Systemwechsel

Nach der Mandel-Operation direkt nach Hause

Die beiden Basel wollen ein neues Gesetz: Künftig sollen stationäre Spitaleingriffe nicht mehr abgegolten werden, wenn sie ambulant durchgeführt werden können.

Die beiden Basel wollen ein neues Gesetz: Künftig sollen stationäre Spitaleingriffe nicht mehr abgegolten werden, wenn sie ambulant durchgeführt werden können.

Baselland und Basel-Stadt wollen gewisse medizinische Eingriffe nicht mehr abgelten. Darunter fallen Mandel- oder Krampfaderoperationen aber auch die Behebung des Grauen Stars oder Kniespiegelungen.

Die Gesundheitsdirektoren von Baselland und Basel-Stadt wollen das Gesundheitswesen radikal umkrempeln. Ihr Plan: Stationäre Eingriffe werden nicht mehr abgegolten, wenn sie auch ambulant durchgeführt werden können.

Das Prinzip «ambulant vor stationär» soll mithelfen, teure Spitalaufenthalte zu vermeiden. In den vergangenen Jahren ist die Zahl der Eingriffe in Stadt- und Landkanton stets gestiegen. Mit dem Systemwechsel erhoffen sich die beiden Basel, das Kostenwachstum im Gesundheitswesen einzudämmen. Eine entsprechende interkantonale Vereinbarung ist bereits in Arbeit.

Das geht aus einem Bericht der Volkswirtschafts- und Gesundheitskommission des Baselbieter Landrats hervor. Die Kommission schreibt, mit der neuen Vereinbarung würden «Regeln und Mechanismen» zur Steuerung der stationären Spitalversorgung festgelegt. Im Stadtkanton wird das gleiche Projekt verfolgt. Das Gesundheits-Departement sagt auf Anfrage, die Gesetzesänderungen würden voraussichtlich schon Mitte Jahr in die Vernehmlassung gehen.

Noch kein vergleichbares Gesetz

Die beiden Kantone wittern ein immenses Einsparpotenzial. Zahlen für die Region werden im Kommissionsbericht keine genannt, jedoch für die Schweiz: Eine «konsequente Ausschöpfung der ambulanten Operationsmöglichkeiten», heisst es darin, könnte das schweizerische Gesundheitssystem mit bis zu einer Milliarde Franken pro Jahr entlasten.

Das habe eine Studie aufgezeigt. Heruntergebrochen auf die Bevölkerungsanteile der beiden Basel würde dies Einsparungen von jährlich über 50 Millionen Franken bedeuten. Auch bei der geplanten Spitalgruppe beider Basel soll dem Paradigmenwechsel Rechnung getragen werden. So will der Kanton Baselland das Bruderholz-Spital in eine Tagesklinik für planbare Eingriffe umwandeln. Das letzte Wort hat in dieser Angelegenheit aber das Baselbieter Stimmvolk am 21. Mai.

Noch ist schweizweit kein vergleichbares Gesetz in Kraft. Mit entsprechenden Plänen schlägt man sich aber bereits in anderen Kantonen herum. Zürich berät demnächst eine entsprechende Gesetzesänderung, in Luzern tritt eine solche bereits per 1. Juli in Kraft. Der Kanton beteiligt sich dann nur noch an den Kosten von stationären Behandlungen, wenn sie medizinisch begründet werden können.

Das Einsparpotenzial beziffert das Luzerner Gesundheitsdepartement mit «mehreren Millionen Franken». Genannt wird eine Studie, wonach die gleiche Massnahme im Schnitt 2,3 Mal mehr kostet, wenn der Patient im Spital verbleibt, statt nach Hause verlegt zu werden. Bereits publiziert ist in Luzern eine Liste von 13 Eingriffen oder Untersuchungen, die unter die neue Regelung fallen.

Zu diesen gehören etwa Kniespiegelungen, Mandel- oder Krampfaderoperationen, die Behebung des Grauen Stars oder Nierenstein-Zertrümmerungen.
Lohnend wäre die Verschiebung für die Kantone aber vor allem deshalb, weil ambulante Leistungen komplett von der Krankenkasse übernommen werden. Bei stationären Behandlungen jedoch beteiligt sich der Kanton im Verhältnis 55 zu 45 Prozent.

Dies sei jedoch nicht die Hauptmotivation hinter der Vereinbarung, schreibt Jürg Sommer, Leiter des Baselbieter Amts für Gesundheit, auf Anfrage: «Mehr ambulante Eingriffe in gleicher Qualität zu teilweise deutlich tieferen Kosten» seien auch im Interesse der Krankenkassen und Prämienzahler.

Bei der Einführung der Fallkosten-Pauschalen 2012 war die Angst vor «blutigen Entlassungen» gross. Sommer sagt, solche dürfe es nicht geben: «Bei Komplikationen während eines Eingriffs wird die Lage selbstverständlich neu eingeschätzt.»

Ärzte reagieren ablehnend

Mittlerweile ist auch das Bundesamt für Gesundheit aktiv geworden: Es will eine eigene Liste mit grundsätzlich nur noch ambulant vorzunehmenden Eingriffen ausarbeiten. Skeptisch reagiert der Krankenkassen-Verband «Santésuisse». Man bevorzuge andere Wege, sagte Direktorin Verena Nold in der «NZZ am Sonntag».

Die Ärztegesellschaft Baselland teilt mit, man sei über die Vorhaben der Kantone noch nicht informiert worden. Sie verweist auf die Stellungnahme der Konferenz der Kantonalen Ärztegesellschaften. Diese schreibt: «Wichtig ist, dass der Patient die in seinem Fall beste Behandlung bekommt, unabhängig, ob stationär oder ambulant.» Listen wie diejenige in Luzern seien «nicht zielführend»; die erhofften Einsparungen bezeichnet sie als «sehr spekulativ».

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