Pratteln

Nachbarstreit artet aus: Autos mit Leim verklebt

Ein Brüderpaar hat sich mit dem halben Quartier verkracht. Der Konflikt kochte sich über Jahre hin hoch - im April kam es zum vorläufigen Höhepunkt.

Ein Quartier macht seinem Namen alle Ehre. Rumpel heisst Prattelns südlichster Zipfel. Seit drei Jahren rumpelt es im Rumpel. Ein Brüderpaar liegt mit einem Dutzend Nachbarn im Streit. Etliche Male kam die Polizei vorbei, um zu schlichten – ohne Erfolg.

Der vorläufige Höhepunkt waren zwei Leimattacken. Im Februar wurde ein Auto mit Klebstoff eingesprüht. Das wiederholte sich im April bei einem zweiten Fahrzeug. Auch das Türschloss einer Frau wurde mit Leim aufgefüllt. Eines der Opfer ist S. H. (Name der Redaktion bekannt). Für sie steht fest, wer für die Taten verantwortlich ist: einer der Brüder. «Oder gleich beide.»

«Kleine Hure», «dumme Kuh»

Die Kontrahenten kennen sich bestens. Im Januar wurde einer der Männer von der Baselbieter Staatsanwaltschaft vorgeladen. S. H. und eine weitere Frau klagten gegen ihn wegen Beschimpfungen und Drohungen. Das Protokoll der Einvernahme ist nicht jugendfrei. Die Mitklägerin wurde laut Abschrift als «kleine Hure», «Scheiss-Türkin», «dumme Kuh» und «kleine Schlampe» betitelt. Was S. H. zu hören bekam, ist auch nicht ehrenhaft. Sie solle sterben, habe einer der Brüder gesagt. Sie sei ausserdem eine «Hexe», «Schlampe» und eine «grausige Lesbe».

Auch vor ihrem Hund habe der Beschuldigte nicht Halt gemacht, klagt S. H. gemäss Einvernahme. So habe der Nachbar angekündigt, das Tier zu vergiften. Der Beschuldigte bestreitet gemäss Protokoll alle Vorwürfe – und stellt sich selber als eigentliches Opfer dar. So sei er zuerst beleidigt worden, («verdammter Sauhund», «hirnamputiertes Arschloch»), ebenso seine Frau («Urwaldfrau») und die Kinder («verdammte Saugofen»). Der Konflikt begann laut dem Beschuldigten vor sechs Jahren. Die beiden Klägerinnen hätten sich bei jedem Mucks bei ihm und seiner Familie beschwert, sie seien zu laut. Eine Verständigung sei jedoch nie möglich gewesen, sofort sei man beschimpft worden.

S. H. bestätigt, dass der Lärm die Ursache der Fehde sei. In der Liegenschaft, in der die beiden Brüder wohnen, würde immer wieder sehr laut Musik gehört und gesprochen, teilweise bis tief in die Nacht, seit mindestens drei Jahren. «Doch alle Interventionen, seien sie noch so freundlich, fruchteten nichts», sagt sie zur bz. «Man wurde einfach nur als dumm hingestellt. Bei mir hiess es einmal: ‹Du alte Tschättere, Du gehörst ins Grab!› Es landete auch immer wieder Abfall in meinem Garten.» S. H. gesteht jedoch ein, einmal selbst ausfällig geworden zu sein: «Im letzten August gab ich einmal bei einem Wortwechsel zurück. Das war nicht korrekt.»

Verbrieftes Zugangsrecht

Der bz liegt eine Liste mit einem Dutzend Namen vor. Alles Nachbarn, die sich mit Unterschrift dazu bereit erklärt haben, die beiden Brüder zu belasten. T. U. will nicht mit seinem Namen in der Zeitung erscheinen, aus Furcht vor Konsequenzen. «Diese zwei terrorisieren die ganze Strasse. Alle Nachbarn sind eingeschüchtert.» Sein Türschloss sei auch schon mit Zündhölzern verstopft gewesen. «Mehr als einmal beobachtete ich, wie aus dem Haus der Brüder mit Taschenlampen in andere Wohnungen gezündet wurde. Der Konflikt ist mittlerweile richtig kindisch.» Bei einem Nachbarhaus wurden die Sicherungen herausgedreht, andere Anwohner erzählen von Schmähbriefen.Ein Quartierbewohner erzählt, an einem Abend habe die Polizei gleich dreimal aufkreuzen müssen, zwei Polizeiautos seien auf der Strasse gestanden. «Alle haben versucht, sich mit den Brüdern zu verständigen – alle wurden abgeputzt. Wenn man sich beschwert, heisst es nur: Du blöder Bünzli!»

Die Brüder versuchten, den Nachbarn das Leben schwer zu machen – ein leichtes Unterfangen im Rumpel. Die alten Häuser sind verschachtelt, die Grundstücke ineinander verzahnt. Man wohnt buchstäblich neben- und aufeinander. Ein Haus etwa ist nur über die Liegenschaft zugänglich, in dem die Brüder wohnen. Anfang Mai hing plötzlich ein Hinweis im Hauseingang. Der Zugang sei nur für die eigenen Mieter gedacht, andere dürften ihn nicht mehr benutzen. Dabei gilt ein Zugangsrecht aus dem Jahr 1967. Es ist im Grundbuch Pratteln eingetragen.

Der Beschuldigte, der wegen Drohung und Beschimpfung angezeigt wurde, sagt zur bz, er wolle sich nicht zum Konflikt äussern. Er bestreitet alle Vorwürfe. Auch mit den Leimattacken – Flecken auf dem Asphalt und an den Autos zeugen noch immer davon – habe er nichts zu tun. Es gilt die Unschuldsvermutung. Die Gemeindepolizei bestätigt, wegen diversen Vorfällen vor Ort gewesen zu sein. Aus Datenschutzgründen könne sie jedoch keine weiteren Angaben machen. Dieselbe Auskunft erreicht uns von der Staatsanwaltschaft. Wie die bz weiss, hatte die Staatsanwaltschaft die Verhandlungen für einen ersten Vergleich rasch abgebrochen – wegen Uneinsichtigkeit des Beschuldigten.

Verfahren eingestellt

Die Vermieter der Brüder zu kontaktieren, ist wenig erfolgsversprechend: Das Haus gehört Verwandten – die haben die Brüder bislang stets gedeckt.

Die Staatsanwaltschaft hat das Verfahren wegen Drohung und Beleidigung eingestellt, aus Mangel an Beweisen. S. H. sagt, die Leimattacken seien auch ins Geld gegangen. Für das Reinigen von Auto und Türschloss sei ein vierstelliger Frankenbetrag draufgegangen. Mehr bedrücke es sie jedoch, dass es jetzt langsam richtig Sommer werde, sie aber Fenster und Türen nicht geöffnet halten könne: «Mit dem Radau ist das fast nicht möglich.»

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