Portrait

Neue Drogenwelle bei Baselbieter Jugendlichen: Polizist Wenger beisst sich durch

Polizist Daniel Wenger weiss, dass er viele Kämpfe gegen die Drogen nicht gewinnt.

Polizist Daniel Wenger weiss, dass er viele Kämpfe gegen die Drogen nicht gewinnt.

Daniel Wenger rettet Jugendliche – und wurde dafür verlacht. Seit 35 Jahren steht er im Dienst. Aktuell bereitet ihm eine neue Drogenwelle Sorgen.

Das Büro von Daniel Wenger auf dem Polizeiposten Sissach ist einfach zu erkennen: Seine Aktenberge sind die höchsten. Wenger ist selten an seinem Schreibtisch, um die Berichte zu schreiben, die er schreiben müsste. Er sagt: «Ich muss immer an der Front sein. Wenn ich nicht da bin, geraten die Dinge ausser Kontrolle.»

Wenger ist Kriminalpolizist, stellvertretender Leiter des Jugenddienstes, zuständig für Frenkendorf, Füllinsdorf und Pratteln. Schwieriges Territorium, vor allem Pratteln mit dem Brennpunktviertel Länge. Die Kontrolle zu haben, heisst für Wenger: Er weiss, was seine Jugendlichen tun. Und gerade passiert etwas im Kanton, das er nicht unter Kontrolle hat.

Am Donnerstag berichtete die Wochenzeitung «Die Zeit» über Baselbieter Jugendliche, die sich exzessiv mit verschreibungspflichtigen Medikamenten berauschen. Angstlöser wie Xanax, und hochwirksame Schmerzmittel wie Oxycodon, dazu codeinhaltiger Hustensaft – Benzodiazepine und Opiate jeder Art und in hoher Dosis. Jugendanwalt Lukas Baumgartner spricht von einer neuen Welle, die auf die Baselbieter Jugend zurolle. Wenger sieht das ähnlich: «Das Benzozeugs ist im Kommen. Bislang noch meist im Verborgenen, das sprudelt so unten durch.» Aber früher oder später, glaubt Wenger, spritzt das Problem an die Oberfläche.

Daniel Wenger ist ein erfahrener Polizist, seit 35 Jahren steht er im Dienst. Er hat einige Drogenwellen erlebt, die den Kanton trafen. Die offene Drogenszene samt intensiver Beschaffungskriminalität in den 1980er- und 90er-Jahren. Die Partydrogen, als der Techno aufkam. Aktuell Marihuana, Kokain und Medikamente aller Art. Nie zuvor, sagt er, sei es so schwierig gewesen, die Struktur dahinter zu erfassen und zu bekämpfen. Und nie zuvor seien die Konsumenten so jung gewesen: «12- oder 13-Jährige sind keine Seltenheit mehr.» Wenger stösst meist dann auf den Medikamentenmissbrauch, wenn er sich Jugendliche genauer anschaut, gegen die wegen des Konsums oder Handels mit Marihuana ermittelt wird. «Wir sehen da nur hinein, wenn wir die Handys auswerten.» Ausgemacht wird der Drogenhandel kaum noch an fixen Standorten, die sich beobachten lassen, sondern häufig über Handyprogramme wie Whatsapp oder Snapchat; bestellt wird die Ware oft im Darknet. Eine Welt, die für die Ermittler schwierig zu durchdringen ist.

«Irgendwann hast Du einen Suizid»

Daniel Wenger ist 57 Jahre alt, er hätte ob dieser Entwicklung längst resignieren können. Wieder eine neue Droge, wieder eine neue Szene, wieder Jugendliche, die sich abkapseln und abdriften. Aber Wenger hat eine Methode gefunden, wie er damit umgeht: Er geht hinaus und klärt auf. Jede Woche steht er in einer anderen Schule im Kanton vor den Kindern und erzählt von den Gefahren des Erwachsenwerdens. Die wichtigsten Themen: Süchte aller Art, von Pornosucht bis Kokain. Dann Gewalt – und vor allem Mobbing. «Hauptsächlich Cybermobbing, das nimmt kein Ende, das findest du praktisch in jeder Klasse», sagt Wenger.

Das Muster ist oft: Eine Klasse verbündet sich gegen eine einzelne Schülerin oder einen einzelnen Schüler. Dann gehen SMS hin und her, werden Bilder verschickt. Bis jemand nicht mehr kann. Unlängst stand er in einer Klasse und führte durch seine Powerpoint-Präsentation, da streckte ein Schüler auf, fragte ihn, was er machen könne um dazuzugehören. Wenger wird in solchen Momenten energisch: «Da sag ich auch was, das geht doch nicht.» Die vermeintlichen Mobber nimmt er sich einzeln zur Brust, dann versucht er, mit der Klasse einen Pakt zu schliessen. «Aber ich weiss auch, das hält vielleicht nur bis ich wieder weg bin.» Ausgrenzung, Beschimpfungen, danach manchmal auch Schlimmeres – Wenger hat einige solche Verläufe erlebt. Vielleicht ist er deshalb beim kleinsten Anzeichen von Mobbing alarmiert. «Irgendwann hast du einen Suizid, wenn du das ignorierst», sagt er. Mit der Prävention beginnt er nun schon an den Primarschulen, aber manchmal fragt er sich, ob er nicht früher einsteigen und auch die Kindergärten aufsuchen sollte. Er glaubt: «Je früher man das System stört, desto besser kommt es heraus.»

Niemand lacht mehr über die «Pampers-Division»

Daniel Wenger wirkt im Gespräch manchmal wie ein Getriebener. Einer, der jeden Tag unzählige kleine Kämpfe führt und dabei weiss, dass er viele von ihnen verlieren wird. Und der sich trotzdem immer wieder auf sie einlässt. Mit vielen der Teenager, mit denen er zu tun hat, pflegt er eine enge Beziehung. Sie schreiben ihm, wenns schlecht geht, sie schreiben ihm, wenns wieder besser ist. Und er hört immer zu.

Da sein, das hat er gelernt, ist das wichtigste Gut in der Arbeit mit Jugendlichen. «Sie müssen sich auf mich verlassen können», sagt er. Darauf, dass er ihnen hilft, wenn sie in einer Krise stecken. Aber auch darauf, dass er sie holen kommt, wenn sie sich nicht an die Abmachungen halten «und wieder einen Seich machen». Der Wert dieser Arbeit ist mittlerweile anerkannt, aber das brauchte Zeit. Als Wenger im Jahr 2000 als Sachbearbeiter anfing, verlachten sie den Jugenddienst intern als Pampers-Divison. Die hartgesottenen Ermittler hielten damals wenig von Prävention und Beziehungsarbeit. Wenger erinnert sich an den Fall eines Mädchens, das nach einer Schulstunde zu ihm kam und ihm von Depressionen und von Mobbing erzählte. Sie blieben in Kontakt und einmal – Wenger sass in einer Besprechung – schrieb sie ihm, dass sie auf einem Aussichtsturm im Baselbiet stehe und springen werde. Seine Kollegen beschwichtigten ihn, das Mädchen solle doch einfach die 117 anrufen. Aber Wenger wusste: Wenn er jetzt nicht zu ihr geht, springt sie. «Das hätte ich mir nie verziehen», sagt er.

Die Kinder, bei denen nichts mehr zu retten war

Wenger kam nicht immer rechtzeitig und manche dieser Geschichten kreisen bis heute in seinem Kopf. Sie kehren oft dann zurück, wenn er müde im Bett liegt und die Augen schliesst. Dann sieht er die Kinder vor sich, bei denen nichts mehr zu retten war. Eines seiner schlimmsten Erlebnisse im Dienst hatte er ganz am Anfang seiner Karriere. Es war in den 1980er Jahren, Wenger betrat als junger Polizist die Wohnung eines drogensüchtigen Pärchens. Er folgte dem beissenden Geruch zum Backofen, öffnete ihn und fand darin ein totes Baby. Er sagt: «Ich habe das verarbeitet, aber es brauchte Zeit.»
Die psychische Belastung sei hoch, sagt Wenger. Seine Arbeit, seine Herangehensweise hat ihren Preis. Er hat diesen bezahlt, als er sich längere Zeit krankschreiben lassen musste. Vielleicht kann er sich deshalb in Jugendliche eindenken, die von ihrem Leben überwältigt werden und falsche Entscheidungen treffen.

Nur wenn Drogen im Spiel sind, hat er oft Mühe, einen Zugang zu finden. Er sieht die Jugendlichen am Bahnhof rumhängen, und wenn er hingeht und fragt, ob sie später nicht einen Beruf haben wollen, eine Freundin oder ein Auto, heisse es oft: Ich lebe jetzt, ich will nur chillen. «Die sitzen am Bahnhof und das wars. Als Eltern bis du da chancenlos, für die ist der Bahnhof die neue Familie. Das tut mir weh», sagt Wenger, selber zweifacher Vater. Benzodiazepine wie das bei Jugendlichen beliebte Xanax verstärken diese Abkopplung. Eingesetzt werden sie in der Medizin, um schwere Persönlichkeitsstörungen zu bekämpfen. Sie dämpfen die Gefühle, legen die Gedanken still, löschen bei hoher Dosierung die Erinnerung. Sie machen rasch abhängig und können Psyche und Körper massiv schädigen.

Eine gefährliche Mischung sei das, glaubt Wenger, wenn verunsicherte Jugendliche meinen, mit ein paar Pillen liessen sich ihre Probleme lösen. Seine Strategie dagegen: Aufklären, zuhören, manchmal hart durchgreifen. Und immer da sein.

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