Itingen

Nach tödlichem Unfall in Itinger Badi: Mutter der 27-jährigen Frau macht Universitätsspital Vorwürfe

In der idyllisch gelegenen, nicht beaufsichtigten Badi Itingen kam es vor Jahresfrist zum tragischen Unfall.

In der idyllisch gelegenen, nicht beaufsichtigten Badi Itingen kam es vor Jahresfrist zum tragischen Unfall.

Heute vor einem Jahr verunfallte eine 27-jährige Frau in der Itinger Badi. Ihre Mutter hadert mit dem Unfall, der bei ihrer Tochter eine tödliche Lungenentzündung verursachte. Nun macht sie dem Universitätsspital Basel Vorwürfe. Gleichzeitig fordert sie, dass die Gemeinde Itingen Aufsichtspersonal in der Badi anstellt.

Hanife Sarac findet keine Ruhe: Genau heute vor einem Jahr verunfallte ihre Tochter Canan im Gartenbad von Itingen; zwei Wochen später, am 13. Juli, starb sie im Universitätsspital Basel. «Das Schlimme ist, dass ich bis heute nicht genau weiss, was damals passiert ist.» Die Baselbieter Staatsanwaltschaft konnte im Rahmen der eingeleiteten Untersuchungen keine Fremdeinwirkung feststellen und stellte am 20. November 2019 das Strafverfahren ein. Der Unfallhergang bleibt ungelöst.

Canan besuchte am Vormittag des 29. Juni 2019 – mitten in einer der intensivsten Hitzewellen, welche die Schweiz je erlebt hat – gemeinsam mit ihrem Freund die «Üttiger Badi». Während sich dieser hinsetzte und ein Buch zu lesen begann, begab sich Canan zum flachen Bereich des Beckens; dort beträgt die Wassertiefe nur 90 Zentimeter. Minuten später beobachteten Zeugen, wie die junge Frau auf dem Bauch liegend mit ausgestreckten Armen reglos im Wasser trieb – als ob sie ausprobieren wollte, wie lange sie die Luft unter Wasser anhalten kann.

Weshalb sich die Frau das Genick brach, ist unklar

Doch das war nicht der Fall. Als ihr Freund merkte, dass etwas nicht stimmte, eilte er zum Becken und zog Canan gemeinsam mit herbeigerufenen Badegästen aus dem Wasser. Die kurze Zeit später eingetroffene Sanität konnte die junge Frau erfolgreich reanimieren und ins Kantonsspital Liestal überführen. Später wurde bei ihr ein Bruch des fünften Halswirbels festgestellt.

Abgesehen von leichten Schürfungen wurden bei der 27-Jährigen indes keine äusseren Verletzungen festgestellt. Es sei am ehesten davon auszugehen, dass sie kopfüber in zu flaches Wasser gestürzt oder gesprungen sei, heisst es im Gutachten des Basler Instituts für Rechtsmedizin. Sicher ist das nicht. Hinweise auf Gewalteinwirkung liessen sich nicht feststellen, allerdings würde Schubsen keine Spuren am Körper hinterlassen, schreiben die Obduzenten.

Für die Mutter der Verstorbenen sind auch ein Jahr nach dem tragischen Unfall viele Fragen offen. Sie bittet damalige Zeugen, sich zu melden. Auch grübelt sie über schicksalhafte Entscheide an jenem 29. Juni. Etwa darüber, dass ihre Tochter und deren Partner, die in Liestal wohnten, ausgerechnet die kleine Itinger Badi aufsuchten, wo aus Kostengründen kein Badmeister über die Sicherheit wacht. Am Eingang weist ein Schild darauf hin, dass das Areal auf eigene Gefahr betreten und ohne Aufsicht betrieben wird.

Konkrete Änderungen sind keine geplant

Der Itinger Gemeindepräsident Martin Mundwiler sagte im Dezember der «Basler Zeitung», dass keine konkreten Änderungen geplant seien. Für Sarac ist das unhaltbar: «In Itingen kann man nach dem Tod meiner Tochter doch nicht einfach zur Tagesordnung übergehen.» Die in Aesch wohnhafte Mutter fordert, dass die Gemeinde Itingen Aufsichtspersonal in der Badi anstellt. Sollte dies nicht möglich sein, so wäre eine Videoüberwachung das Mindeste.

Damit würden zwar Unfälle nicht verhindert, deren Aufklärung aber erleichtert. Enttäuscht ist die Mutter darüber, dass die Angehörigen von der Gemeinde kein Beileidsschreiben oder sonstige Rückmeldung zum Tod von Canan erhalten haben. Der Itinger Gemeindepräsident war vor dem Wochenende für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

Uneinigkeit zwischen Spital und den Angehörigen

Doch das ist nur ein Teil der Geschichte. Die türkischstämmige Mutter hadert damit, was nach dem Unfall im Spital passierte. Immer wieder schüttelt sie im Gespräch ungläubig und mit glänzenden Augen den Kopf. Canan wurde wegen der Schwere ihrer Verletzungen am Nachmittag des 29. Juni vom Kantonsspital in Liestal per Rega-Helikopter ins Universitätsspital Basel verlegt. Die Mutter kehrte an jenem Tag mit dem Flugzeug aus der Türkei zurück und eilte sofort ins Spital.

Mit ihrer Tochter konnte sie allerdings nie mehr reden. Bei ihrem Besuch am Folgetag bewegte ihre querschnittgelähmte Tochter ihren Kopf immer wieder heftig nach links und rechts und redete, ohne allerdings mit den Pflegenden oder der Mutter richtig kommunizieren zu können. So steht es in der 27-seitigen Krankenakte und davon berichtet auch ihre Mutter: «Auf Türkisch schrie sie: Mama hilf mir!». Es war das letzte Mal, dass Sarac ihre Tochter wach gesehen hat. Wegen der Unruhe musste sie intubiert werden und schlief in den folgenden Tagen.

Nach einer guten Woche kam es im Spital zu Konflikten: Nach einem Nieren- und Leberversagen wurde über die Durchführung einer Dialyse bei der Patientin diskutiert. Die Ärzte wiesen die Angehörigen darauf hin, dass Canan vielleicht längerfristig von der Dialyse abhängig sein würde. Zudem sei die Wahrscheinlichkeit «kleiner als 1 zu 100», dass sie je wieder ein selbstbestimmtes Leben führen könne. Die Mutter pochte dennoch darauf, die kleine Chance auf Heilung zu nutzen. Das Problem: Eine Patientenverfügung oder sonstige Erklärung der jungen Frau lag nicht vor, der mutmassliche Wille bezüglich der weiteren Therapie war somit schwer zu eruieren.

Therapie-Abbruch nach Aussage einer Freundin

Im Rahmen der langen Gespräche im Spital gab eine gute Freundin der Verunfallten zu Protokoll, dass diese früher einmal gesagt habe, nie in einem Rollstuhl leben zu wollen. «Wir haben bei uns zu Hause nie über dieses Thema geredet», sagt Hanife Sarac. «Warum auch? Canan hatte ja das ganze Leben vor sich.» Die Mutter ist überzeugt, dass die Aussage der Freundin in der Beurteilung weiterer Therapien den Wendepunkt darstellte. In der Krankenakte heisst es unmittelbar anschliessend an die Ausführungen der Freundin: «Somit sei im ärztlichen Team entschieden worden, dass der Beginn eines Nierenersatzverfahrens nicht im Sinne der Patientin wäre.» Dass die Mutter eine andere Meinung hatte, wird im Bericht ebenfalls erwähnt. Sarac hat Mühe, den damaligen Entscheid zu akzeptieren, zumal noch am Vortag von Verlegungsplanung und Rehab die Rede war.

In den folgenden Tagen wurden die Befunde der Mediziner pessimistischer: «Wir hatten die Patientin bis heute nicht aufgegeben, aber nun sind zu schwerwiegende Folgen eingetroffen, sodass es medizinisch sinnvoll erscheint, die Therapie abzubrechen», hiess es am 11. Juli. Damit war klar, dass Canan ohne weitere Massnahmen sterben würde. Keine 24 Stunden später wurde in einem weiteren Eintrag auch eine Schädigung der Hirnfunktionen erwähnt. Selbst bei Fortführung der Therapie müsse damit gerechnet werden, dass die Patientin nicht mehr wach wird. Die Ärzte ordneten den «Therapierückzug» an. Canan starb am 13. Juli Anfang Nachmittag. Unmittelbare Todesursache war eine Lungenentzündung, die durch das Einatmen von Wasser im Schwimmbad verursacht und später durch die Lähmungen und die Bettlägerigkeit begünstigt wurde.

Zusammenfassend heisst es in der Krankenakte, in den wiederholten Gesprächen mit den Angehörigen sei angesichts der ungünstigen Prognose im «Einvernehmen» von weiteren Massnahmen abgesehen worden. Sarac widerspricht energisch: Eine solche Zustimmung hätte sie nie gegeben. Eine Freundin, die Sarac in der schwierigen Zeit begleitet hat und in der Akte erwähnt ist, stützt diese Aussage: Sie seien von den Spital-Verantwortlichen konsultiert worden. «Die Angehörigen haben ihnen aber mehrmals deutlich zu verstehen gegeben, dass sie die Einstellung der lebenserhaltenden Massnahmen ablehnen.»

Mutter prüft weitere rechtliche Schritte

Das Universitätsspital Basel (USB) äussert sich zum Badeunfall nicht. «Unser Mitgefühl gilt den Angehörigen der Verstorbenen», sagt Sprecher Thomas Pfluger. Das Spital nehme jedoch keine Stellung zur Behandlung einzelner Personen, dies aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes und des Berufsgeheimnisses. Das USB verweist auf die von der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften herausgegeben ethischen Richtlinien bei intensivmedizinischen Massnahmen.

Unbestritten ist: Würde Canan überhaupt noch leben, wäre sie auf intensive Pflege angewiesen. Ihre Mutter ist nicht einverstanden, dass man ihre Tochter durch die Einstellung der Therapien hat sterben lassen. Der ethische Grundsatz der gläubigen Muslima ist da womöglich ein anderer als jener des Spitals: «Wenn meine Tochter gehen muss, dann soll sie Gott holen, keine Maschine im Spital.» Sarac und ihre Freundin prüfen nun weitere rechtliche Schritte.

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