Ärger im Paradies

Nach vierzig Jahren feministischer Arbeit ist Schluss: Die Binninger Frauenpraxis Paradies schliesst die Pforten

Die Gruppenpraxis Paradies in Binningen.

Die Gruppenpraxis Paradies in Binningen.

Abschiedsblues an der Jubiläumsfeier: Die Binninger Gruppenpraxis Paradies gibt Ende Februar 2020 den Betrieb auf. Das teilt die Praxis den Patientinnen diese Woche per Brief mit. Das Unternehmen galt als feministisches Pionierprojekt. Im Zuge der Frauenbewegung gründeten junge Frauen eine genossenschaftliche Gruppenpraxis. Ziel war es, den Bedürfnissen der Frauen individuell zu begegnen. Hormonfreie Verhütung als Alternative zur Antibabypille, Untersuchungen auf dem Bett statt dem gynäkologischen Stuhl: All dies gehörte zum Konzept der Praxis dazu, die vor zwanzig Jahren den Chancengleichheitspreis beider Basel erhielt.

Kommendes Jahr feiert die Praxis ihr 40-jähriges Bestehen. Grund zur Freude gibt es aber nicht: Es fehlen Gynäkologinnen, die das Unternehmen weiterführen möchten. Von Beginn weg strebten die Gründerinnen ganzheitliche Behandlungen an. Seither besteht das Team zur einen Hälfte aus Ärztinnen, zur anderen aus Fachfrauen Gesundheit, Hebammen und Naturärztinnen.

Diese Vermischung brachte der Praxis auch Kritik ein. 2001 reichte eine Patientin eine Klage ein, weil sie von Fachfrauen und nicht nur von Ärztinnen untersucht wurde. Ohne Erfolg: Die Baselbieter Justizbehörde befand die Arbeitsform der Praxis für rechtens. Bis heute sei die Kundschaft konstant geblieben, sagt Hebamme Katharina Stoll. Doch die Gründerinnen, darunter auch Stoll selbst, verabschieden sich endgültig in Rente. Das Konzept der Gründungszeit sei nicht mehr zeitgemäss, sagt Stoll heute: «Der revolutionäre Geist von damals ist nicht mehr da.»Der emanzipierte Umgang mit dem Frausein steht am Anfang und nun auch am Ende der Geschichte. Die Prinzipien, die sich die Gründerinnen selbst auferlegten – alle sind gleichgestellt, was zu langen Diskussionen führen kann – wurden zum Stolperstein. Es sei unmöglich gewesen, junge Gynäkologinnen zu finden, die sich für die Mitarbeit in einem gemeinschaftlich geführten Betrieb begeistern konnten. «Es braucht wahnsinnig viel Zeit und Flexibilität, eine solche Praxis zu führen», sagt Stoll. Warum das Interesse bei jungen Gynäkologinnen nachlasse, weiss sie nicht. «Wahrscheinlich möchten sie nicht mehr in solchen Strukturen arbeiten», vermutet sie.

Die Infrastruktur genügt heutigen Ansprüchen nicht

Doch der Praxis machte auch der Spagat zwischen herkömmlicher und Alternativmedizin zu schaffen. Zu Beginn für ihre neuen Ansätze gefeiert, hatten die Gründerinnen zunehmend mit Regulierungen zu kämpfen. Seit der Pensionierung einer Ärztin kann die Praxis keinen Ultraschall mehr anbieten. Genau dieser sei heute aber gefragt, sagt Stoll. So würden in einer Schwangerschaft heute mehr Ultraschall-Untersuchungen durchgeführt als früher. Mit den Jahren hätten sich die Erwartungen verändert.

Das sagt auch Thomas Eggimann, Generalsekretär der Schweizerischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe. Der Krebsabstrich, der bis anhin jährlich erfolgte, muss heute nur noch alle drei Jahre durchgeführt werden. «So nehmen Routinekontrollen ab», sagt Eggimann. In den Fokus gelangen Schwangerschaften und Krebspatientinnen und Frauen mit anderen gynäkologischen Problemen. Für deren Behandlung braucht es eine Infrastruktur, die der Binninger Gruppenpraxis fehlt. Sie ist zunehmend auf die Zusammenarbeit mit externen Gynäkologinnen angewiesen.

Im Februar findet das Projekt also ein Ende. Wohin die Patientinnen gehen werden, ist unklar. Die Praxis möchte demnächst über Anschlussmöglichkeiten informieren.

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