Nach dem Tod des Paars – er starb 1981, sie 2007 – blieb ein riesiges Erbe in Form von Bildern und Zeichnungen zurück, das die noch von Elsy Anselment gegründete Stiftung verwaltet. Örtlich machte die Stiftung das in Anselments ehemaligem Haus, das testamentarisch ebenfalls an sie fiel.

Was nach einer komfortablen Ausgangslage tönt, war eine finanzielle Gratwanderung. Das Stiftungsvermögen sei klein, das Haus in einem schlechten Zustand gewesen und die Stiftungsräte hätten gezittert, dass keine grösseren Reparaturen anfielen, erzählt Max Pichler, Vizepräsident der Stiftung. Das Zittern hat mittlerweile ein Ende, weil das im Baurecht auf Land der Einwohnergemeinde Liestal erstellte Haus nach 50 Jahren kürzlich an diese zurückfiel. Dafür tat sich für die Stiftung eine neue Baustelle auf: Wohin mit den 2500 Bildern?

Vor rund einem Jahr machte sich die Stiftung ans Aussortieren, etwas, was Anselment eigentlich noch zu Lebzeiten selber machen wollte. Stiftungsratsmitglied Beatrice Metzger, die sich der Sammlung als Kuratorin annahm, sichtete den ganzen Nachlass und sortierte 662 Bilder aus. Diese gelten als Kern des Lebenswerks von Hermann Anselment, bilden einen Querschnitt durch seine malerischen Zeitepochen, sind unverkäuflich und dienen als künftige Ausstellungsobjekte.

Stiftung lief bei Stadt auf

Anselment hat eine sehr wechselvolle Karriere zwischen Ablehnung und Anerkennung durchlebt. So zählte der gebürtige Deutsche ab 1933 während der Hitler-Zeit zu den Repräsentanten der entarteten Kunst und wurde mit einem Ausstellungsverbot belegt. Später wurde er Dozent an verschiedenen deutschen Kunstakademien, zog familienbedingt nach Liestal und eröffnete hier 1959 seine Malschule, wo er als fördernder und fordernder Lehrer galt. Anselment bevorzugte das Malen in Öl und Tempera, war mit Aquarellen, Zeichnungen und Linolschnitten aber sehr vielfältig tätig.

Dieses grosse Schaffen habe die Stiftung ins Dilemma gestürzt, blickt Käthi Pichler, ebenfalls Stiftungsratsmitglied, zurück: «Wir haben es nicht übers Herz gebracht, so viele Bilder zu entsorgen und haben lange darüber diskutiert, welche Bilder wir erhalten sollen.» Schliesslich entschied sich die Stiftung für folgenden Weg: Nebst Anselments 662 Kernwerken, die die Kunsthistorikerin Ingeborg Ströle mithilfe von Swisslos-Geldern digital inventarisiert hat, suchte sie 1000 weitere heraus, die der Nachwelt erhalten bleiben sollen. Der Rest wanderte in den Container.

Dann hoffte die Stiftung auf die Stadt. Dazu Max Pichler: «Wir hätten erwartet, dass Liestal einen Raum für die Lagerung der Bilder zur Verfügung stellt. Denn die Stadt verdiente mit dem Hausverkauf und sie war Elsy Anselment etwas schuldig, weil diese als frühere Stadtschwester zu einem Hungerlohn arbeitete.» Doch die Stadt hatte kein Ohr für die Stiftung. Stadtpräsident Lukas Ott meint auf die Frage, welchen Stellenwert Hermann Anselment denn für Liestal habe: «Er hat mit seiner Malschule, die von vielen Liestalern besucht wurde, einen wichtigen sozialen und kulturellen Beitrag für Liestal geleistet.» Bei der Frage nach dem künstlerischen Stellenwert von Anselments Nachlass habe man auf das Urteil von Stefan Hess, Leiter des Liestaler Dichter- und Stadtmuseums, abgestellt. «Er ist diesbezüglich das Kompetenzzentrum für uns», so Ott.

Kunsthistoriker Stefan Hess erläutert: «Hermann Anselment ist ein später Expressionist, der aber nicht zu den grossen Vertretern dieser Stilrichtung gehört.» Man habe bei seinen Werken auf den ersten Blick oft den Eindruck eines Déjà-vu, doch stelle man bei einer eingehenderen Beschäftigung fest, dass er durchaus ein eigenes Stilspektrum und einen eigenen Ausdruck gefunden habe. In der Kunstszene sei es ein gross diskutiertes Thema, was mit Künstlernachlässen passieren soll, denn man könne schlicht nicht alles der Nachwelt erhalten. Hess: «Allein in Liestal gibt respektive gab es zwei Dutzend künstlerisch tätige Leute und es kann nicht Aufgabe des Gemeinwesens sein, alle Nachlässe vollständig zu bewahren. Bei herausragenden, identitätsstiftenden Künstlern sieht das natürlich anders aus.» Hess findet, Liestal leiste auf diesem Gebiet im Vergleich zu andern Gemeinden sehr viel und lagere zum Beispiel gegen 2000 Bilder und Zeichnungen von Otto Plattner.

Bilder wandern in Tankraum

Bei der Beurteilung der Bedeutung von Künstlern orientiert sich Hess auch an jener des Schweizer Instituts für Kunstwissenschaft. Doch auf dessen Datenbank sei Hermann Anselment überhaupt nicht verzeichnet gewesen, sagt Hess. Erst nach einer von ihm veranlassten Prüfung der Unterlagen sei Anselment mit einer 2 taxiert worden, genau gleich übrigens wie Otto Plattner, während die künstlerische Elite der Schweiz wie Holbein oder Giacometti die Höchsteinstufung 5 geniessen. Zur gleichen künstlerischen Einschätzung, aber ungleichen Behandlung der Nachlässe von Anselment und Plattner sagt Hess: «Otto Plattner hat für Liestal schon allein aufgrund seiner omnipräsenten Wandmalereien eine überragende Bedeutung.» Und er betont, dass die Stadt der Anselment-Stiftung nicht einfach einen Korb erteilt habe: «Wir haben angeboten, 20 bis 30 Bilder zu übernehmen. Für den Rest hätte die Stadt in ihren Kulturgüterräumen gar nicht genug Lagerkapazitäten, ganz zu schweigen von dem, was noch alles kommen könnte.»

Die Anselment-Stiftung ist mittlerweile fündig geworden: Sie kann den Nachlass in einem ehemaligen Tankraum des Gemeinnützigen Vereins für Alterswohnungen einlagern. Damit hat die Stiftung ihre Aufgabe erfüllt und löst sich noch dieses Jahr auf. Die Nachfolge tritt ein Verein an, der im August gegründet wird. Grund dafür sei, dass ein Verein viel billiger sei als die Führung einer Stiftung, die jährlich für Aufsicht und Treuhänder um die 3000 Franken koste, sagt Max Pichler. Wie viel Geld die Stiftung noch besitzt, will er aber nicht verraten. Nur so viel: «Das grosse Vermögen ist nicht finanzieller, sondern ideeller Natur in Form des Nachlasses von Hermann Anselment.»