Drogenkonsum

Nach dem Xanax-Fall von Gelterkinden: Eine Mutter erzählt, wie ihr der Sohn entglitten ist

«Es begann mit Kiffen»: Gerade Alleinerziehende solidarisierten sich oft mit dem Kind, sagt eine Mutter. (Symbolbild)

«Es begann mit Kiffen»: Gerade Alleinerziehende solidarisierten sich oft mit dem Kind, sagt eine Mutter. (Symbolbild)

Der Fall machte landesweit Schlagzeilen. Das Leid der Eltern geht vergessen. Die bz sprach mit der Mutter eines Sekundarschülers, der mit Xanax-Pillen dealte und sie auch selber schluckte.

Sie redet wie ein Wasserfall. Doch immer wieder gibt es Pausen. Sie muss durchatmen, sagt Dinge wie: «Ich kann das alles gar nicht richtig glauben.» N. M.* ist alleinerziehende Mutter. Vor Kurzem wurde ihr Sohn von Jugendpolizisten abgeholt. Er hatte Xanax konsumiert, vertickte Pillen in der Freizeit an Gleichaltrige.

Unter Jugendlichen in der Region wird laut einem Bericht der «Zeit» im grossen Stil mit verschreibungspflichtigen Medikamenten gedealt. Auf Baselbieter Pausenhöfen und im Ausgang sei es nicht nur eine Leichtigkeit, an Cannabis heranzukommen. Hoch im Kurs stünden jetzt auch Stoffe wie Xanax, Oxycodon, Tramadol und Hustensaft. Vergangene Woche wurde ein Zwölfjähriger Sekundarschüler aus Gelterkinden ins Spital gebracht. Offenbar hatte er so viele Xanax-Pillen geschluckt, dass er kaum noch gehen konnte. Fachleute haben schon lange Alarm geschlagen. Im Dezember sprachen zwei Baselbieter Jugendanwälte in der «Schweiz am Wochenende» von einer kommenden Drogenwelle.

Der 16-Jährige, von dem das Interview handelt, besucht eine Sekundarschule im Unterbaselbiet. Aus Rücksicht auf den Sohn will die Mutter nicht mit Namen genannt werden.

Wie haben Sie die Drogenprobleme Ihres Sohnes bemerkt?

N. M.*: Er begann mit Kiffen, das war vor etwa zwei Jahren. Dann stieg er auf Medikamente um, brauchte immer mehr Geld, war immer öfters abwesend, hatte Probleme in der Schule. Und irgendwann war dann die Polizei bei uns zu Besuch: Er hatte mit Pillen gedealt.

Geht es zu lange, bis die Repression zieht?

Meiner Erfahrung nach: Ja. Das ist gerade für Alleinerziehende wie mich verheerend. Ich tappte in die Mitleidsfalle, wie andere auch, wenn ihr Kind plötzlich Probleme hat. Kinder können ihre Eltern um den Finger wickeln, werden manipulativ. Zuerst heisst es, die Freunde seien die Bösen, sie selber hätten gar nichts getan. Dann heisst es, es sei nur einmal passiert, das komme nicht mehr vor. Sie spielen alles herunter, lügen. Selber hält man dann zum Kind. Diese Solidarität ist kontraproduktiv.

Wie können Eltern aus diesem Teufelskreis ausbrechen?

Man muss Grenzen setzen. Und vor allem: konsequent sein. Drogen: Nein! Ein No-go! Gibt’s bei mir nicht. Das habe ich auch immer so gesagt, geschrien sogar! Man sollte auch nicht nur den «schlechten» Kollegen Hausverbot geben, sondern auch dem eigenen Kind, wenn es sich nicht an die Regeln hält.

Gehen die Schulen, die Polizei, die Jugendstaatsanwaltschaft richtig vor, oder gibt es dort auch Defizite?

Wenn die Polizei vorbeikommt zu Hause, weil der Sohn «dreingelaufen» ist, dann läuft das ruhig ab, professionell, zuvorkommend. Aber die Polizisten bohren nicht weiter. Ich erhielt einen eingeschriebenen Brief mit einer Nummer drauf, um einen Besuchstermin vereinbaren zu können. Mein Sohn war ja in Untersuchungshaft. Aber dass ich selber auch Unterstützung benötigen könnte, an das wurde nicht gedacht. Dabei sind solche Momente auch für die Erziehungsberechtigten ein Schock. Man wird bestimmte Momente und Bilder nicht wieder los.

Das Infragestellen der Werte der Erwachsenen gehört zur Jugend. Wogegen rebellieren heutige Jugendliche, wenn sie sich mit Angstlösern zudröhnen?

Das habe ich mich auch schon gefragt. Und ich habe keine richtige Antwort gefunden. Es gibt sicher viele, die frühkindliche, nicht oder nicht richtig behandelte Traumata mit sich herumtragen. Unsere heutige Gesellschaft ist da nicht gerade hilfreich. Es herrscht eine grosse Konsumgeilheit. Sie vermittelt das Gefühl, man könnte alles kaufen, es brauche nur genug Geld. Da ist das Dealen eine riesige Verlockung: Rasch Kohle machen. Hier kommen schlechte Vorbilder ins Spiel. Auch mein Sohn hatte Kontakt mit Erwachsenen, die ihm zum Teil die Medikamente verschafft haben. Ich vermute auch, das Digitale hat eine Mitschuld, die Smartphones üben einen schlechten Einfluss aus. Die Teenager sind unter Druck, müssen mithalten, um dabei zu sein. Allzu oft sind auch die Verhältnisse zu Hause schwierig und dies bedeutet, dass sie oft ohne Schutz, ohne Erholung da stehen und ihr Selbstvertrauen leidet. Sie kompensieren diese Defizite dann in Peer Groups.

Was macht das Smartphone mit den Jugendlichen?

Das Teilen von Bildern und Videos inklusive Mobbing-Gefahr ist schrecklich, und das läuft meist über Snapchat, Instagram und so weiter. Das Smartphone erlaubt es den Jungen auch, allein zu sein, ohne sich einsam zu fühlen. Alle sind ja online. Trotzdem fehlt das Kollegiale, das gemeinsame Erleben in der realen Welt. Wer nur noch am Smartphone hängt, der entwickelt dieses Gefühl nicht. Übrig bleibt eine totale Lust- und Antriebslosigkeit. Sie haben null Bock. Wenn ich meinen Sohn und seine Kollegen kritisiert habe für ihr Rumgehänge, hiess es nur: Chill mal! Es macht mich traurig, wenn ich Jugendliche sehe, an der Bushaltestelle, dunkle Kleider, die Kapuze hochgezogen, Blick nach unten. Junge Männer, in der Blüte ihrer Kraft, haben einen Buckel, weil sie immer aufs Natel starren.

Die aktuelle Drogenwelle scheint vor allem die Agglomeration zu treffen, nicht die Stadt. Weshalb?

Meine Vermutung: Im Dorf gibt es noch feste Strukturen. Man kennt sich. In der Stadt gibt es die Herausforderungen, die Durchmischung. Man muss aufpassen, nicht unterzugehen. Die Agglomeration ist überschaubar, aber trotzdem anonym. Die Jungen haben alles, und trotzdem fehlt vielen etwas Elementares. Sie können aber nicht richtig rebellieren. Also rebellieren sie gegen ihr eigenes Leben.

 *Name der Redaktion bekannt.

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