Lupsingen

Nachbarnstreit: Den Laubbläser auf den ungeliebten Nachbarn gerichtet

Sich gegenseitig auf die Nerven gehen und es vielleicht sogar etwas geniessen – klassischer Nachbarnstreit. (Symbolbild)

Sich gegenseitig auf die Nerven gehen und es vielleicht sogar etwas geniessen – klassischer Nachbarnstreit. (Symbolbild)

Der eine richtet den Laubbläser auf den anderen. Der andere stellt eine Kamera mit Fokus auf das Grundstück des jeweiligen anderen auf. Zwei Nachbarn in Lupsingen haben seit Jahrzehnten Ausseinandersetzungen und zeigen sich regelmässig gegenseitig an.

«Wir haben hier einen Fall, bei dem unzweifelhaft beide Herren ihren Beitrag geleistet haben», resümierte Gerichtspräsidentin Monika Roth am Donnerstag. Das Baselbieter Strafgericht musste sich durch dicke Aktenberge wühlen: Die zwei Nachbarn aus Lupsingen mit einer gemeinsamen Zufahrt streiten sich seit Jahrzehnten und decken sich gegenseitig auch immer wieder mit Strafanzeigen ein.

Die letzten Vorfälle datieren aus dem Jahr 2015, und die Baselbieter Staatsanwaltschaft wollte eigentlich sämtliche Verfahren einstellen. Doch einer der beiden Anzeigeerstatter hatte Glück, das Kantonsgericht kippte einen der vielen Einstellungsbeschlüsse und verknurrte die Staatsanwaltschaft faktisch dazu, gegen einen der Männer wegen falscher Anschuldigung Anklage zu erheben.

Das Drama soll sich an einem schönen Herbsttag im Jahr 2015 abgespielt haben: Der 71-jährige Hausbesitzer hörte Lärm, schaute nach und sah seinen Nachbarn, wie dieser die Blätter von einem Baum runterblies. «Dann hat er mich gesehen und den Laubbläser ein paar Sekunden auf mich gerichtet», erzählte der Mann am Donnerstag in der Verhandlung. Danach habe er den Laubbläser in den Kofferraum seines Autos gelegt und mit seiner rechten Hand ein Beil gehalten. «Dann hat er mich fixiert, ähnlich wie vorher mit dem Laubbläser. Ich hatte Angst», sagte der 71-Jährige. Die Strafanzeige zog er später wieder zurück, der Nachbar allerdings sah sich in seiner Ehre verletzt und zeigte ihn wegen falscher Anschuldigung an.
Reichlich seltsam klang auch eine andere Geschichte: Es ging um eine verdrehte Sicherheitskamera, die damit unerlaubt das Nachbargrundstück aufgenommen hatte. Es folgte eine Strafanzeige gegen Unbekannt, weil für das Verdrehen der Kamera wohl unbefugt ein fremdes Grundstück betreten worden war.

Wer hier was getan hat, blieb am Donnerstag unklar, und auch Monika Roth meinte mit einem deutlichen Seitenblick an den Staatsanwalt, sie habe den entsprechenden Abschnitt der Anklageschrift mindestens viermal lesen müssen, bis sie verstanden habe, was genau der Vorwurf an den Angeklagten sei.

Schlichtung in letzter Minute gescheitert

Zu Beginn der Verhandlung startete Roth noch den Versuch einer Schlichtung: Strafanträge können zurückgezogen werden und selbst beim Offizialdelikt einer falschen Anschuldigung gäbe es die Möglichkeit einer Wiedergutmachung ohne einen Schuldspruch. «Wenn man die Akten liest, sieht man, dass beide Parteien viel Zeit und Emotionen investieren», sagte Roth. Der Staatsanwalt hatte nichts dagegen, der 71-jährige Angeklagte ebenfalls nicht, doch die Rechtsvertreterin des Nachbars betonte, für eine Mediation sei es inzwischen zu spät.

Somit musste die Einzelrichterin ein Urteil sprechen: Sie sprach den 71-Jährigen von allen Vorwürfen frei, eine wissentlich falsche Beschuldigung könne man ihm schlichtweg nicht nachweisen. Die gegenseitigen Genugtuungsforderungen beider Männer wies sie ab. «Meine Herren, es ist nicht Sache der Justiz, sich mit einem jahrelangen Streit auseinanderzusetzen. Fragen Sie sich, ob Sie wirklich die nächsten Jahre mit so etwas verbringen wollen. Lesen Sie stattdessen ein gutes Buch», empfahl sie beiden Parteien. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

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