Altmeister Franz Kafka hätte es sich nicht besser ausdenken können. Doch im Gegensatz zu seinen Geschichten ist jene um den exponierten Götterbaum an prominenter Lage in Liestal in ihrer ganzen Absurdität real.

Und so geht sie: Obwohl der Götterbaum ein Neophyt ist, geniesst er den höchsten lokalen Schutz und ist im Liestaler Zonenplan Siedlung als erhaltenswertes Gehölz vermerkt. Diese Sonderstellung verdankt er seiner Ausstrahlung: Der etwa 80-jährige Baum prägt mit seiner Mächtigkeit das Bild am unteren Eingang zur Altstadt.

Doch das Neubauprojekt Rebgarten mit 66 Alterswohnungen und 40 Pflegebetten brachte ihn in Bedrängnis. Zwei Liestaler sahen ihn sogar hochgradig gefährdet und machten Einsprache gegen das Bauprojekt. Das brachte eine kleine Armada von Baumfachleuten auf den Plan, die den Götterbaum untersuchten mit dem Resultat, dass er einen ausgehöhlten Stamm habe, brüchig und pflegebedürftig sei, erläutert Christoph Stauffer. Er ist Landschaftsarchitekt bei Otto Partner Architekten in Liestal, die für den Neubau verantwortlich zeichnen.

Er wertet Gartenbeiz auf

Die Baumfachleute verpassten dem Götterbaum einen Erhaltungsschnitt und sicherten einen Teil der Äste. Das sei nötig gewesen, weil die Äste «dieses Charakterbaums» wegen früherem, falschem Schnitt sehr ausladend gewesen seien, sagt Stauffer und fügt bei: «Wir wiesen die Stadt schon frühzeitig darauf hin, den Baum zu entfernen und nach dem Bau durch einen einheimischen zu ersetzen. Aber die Stadt hielt aus Angst vor den Einsprachen am Schutz fest.»

Diese wurden dann auch zurückgezogen und der Bauherr, die Swiss Prime Anlagestiftung, habe alles darangesetzt, den Baum zu erhalten. Das war aber nicht ganz billig. Für Baumgutachten, Baumschnitt, Baugrubensicherung zugunsten der Wurzeln und bauliche Anpassungen habe der Bauherr rund 50 000 Franken aufgewendet. Stauffer: «Das Entfernen des Baums nach diesen hohen Investitionen scheint mir grotesk, zumal er dem künftigen Gartenrestaurant ein wertvolles Ambiente gibt.»

«Ein höherer Blödsinn»

Damit sind wir bei der neusten Wende: Der Kanton will den Götterbaum so bald als möglich fällen. Dies im Zusammenhang mit der 2,3 Millionen Franken teuren Revitalisierung des Orisbachs von der Rheinstrasse bis zur Mündung in die Ergolz. Die Swiss Prime Anlagestiftung hat den Uferstreifen mit dem Götterbaum darauf an den Kanton abgetreten.

Michael Schaffner, Projektleiter beim Tiefbauamt, erklärt: «Wir haben vom Bund die Auflage, Neophyten bei Gewässerrenaturierungen zu bekämpfen.» Zum Projektstand sagt Schaffner, dass das Auflageverfahren abgeschlossen sei, das Ganze aber wegen Einsprachen, die nichts mit der vorgesehenen Fällung des Götterbaums zu tun haben, noch nicht rechtsgültig sei. Der Götterbaum soll durch eine Eiche oder eine Linde ersetzt werden.

Die beiden Liestaler, die aus Sorge um den Götterbaum vor rund drei Jahren Einsprache gegen den «Rebgarten» gemacht haben, können die Wende nicht nachvollziehen. Der Arzt Fritz Strub meint: «Das ist höherer Blödsinn. Der Götterbaum sollte unbedingt stehen bleiben, um diese Ecke mit dem Monster-Neubau aufzuwerten.» Bis eine Eiche so gross sei, vergingen hundert Jahre. Und die Architektin Charlotte Rey ergänzt: «Der Baum steht unter Schutz, weil er ein schöner und wichtiger Bestandteil des Stadtbilds ist. Ein technokratisches Ökologieverständnis bewirkt, dass der Baum nach Jahrzehnten des Hierseins ganz plötzlich als unerwünschter Ausländer gilt.»

Und was sagt die Stadt Liestal? Der zuständige Stadtrat Franz Kaufmann temperiert die Aufregung nach unten: «Die Fällung eines Neophyten ist kein Drama. Wichtig ist, dass dort wieder ein Baum gepflanzt wird, wie das im Quartierplan vorgeschrieben ist.»