Protestaktion

Nach Blutlaken-Protest gegen General Sutter: Historikerin fordert Gegendenkmal

Das blutige Laken ist mittlerweile weg: Nur noch Efeu bedeckt den Gedenkstein von General Sutter in Rünenberg.

Das blutige Laken ist mittlerweile weg: Nur noch Efeu bedeckt den Gedenkstein von General Sutter in Rünenberg.

Die Baselbieter Jusos verhüllten den Gedenkstein an Johann August Sutter mit einem blutverschmierten Tuch. Er sei ein skrupelloser Sklavenhändler gewesen, sagt auch die Historikerin Rachel Huber. Damit rüttelt sie an einer Heldenfigur - und wird dafür angefeindet.

Das weisse Laken, welches vergangene Woche das «General Sutter»-Denkmal in Rünenberg verhüllte, war mit Blutspritzern gesprenkelt, davor ein Schild: «Keine Denkmale für Sklav*innenhalter.» Die Baselbieter Jungsozialisten knüpften mit ihrer Aktion an einen Farbanschlag der Black-Lives-Matter-Bewegung auf eine Sutter-Statue im kalifornischen Sacramento an. Die Verehrung des gebürtigen Baselbieters Johann August Sutter, der 1834 in die USA ausgewandert war und als einer der Gründerväter von Sacramento gilt, beginnt auch bei uns zu bröckeln. Das fusst mitunter auf den Forschungen der aus Frenkendorf stammenden Historikerin Rachel Huber der Universität Luzern. Gegenüber der bz zeigt sie auf, wie problematisch die Glorifizierung Sutters ist – und wie schwer es ist, etwas daran zu ändern.

Was sagen Sie zur Aktion der Jusos in Rünenberg?

Rachel Huber: Es war clever, dass sie den Gedenkstein nicht zerstört oder mit Farbe verunstaltet, sondern ihn verhüllt haben. Ich als Historikerin bin gegen die Zerstörung von Denkmälern, denn sie sind eine historische Quelle und sagen nicht nur etwas über die dargestellte Person sondern auch über die Zeit aus, in der sie errichtet wurden.

Die Aktion der JUSO mit dem blutverschmierten Laken.

Die Aktion der JUSO mit dem blutverschmierten Laken.

Die Jusos fordern nicht, dass der Stein entfernt, sondern dass er umgewidmet wird.

Die Aktion könnte einen Impuls geben, dass zum Beispiel die Beschriftung ergänzt und auf die dunklen Seiten von Sutter hingewiesen wird. Besser wäre aber, eine Art Gegendenkmal daraus zu machen, es also künstlerisch zu verändern und so eine weitere historische Schicht hinzuzufügen. Das wäre die Gelegenheit für die Politik, Historiker oder die Bürger von Rünenberg, sich einzubringen und sich damit vertieft auseinanderzusetzen.

Wie könnte das aussehen?

Im englischen Bristol rissen vor einer Woche Protestanten die Statue des Sklavenhändlers Edward Colston nieder und schmissen sie in den Fluss. Der Künstler Banksy schlägt vor, sie wieder aufzustellen, dazu aber neu den Akt des Niederreissens auch in Bronze zu verewigen.

Der Gemeindepräsident von Rünenberg, Peter Grieder, verurteilte gegenüber «Onlinereports» die Verhüllung und sagte, dass General Sutter für ihn «immer eine gute Person war». Es sei eben eine andere Zeit gewesen.

Das ist eine problematische Haltung. Obwohl er meine Forschungen kennt, verteidigt er die Verklärung von Sutters Biografie. Nicht nur ich, auch renommierte amerikanische Historiker belegen, dass Sutter etwa ein Tauschgeschäft mit indigenen Frauen und Kindern aufbaute und mit den Frauen auch sexuelle Handlungen vollzog. Sklavenhandel mag damals «normal» gewesen sein, doch Sutters Fokussierung auf Kinder und seine brutale Art wurden selbst von Weggefährten kritisiert und als skrupellos angesehen, wie eindeutig dokumentiert ist.

Sie rütteln an einem Baselbieter Helden. Werden Sie deswegen angefeindet?

Nach der Veröffentlichung meiner Arbeit vergangenen Dezember erhielt ich unzählige E-Mails von Empörten, die mir Schimpf und Schande sagten. Meistens sind es ältere Herren, so etwa der Autor Bernard Bachmann, der 2005 eine Sutter-Biografie herausbrachte. Er zeichnet das Bild eines Schlitzohrs und verharmlost die dunklen Seiten Sutters. Sein Roman ist höchstens populärwissenschaftlich. Es spricht für sich, dass seine Beschwerde bei der Schweizerischen Zeitschrift für Geschichte, die meine Arbeit geprüft und publiziert hat, bis heute nicht veröffentlicht wurde.

Wie erklären Sie sich die hiesige Verehrung von Sutter?

Sie ist nur schwer nachvollziehbar. So engagierte er sich nie wohltätig für seine alte Heimat in Liestal, Basel oder Rünenberg. Er blickte nie zurück. Und im postkolonialen Kontext gibt es gar keinen Grund für Glorifizierung. Schon in der Schweiz war Sutter eine gescheiterte Existenz, der vor dem Schulden- und Konkursgefängnis in die USA flüchtete und seine Familie im Armenhaus zurückliess. Als Hochstapler landete er auch in den Staaten vor Gericht, flüchtete erneut und kam bloss zu Land, weil er ein Günstling des mexikanischen Gouverneurs wurde. Selbst das Goldnugget auf seinem Gut fand nicht er, sondern seine indigenen Arbeiter. Die meiste Zeit war Sutter alkoholisiert, weswegen er die Führung seiner Geschäfte interimistisch seinem Sohn überschrieb. Dieser war es, der zwecks Schuldentilgung die Landparzellen verkaufte und 1848 Sacramento mitbegründete – nicht sein Vater.

1987 sprach der Kanton Baselland sprach 50000 Franken an die Sutter-Statue in Sacramento und Liestal ging 1989 eine Städtepartnerschaft ein. Sollte Letztere nun überdacht werden?

Es steht fest, dass schon damals Kritik an Sutter im Landrat an die Regierung herangetragen worden war. Doch ich fordere nicht, dass die Städtepartnerschaft aufgelöst wird. Was es braucht, ist eine kritische Auseinandersetzung basierend auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft. Man muss die alten Spuren nicht verwischen, sondern sie ergänzen und umwerten. Auf der ganzen Welt ist ein Momentum gegen Rassismus da. Auch Baselland sollte an diesem globalen Diskurs teilnehmen.

Literaturhinweis:
«‹General Sutter› – die obskure Seite einer Schweizer Heldenerzählung»
von Rachel Huber, publiziert in der Schweizerischen Zeitschrift für Geschichte, Dezember 2019.

Meistgesehen

Artboard 1