafen. Schon da war zum Beispiel klar, dass gar nicht daran zu denken ist, dass ich einer Arbeit nachgehe. Und als dann die Allergien dazukamen, wurde es schlimmer: Alles selber kochen, das Haus sauber halten, immer aufpassen – ich bin 24 Stunden am Tag damit beschäftigt. Auch unser Essverhalten haben wir ganz an Elena angepasst. Wir essen dasselbe wie sie, verzichten auch auswärts auf Nüsse. Wir wollen unsere Kinder in den Arm nehmen können, sie küssen. Dafür verzichten wir gerne. Elena soll wenigstens in unserem Haus mit unserer Familie angstfrei umgehen können.

An einen normalen Alltag ist also nicht zu denken?

Für uns ist es Alltag geworden. Wenn wir zu Freunden gehen, bringen wir Essen und Pfannen mit. Wenn ich Elena zum Einkaufen mitnehme, habe ich Feuchttücher dabei, damit ich den Einkaufswagen abputzen kann und die Verkaufsflächen mit ausgelegten Nüssen werden weiträumig umgangen. Wenn wir auf den Spielplatz kommen, registrieren wir sofort, ob jemand etwas Nussiges isst. Wenn wir ihr etwas Neues zu essen geben, dann mittags, damit genügend Zeit bleibt, falls sie allergisch reagiert. Würde das nachts passieren, könnte es ja sein, dass wir es nicht mitbekommen. Wir sind eingespielt, aber zurzeit ist es wegen der ganzen Aufmerksamkeit nicht einfach: Wir müssen immer über das Thema reden, die Erinnerungen an die Anaphylaxien wieder aufleben lassen. Das macht mir sehr zu schaffen.

Sie sind eingespielt. Mit der Einschulung kommt jetzt aber eine ganz neue Situation auf Sie zu.

Das Loslassen wird schwer. Wir haben Elena nie fremdbetreuen lassen, höchstens von meinen Eltern. Wenn sie nicht bei mir ist, denke ich trotzdem ständig an sie: Habe ich genügend Essen eingepackt, hat sie genügend inhaliert wegen ihres Asthmas, macht ihr der Pollenflug zu schaffen? Am liebsten habe ich Elena bei mir. Ich bin routiniert. Ich weiss genau, was ich machen muss. Aber Elena freut sich auf den Kindergarten, hat ihre Lehrerin schon kennen gelernt. Diese wollte, dass ich während der ersten Woche noch dableibe, falls etwas passiert. Aber Elena will das nicht. Sie sagt, ihre Lehrerin könne das schon. Ich lasse sie meine Ängste nicht spüren. Sie soll sich einfach freuen.

Aber die nussfreie Schule hilft beim Loslassen?

Natürlich. Wir sind der Schule unglaublich dankbar, dass sie uns so unterstützt und dass so viele Lehrkräfte einen Anaphylaxie-Kurs gemacht haben, um zu lernen, wie sie im Notfall handeln müssen. Und wir sind allen Eltern und Kindern dankbar, die mitmachen, und allen Personen, die uns in den vergangenen Wochen Mut gemacht und ihre Unterstützung zugesagt haben. Das macht uns glücklich und sicher: Es wird funktionieren.

Autor

Julia Gohl

Julia Gohl

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