Baselbieter Turnverband

Nach 150 Jahren Turnverband ist Turnen immer noch angesagt

BLTV-Präsident Gerhard Knecht: «Der BTV Liestal wird sich dieses Jahr auflösen.»

BLTV-Präsident Gerhard Knecht: «Der BTV Liestal wird sich dieses Jahr auflösen.»

Der Baselbieter Turnverband feiert sein 150-Jahr-Jubiläum. «Der Verband ist gut aufgestellt, er hat keine Krise», sagt Präsident Gerhard Knecht. Bei den Bezirksturnverbänden hapert es jedoch. Dieses Jahr wird der BTV Liestal aufgelöst.

Gerhard Knecht, wie gut ist der Baselbieter Turnverband (BLTV) in seinem Jubiläumsjahr in Form?

Gerhard Knecht: Er ist fit. Unser Jubiläum bewegt alles – intern im Verband und extern in den Vereinen. Die Verbandsfinanzen sind gesund. Wir haben ein starkes Angebot an Kursen und Wettkämpfen, auch unsere Präsenz darf sich sehen lassen. Ein permanentes Problem ist jedoch das Personal. Auf Aufrufe folgen jeweils nur wenige Reaktionen. Kurz: Der Verband ist gut aufgestellt, er hat keine Krise.

Der BLTV ist erst 22 Jahre jung. Erst 1992 erfolgte die Fusion des Kantonalturnvereins mit dem Frauenturnverband zum Baselbieter Turnverband. Gibt es heuer dennoch genug Grund zum Feiern?

Selbstverständlich. Wenn wir keine Gründe hätten, dann befänden wir uns in einer Krise.

Aber in drei von fünf Bezirken liegt das Turnen im Argen. Der Bezirksturnverband (BTV) Arlesheim existiert seit 2010 nicht mehr. Der BTV Liestal und BTV Waldenburg liegen auf dem Krankenbett. Woran liegt das?

Es ist eine Entwicklung im Gang, die Arlesheim vor ein paar Jahren erlebt hat. Der BTV Liestal wird sich dieses Jahr auflösen. Wie Sie gesagt haben, ist auch der BTV Waldenburg krank. Sehr gesund ist dafür der BTV Sissach, der Laufentaler Turnverband ist in einem guten Zustand. Im Unterbaselbiet und in Stadtnähe stehen die Turnvereine in stärkerer Konkurrenz zu anderen Sportarten und Freizeitmöglichkeiten. Grundsätzlich freut es mich persönlich, wenn jeder Mensch Sport treibt. Wenn er turnt, bin ich umso glücklicher. Der Hauptgrund, weshalb es den BTV Arlesheim nicht mehr gibt, ist, dass die grosse Mehrheit der Turnerinnen und Turner in diesem Bezirk die Existenz des BTV nicht mehr gesehen haben. Sie fragten sich: Was soll dieser Verband? Und sagten sich: Der Baselbieter Turnverband als Dachverband bietet ja dasselbe an. Einerseits einleuchtend, aber auch gefährlich. Es fühlt sich niemand mehr verpflichtet, man wird zum Trittbrettfahrer: Anlässe organisieren nein, an ihnen teilnehmen ja. Nun sind wir vom Verband gefordert und müssen die Basis betreuen.

Ist Besserung in Sicht?

Erstaunlicherweise hat sich im Bezirk Arlesheim in den vergangenen drei Jahren praktisch nichts zum Negativen verändert: keine Vereinsauflösung, kein Mitgliederschwund, kein Rückgang bei Teilnahmen an Turnfesten und Kursen. Diese Tendenz ist zwar erfreulich, birgt aber eine weitere Gefahr. Die Turnenden in den Bezirken Liestal und Waldenburg können sich sagen: Es geht ja auch ohne BTV. Was wollen wir denn? Das ist nicht nach meinem Gusto. Ich meine, es benötigt ein Zwischenglied zwischen BLTV und vereinen. Aber es braucht nicht fünf Bezirksturnverbände, sondern mindestens deren Zwei – je einen im Ober- und im Unterbaselbiet. So kann die Verbindung zwischen Basis und Dachverband aufrechterhalten bleiben.

Ist es für Sie als BLTV-Präsident nicht beunruhigend, dass ausgerechnet in den zwei bevölkerungsstärksten Bezirken Arlesheim und Liestal das Turnen an Popularität einbüsst?

Das würde ich so nicht sagen. Die Entwicklung im Bezirk Arlesheim seit der Auflösung des BTV spricht eine andere Sprache, wie ich bereits erwähnt habe. Das Interesse am BTV war zwar nicht mehr vorhanden. Aber das Interesse am Turnen ist deshalb nicht kleiner geworden. Wie sich die Situation weiterentwickelt, werden wir sehen. Die nächste Turngeneration muss solche Strömungen genau beobachten und darf nicht erst eingreifen, wenn der Zug schon abgefahren ist.

Ein Problem ist auch die Organisation von Anlässen. Bezirksturnfeste gibt es seit längerer Zeit keine mehr. Scheuen sich Vereine, Wettkämpfe und Turnfeste zu organisieren?

Würde ich nicht generell so sagen. Gegenüber früher finden heute Wettkämpfe und Turnfeste statt, die eine gute Infrastruktur verlangen. Dies führt dann eher zu einer Zurückhaltung bei den Vereinen. Früher wurden regelmässig kleinere Anlässe durchgeführt, und es waren immer wieder routinierte Veranstalter am Werk, die Erfahrung aus vorigen Jahren mitbrachten. Heute ist das ganz anders. Je länger der Unterbruch von einem Turnfest zum andern dauert, desto schwieriger wird es. Erfahrung, Engagement, Ehrgeiz und Mut fehlen. Es steht und fällt mit der Leitung eines Vereins, der Visionen und eine Leaderfigur hat, die etwas anreisst.

Ein Lichtblick ist der TV Diegten, der 2016 das nächste Kantonalturnfest durchführt. Wie unterstützt der BLTV den Organisator?

Der Verband wird mehr Support leisten müssen als beim letzten «Kantonalen» in Aesch 2010. Dort war ich nicht mit allem zufrieden. Es gab diverse Mängel, weil die Zusammenarbeit zwischen Veranstalter und Verband nicht optimal klappte. Daraus habe ich gelernt. Wir müssen den Organisator besser begleiten – technisch und administrativ. Der Technische Leiter des BLTV, Freddy Keller, und ich gehören in Diegten zum OK. Ein Kantonalturnfest ist eine andere Liga als ein Regionalturnfest. Und das soll man auch spüren – überall, angefangen bei der Organisation. Fürs kommende «Kantonale» bin ich sehr zuversichtlich. Der TV Diegten hat ein vorbildliches, detailliertes Bewerbungsdossier abgegeben, das keine Wünsche offen lässt. Ich konnte mich selber an Ort und Stelle über Infrastruktur und Austragungsstätten informieren. Das überzeugte mich. Ich habe Achtung vor dem OK. Dieses nahm unsere Anregungen und Wünsche entgegen. Ich muss allerdings auch anfügen, dass es verschiedene kritische Stimmen gibt, die sich fragen: Kann Diegten das? Aber ich kann versichern: Ganz Diegten steht hinter dem Fest – vom Gemeinderat bis zum Fussballclub.

Wie steht es mit der Zusammenarbeit mit dem Turnverband Basel-Stadt?

Eine eigentliche Zusammenarbeit gibts nicht, aber wir pflegen ein sehr gutes Verhältnis untereinander. Urs Fitz, der Präsident des Turnverbandes Basel-Stadt, und ich tauschen uns regelmässig aus. Die Idee von Kantonalturnfesten beider Basel ist eingeschlafen. Wir wollen unser Baselbieter Kantonalturnfest.

Der BLTV feiert sein 150-jähriges Bestehen. Als Auftakt von mehreren Jubiläumsanlässen während des Jahres wird in einer Woche die neue Verbandsfahne eingeweiht – ein wichtiges Symbol eines Verbandes. Dennoch: Ist eine Verbandsfahne heute noch zeitgemäss?

Mir muss man diese Frage nicht stellen. Für mich ist klar: Es braucht nicht nur eine Vereinsfahne, sondern auch eine Verbandsfahne. Sie ist ein äusserliches Zeichen von Zusammengehörigkeit. Die Turnenden laufen hinter dem Fahnenträger zum Turnfest, nehmen dort an Wettkampf und Rangverkündigung teil und kehren wieder mit der Fahne zurück ins Dorf. Die Bevölkerung nimmt uns mit Fahne wahr. Für die Fahnenweihe haben wir als Gastredner Gregor Dill, den Leiter des Schweizerischen Sportmuseums, engagiert. Er wird über die historische und heutige Bedeutung der Fahne referieren. Man kann sich auch fragen, sind Turnkreuzli, Turnband und Turnerlied noch zeitgemäss?

Das Turnen von früher nach streng-militärischen Vorgaben ist längst dem bunten, dynamischen, technisch-hochstehenden Vereinsturnen gewichen. Eine enorme Entwicklung.

Genau. Das heutige Turnen ist mit früher nicht mehr vergleichbar. Die derzeitige Qualität passt ausgezeichnet in die heutige Zeit. Auch die musikalische Begleitung hat sich enorm gewandelt. Ist es früher das Tamburin gewesen, so sind es heute Hip-Hop und alle anderen modernen Musikarten. Zudem spielt die Bekleidung eine grosse Rolle. Mit ein Grund für diese Entwicklungen war der Zusammenschluss der Frauen und Männer. Vor gut drei Jahrzehnten waren gemischte Gymnastikvorführungen noch undenkbar. Hier schlage ich den Bogen zurück zur Verbandsfahne: Sie ist ein altes Symbol, das noch heute seine Berechtigung hat. Denn das Zusammengehörigkeitsgefühl ist gestärkt worden und immer noch sehr bedeutend.

Wo sehen Sie den BLTV in 20, 30 Jahren?

Wir befinden uns in einer schnelllebigen Zeit. Sicher ist: Den Verband gibt es auch noch in 30 Jahren. In welcher Form, das steht auf einem anderen Blatt. Für einen Nordwestschweizer Turnverband ist es noch zu früh. Aber wir müssen mit der Zeit gehen und dürfen sie nicht verpassen. Wir müssen stets die Augen offenhalten.

Sie sind seit Januar 2008 Präsident des BLTV. Ende Jahr werden Sie zurücktreten und einem Jüngeren Platz machen. Martin Leber aus Sissach, bis 2011 Jugendverantwortlicher des BLTV, steht bereit. In welchem Zustand können Sie ihm den Verband übergeben?

Ohne Eigenlob darf ich sagen, dass ich den Verband in einem gesunden Zustand übergeben darf. Personell könnte er jedoch besser dastehen, das ist der einzige Makel. Ich hatte das Glück, mit einem fast kompletten Vorstand und erfahrenen Leuten zu starten. Ich konnte während meiner Präsidialzeit einen sehr aktiven Vorstand formen, den Verband modernisieren, neue Strukturen einführen und mit einem neuen Erscheinungsbild an die Öffentlichkeit treten. All das kann ich Martin Leber übergeben. Ein Vorstand ohne Querelen. Ich habe glückliche Jahre als Verbandspräsident hinter mir und hoffentlich noch ein schönes Amtsjahr vor mir.

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