Am 30. Juni geht eine Ära zu Ende: Sabine Pegoraro tritt nach 16 Jahren ab; seit Clemens Stöckli (1971–1991) hat kein Mitglied der Baselbieter Regierung so lange gewirkt. Scheinbar locker eilte die Anwältin aus Pfeffingen in den ersten acht Regierungsjahren als Vorsteherin der Sicherheitsdirektion (SID) von Erfolg zu Erfolg. Auswüchse der Jugendkultur wie Harassenlauf oder Hanfläden bekämpfte sie mit Volk und Landrat im Rücken. Sicher brachte sie schwierige Dossiers wie die Reorganisation von Polizei und Staatsanwaltschaft ins Ziel. Wegen ihrer harten Haltung in Law-and-Order-Fragen wurde sie «Eiserne Lady» genannt, was durchaus bewundernd gemeint war.

2011 wurde sie mit dem besten Resultat aller Regierungskandidaten wiedergewählt. Doch mit dem Wechsel in die Bau- und Umweltschutzdirektion (BUD) verlor ihre Amtszeit an Glanz. Vor allem in der nun ablaufenden Legislatur musste die FDP-Magistratin schmerzhafte Niederlagen einstecken: Das Volk lehnte sowohl öV-Ausbauprojekte wie den Margarethenstich als auch Abbaupläne wie die Stilllegung des Läufelfingerli ab. All dies ertrug Pegoraro äusserlich unbeeindruckt. Ihr Durchhaltewillen gilt als legendär, manche nennen es uneinsichtig. Kämpferisch zeigt sie sich auch im grossen Abschiedsinterview.

Frau Pegoraro, in knapp drei Wochen ist Schluss: Wie geht es Ihnen?

Sabine Pegoraro: Es ist ein Wechselbad, und ich habe das berühmte lachende und weinende Auge. Ich gehe fast täglich an eine Veranstaltung oder ein Treffen, an dem ich mich von Bekannten und Weggefährten verabschiede. Das ist noch etwas gewöhnungsbedürftig und stimmt mich wehmütig. Zugleich bin ich dankbar für die intensive, herausfordernde und lehrreiche Zeit.

Sie haben bereits im März 2018 bekannt gegeben, dass im Sommer 2019 Schluss sei. Politiker gelten nach ihrer Rücktrittsankündigung als «lame duck», also als politisch handlungsunfähig. Haben Sie sich zuletzt auch als lahme Ente gefühlt?
Überhaupt nicht, wenn ich sehe, wie viele Menschen noch etwas von mir wollen und wie viele Projekte ich aktuell weiter vorantreibe.

Was war für Sie die schwierigste Zeit in den vergangenen 16 Jahren?
Der Tod von Peter Zwick. Es ist etwas vom Schlimmsten, das Sie erleben können, wenn ein geschätzter Regierungskollege im Amt stirbt. Es ging damals sehr schnell. Das war eine belastende und emotionale Zeit, welche die Regierungsmitglieder zusammengeschweisst hatte. Speziell mit Isaac Reber habe ich sehr gut und eng zusammengearbeitet.

Es heisst, das politische Umfeld in der Schweiz sei rauer geworden. Trifft das auch aufs Baselbiet zu?
Das Klima ist schon rauer geworden. Als Regierungsrat steht man heute noch stärker im Schaufenster als zur Zeit, als ich in die Regierung gewählt worden bin. Das hat auch mit den sozialen Medien zu tun. Politisch wurde schon immer mit harten Bandagen gekämpft, damit hatte ich grundsätzlich nie Probleme. Ich meine aber, die Auseinandersetzung muss sachbezogen bleiben.

Wann war das denn nicht der Fall?
Im Zuge der sogenannten Fahrzeug-Affäre 2017 titelte eine regionale Zeitung: «Schämen Sie sich, Frau Pegoraro». Das empfand ich als unkorrekt und ging mir nahe. Klar: Als Vorsteherin trage ich die Verantwortung dafür, was in meiner Direktion geschieht. Dass personifiziert wird, ist verständlich. Doch wofür sollte ich mich schämen? Mir wurde indirekt unterstellt, ich würde lügen. Dabei habe ich nach Bekanntwerden die Probleme in der Kantonsgarage angepackt. Zudem haben wir unter Beachtung des Persönlichkeitsschutzes transparent kommuniziert.

Haben Sie wegen solcher Probleme mal nicht mehr gut geschlafen?
Nicht deswegen. Auch nicht wegen Abstimmungsniederlagen. Aber die Zeit nach dem Tod Zwicks empfand ich als belastend, weil es sehr viel Mehrarbeit gab. Da kam es vor, dass ich nachts wach lag und mir Gedanken machte.

Sie haben im Sparpaket 2016–2019 die Subventionen fürs U-Abo infrage gestellt und einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Ihre Kritiker sagen, Sabine Pegoraro habe in den letzten Jahren kein Fettnäpfchen ausgelassen.
Ich habe mich nie gescheut, heisse Eisen anzufassen. Kürzlich hat mich auf der Strasse eine Frau angesprochen: «Sie wollten doch das U-Abo abschaffen.» Ich habe ihr dann erklärt, dass das so nicht stimmt. Von Abo abschaffen war nie die Rede. Mit kontroversen, emotional aufgeladenen Geschäften wird man auch Jahre später persönlich in Verbindung gebracht. Die Deponieplanung oder zuvor in der Sicherheitsdirektion der Harassenlauf oder das Hanfgesetz waren ebenfalls solche Geschäfte. Einige konnte ich erfolgreich abschliessen, bei anderen kassierte ich eine Niederlage. Das war für mich aber nie ein Grund, Themen nicht anzusprechen, die ich als wichtig erachtete.

Weshalb wechselten Sie nach acht Jahren von der SID in die BUD? Aus Pflichtgefühl gegenüber der bürgerlichen Mehrheit, die einen grünen Baudirektor verhindern wollte?
Hätte mich die Baudirektion und die Herausforderung des Neuen nicht gereizt, hätte ich sicher nicht gewechselt. Die Wahl von Isaac Reber und insbesondere die Abwahl des damaligen Baudirektors Jörg Krähenbühl kamen überraschend. Meine Regierungskollegen und ich waren darauf nicht vorbereitet und mussten rasch einen Entscheid fällen. Zugegeben: Es gab damals im bürgerlichen Lager Stimmen, die keinen grünen Baudirektor wollten. Ich kann dazu nur sagen: Ich habe Isaac Reber immer als unideologischen Grünen wahrgenommen und verstehe mich mit ihm wie erwähnt sehr gut.

Wir meinen, Sie waren in Ihren ersten acht Jahren erfolgreicher als in Ihren zweiten acht. Einverstanden?
Ich teile diese Einschätzung nicht. In den vergangenen 16 Jahren durfte ich 20 Geschäfte in Volksabstimmungen vertreten. Nur fünf habe ich verloren.

Wenn wir richtig gerechnet haben, fallen alle Niederlagen in Ihre Zeit als Baudirektorin.
Ja, aber in der gleichen Zeit habe ich sechs Geschäfte in Volksabstimmungen durchgebracht, darunter umstrittene wie die Einführung der Gewerbeparkkarte, die Umfahrung Allschwil oder die Umgestaltung der Rheinstrasse. Dass eine Baudirektorin auch mal eine Abstimmung verliert, ist nicht ungewöhnlich. Ich bin mit meiner Bilanz zufrieden.

Sämtliche Niederlagen fallen in die nun ablaufende Legislatur. Haben Sie eine Erklärung dafür?
Man muss schon sehen, dass die vergangene Legislatur ohne SP in der Regierung und einer klaren bürgerlichen Mehrheit im Landrat von einer starken Polarisierung geprägt war. Diese schlug sich in Sachgeschäften nieder. Ein Beispiel ist die gescheiterte Entwicklungsplanung Leimental-Birseck-Allschwil (Elba). Im Abstimmungskampf im Herbst 2015 behaupteten Gegner, mit Elba werde für 1,8 Milliarden Franken eine Luxusstrasse gebaut. Das war nachweislich falsch – doch die Medien verbreiteten diesen Unsinn teilweise weiter. Mir gelang es nicht, diese Behauptung aus der Welt zu schaffen. Als Regierungsmitglied sind einem da bis zu einem gewissen Grad die Hände gebunden: Man kann bloss die Fakten predigen und hoffen, dass sie der Polemik standhalten.

Welche Fehler haben Sie gemacht? Man kann Ihnen vorwerfen, dass Sie bei einigen Geschäften, etwa der geplanten Stilllegung des Läufelfingerli, das politische Fingerspitzengefühl vermissen liessen.
Als Regierungsrätin muss man immer wieder Entscheide treffen. Es kann vorkommen, dass man im Nachhinein sagen muss: «Ich hätte auch anders entscheiden können und vielleicht anders entscheiden müssen.» Das hat mit fehlendem Fingerspitzengefühl aber nichts zu tun. Wenn Sie nicht entscheiden, machen Sie nur vermeintlich keine Fehler. Zum Läufelfingerli möchte ich Ihnen Folgendes sagen: Die Stilllegung habe nicht ich entschieden. Das war letztlich ein Auftrag des Landrates, den wir als Regierung umgesetzt haben.

Was war Ihre bitterste Niederlage?
Schon die verlorene Elba-Abstimmung. Meine Fachleute haben Tausende Stunden in eine Planung gesteckt, die ich noch heute als gut und zukunftsgerichtet erachte. Auch hat geschmerzt, dass eine Vorlage mit nachweislich falschen Argumenten sabotiert wurde.

Ihr schönster Sieg?
Speziell war das klare Volks-Ja 2003 zum Hanf-Gesetz. Weil es eine meiner ersten Abstimmungen war, die ich als Regierungsrätin vertrat. Auch das ein sehr umstrittenes Geschäft. Ein Höhepunkt war für mich zudem, dass ich als Baselbieter Sicherheitsdirektorin und Fussballfan hautnah in die Planung und Durchführung der Euro 08 involviert war. Aus den Jahren als Baudirektorin möchte ich die Eröffnung des FHNW-Neubaus in Muttenz hervorheben, den ich von der Projektierung bis zur Einweihung, dies notabene ein Jahr vor dem veranschlagten Termin, begleiten durfte. Ihre Zeitung hat auf zwei Seiten über den Neubau berichtet, dabei den Namen «Pegoraro» kein einziges Mal erwähnt. Nicht, dass dies grundsätzlich nötig gewesen wäre. Aber hätten wir während der Arbeiten Probleme gekriegt, wäre in den Medien wohl die Schlagzeile «Pegoraros Direktion hat versagt» zu lesen gewesen.

Sie können aus Ihren acht Jahren als Baudirektorin nur wenige fertige Projekte vorweisen. Die A 22, die Sie 2013 einweihen durften, haben Sie von Ihren Vorgängern übernommen.
Tatsächlich lagen nach der Eröffnung der A 22 keine baureifen Strassenprojekte vor. Das lag auch an einem Entscheid, nicht gleichzeitig mehrere voranzutreiben. Weshalb das so war, weiss ich nicht. Ich musste nach meinem Antritt als BUD-Vorsteherin etliche Projekte aufgleisen. Nun sind wir auf gutem Weg: Bereits im Bau befindet sich der Pfeffingerring in Aesch, demnächst wird die Verlegung der Rheinstrasse in Salina Raurica in Angriff genommen, beim Zubringer Bachgraben sind wir intensiv an der Ausarbeitung einer Vorlage für einen Projektierungskredit.

Für Furore gesorgt haben Sie mit der Idee, den Doppelspurausbau der Bahnlinie im Laufental durch eine Vorfinanzierung zu beschleunigen. Wie geht es da weiter?
Der Nationalrat hat vor Wochenfrist grünes Licht gegeben zum Ausbauschritt 2035 für die Bahninfrastruktur. Damit ist der Doppelspurausbau im Laufental unter Dach und Fach. Der Spatenstich ist für 2021 vorgesehen, 2024 soll die Doppelspur zwischen Duggingen und Grellingen in Betrieb genommen werden. Mit grosser Wahrscheinlichkeit zahlt der Bund die Baukosten von 120 Millionen Franken auf Anhieb. Sollte dies doch nicht der Fall sein, verfügen wir über einen Vorfinanzierungs-Beschluss des Landrats. Im erwähnten Ausbauschritt finden sich zahlreiche weitere regionale öV-Projekte, darunter das Herzstück.

Apropos: Ist das Herzstück gefährdet, wenn ein wichtiger Bestandteil, der Bahnanschluss an den Euro-Airport (EAP), aus politischen Gründen wegfallen würde?
Das nicht. Das Herzstück könnte auch ohne Bahnanschluss an den Flughafen operieren. Dieser ist aber eine der Zulaufstrecken. Die volle Wirkung entfaltet das Herzstück nur mit dem EAP-Bahnanschluss. Zwar könnte auch mit einer anderen Zulaufstrecke zum Herzstück auf französischer Seite ein zeitgemässes S-Bahnsystem etabliert werden. Allerdings wäre es höchst seltsam, wenn diese Züge ausgerechnet den Flughafen nicht bedienen würden. Wir sind seit vielen Jahren der einzige Schweizer Landesflughafen ohne Bahnanschluss. Das sollte nicht so bleiben.

Die Grünen sagen, mit dem Bahnanschluss werde das klimaschädliche Fliegen ab Basel noch attraktiver.
Der Euro-Airport funktioniert auch ohne Bahnanschluss. Es ist ein Trugschluss zu meinen, mit einem Nein dazu könne die Entwicklung des Flughafens behindert werden. Dieser wird wachsen, am besten tut er das, wenn möglichst viele Reisende umweltfreundlich per Bahn zum Flugzeug gelangen. Dass ausgerechnet von den Grünen Widerstand kommt, ist für mich unverständlich.

Zum Schluss: Was machen Sie nach dem 30. Juni? Um sich aufs Altenteil zurückzuziehen sind Sie mit Ihren 61 Jahren noch etwas jung.
Ja, ich möchte über das offizielle AHV-Alter 64 hinaus beruflich tätig sein. Zunächst nehme ich ab 1. Juli eine Auszeit und werde mit meinem Ehemann einige Wochen verreisen. Ab 1. September werde ich in meinem angestammten Beruf als Anwältin tätig sein. Und zwar als Partnerin in der bekannten Kanzlei Swisslegal Dürr + Partner in Basel. Ich wurde angefragt und habe mir das gut überlegt. Für mich ist es eine gute Gelegenheit, das grosse Netzwerk und Fachwissen, das ich mir in der Regierung angeeignet habe, beruflich weiterzuverwenden. Als Partnerin kann ich meinen Tätigkeitsbereich weitgehend selbstständig abstecken.

Wie halten Sie es mit der Politik? Andere alt Regierungsräte haben sich als Wahlkampfleiter versucht.
Ich werde mich aus der Politik zurückziehen und weder öffentlich noch in meiner Partei ein Mandat oder Amt anstreben. Nach 16 Jahren in der Kantonsregierung ist nun eine gute Gelegenheit, einen Schlussstrich zu ziehen und neue Wege einzuschlagen.