Fasnacht

Nach Horror-Unfall: Kollege des toten Fasnächtlers muss vor Gericht

Ein Dorf in Schockstarre: In Liesberg brannten nach dem tödlichen Unfall viele Trauerkerzen.

Ein Dorf in Schockstarre: In Liesberg brannten nach dem tödlichen Unfall viele Trauerkerzen.

Am Fasnachtsumzug 2019 in Liesberg stürzte ein 40-jähriger Aktiver vom Wagen seiner Clique. Der für den Bau zuständige Kamerad muss sich im November wegen fahrlässsiger Tötung vor dem Baselbieter Strafgericht verantworten. Der tragische Todesfall hat im Laufentaler Dorf, wo jeder jeden kennt, tiefe Narben hinterlassen.

Der tragische Unfall machte landesweit Schlagzeilen und löste in der Fasnächtlerszene reihum Bestürzung aus: Am Sonntagsumzug 2019 in Liesberg stürzte ein Fasnächtler vom Wagen und zog sich tödliche Verletzungen zu. Die Clique hatte zuvor am Umzug für Spektakel gesorgt: In Superman-Verkleidung flogen die vier Wägeler durch die Luft; sie hingen dabei mit Auffang- und Sicherungsgurten, Karabinern und Seilen gesichert an einem Drehkreuz aus Metall, das an einem ausfahrbaren Kran auf dem Wagen befestigt war.

Um 15.33 Uhr an jenem 3. März 2019 fiel einer der Männer aus drei bis vier Metern Höhe auf den Boden und prallte mit dem Kopf auf den Asphalt. Der 40-Jährige starb trotz Reanimationsversuchen an der Unfallstelle vor dem Dorfladen. Die Gerichtsmedizin stellte später ein Schädel-Hirntrauma, einen Biegungs-Berstungsbruch des Schädels sowie Zerreissungen der harten Hornhaut fest.

Seil gerissen, Sicherung ungenügend

Der Tod vor den Augen der Umzugsbesucher versetzte das beschauliche Liesberg in Schockstarre. Dass alle närrischen Aktivitäten sofort abgebrochen wurden, war selbstverständlich. In der 1100-Einwohner-Gemeinde im hinteren Laufental, wo jeder jeden kennt und viele um das im Dorf wohnhafte Opfer trauerten, hat der Unfall tiefe Narben hinterlassen. Nun muss sich ein Cliquenkollege vor dem Baselbieter Strafgericht verantworten. Die Staatsanwaltschaft hat Anklage wegen fahrlässiger Tötung gegen den 43-Jährigen erhoben. Die Verhandlung findet am 17. November statt. Für ihn gilt die Unschuldsvermutung.

Was Augenzeugen nach dem Unfall zu Protokoll gaben, wird nun von der Staatsanwaltschaft bestätigt: Ein gerissenes Seil führte den Sturz des Fasnächtlers herbei. Laut Anklageschrift soll der Beschuldigte ein ungeeignetes und altes Seil verwendet haben. Zudem habe er einen Knoten geschlagen, der alleine die in der Luft hängenden Kollegen nicht genügend absicherte. Weil sich dieser Knoten während des Umzugs löste, kam schlagartig Zug auf das Seil, das dann über einer scharfen Kante riss.

Der Mann wird in der Anklageschrift freilich nicht als sorg- und verantwortungsloser Zeitgenosse beschrieben. Im Gegenteil: Er engagiert sich im Dorf in mehreren Vereinen und Institutionen, in seinem Beruf bildet er Lehrlinge aus. Von Kollegen wurde er in der Einvernahme bewundernd als «Allrounder», ja als «Genie» bezeichnet. Und obwohl es in der kleinen Clique keine formellen Hierarchien gab, galt er faktisch als Chef. Die Mitglieder vertrauten darauf, dass ihr Kollege punkto Sicherung der selbst gebauten Vorrichtung am Fasnachtswagen alles im Griff hatte. Zumal er ihnen gegenüber betont hatte: «Ich habe die Ausrüstung bei Profis besorgt.»

Diese Aussage stimmt laut Anklage allerdings nur in Bezug auf Karabiner, Sicherungs- und Auffanggurte. Nicht aber für das Seil, welches zehn Jahre alt sein dürfte und das der Angeklagte zuvor auch bei einem Baumhaus verwendet hatte. Zudem bestand das Seil aus nicht reibungsbeständigen Fasern und hatte keine festen Ösen, war also für die Aufhängung nicht geeignet. «Die Gefahr des Reissens hätte er erkennen müssen», schreibt die fallführende Staatsanwältin. Dasselbe gilt für den Knoten, den sogenannten Halben Schlag, der sich gelöst hatte. Fazit der Staatsanwaltschaft zum Verhalten des Angeklagten: «Er hätte die Anseilschutz- und Knotenkunde fachkundigen Profis überlassen sollen.»

Landumzüge ohne klare Sicherheitsregeln

Das Urteil dürfte in der regionalen Fasnächtlerszene mit grossem Interesse zur Kenntnis genommen werden. Im Gegensatz zur Basler Fasnacht, wo die Polizei jeden Wagen vor dem Cortège inspiziert, sind auf dem Land die Sicherheitsregeln uneinheitlich. Eine zentrale Inspektion der Wagen der mehreren Dutzend Umzüge im Baselbiet sei nicht praktikabel, sagte ein Sprecher der Kantonspolizei nach dem Unfall in Liesberg. Vielerorts nimmt das Fasnachtskomitee die Wagen ihres Umzugs unter die Lupe. Reglemente fehlen meist, Haftungsfragen sind ungeklärt. Letztlich bleiben die Cliquenmitglieder für die Sicherheit verantwortlich. Diese Tatsache wurde dem Angeklagten mit dem Unfalltod seines Kollegen schmerzlich vor Augen geführt.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1