Pro und Contra

Neuer Bahnhof-Komplex in Liestal: Fluch oder Segen?

So sieht das vorliegende Projekt für einen neuen Liestaler Bahnhof aus: neben dem Bahnhofgebäude (nicht auf der Visualisierung) sind ein neues siebengeschossiges Bürogebäude (Mitte) und weiter hinten am Emma-Hervegh-Platz ein Hochhaus (rechts) geplant.

So sieht das vorliegende Projekt für einen neuen Liestaler Bahnhof aus: neben dem Bahnhofgebäude (nicht auf der Visualisierung) sind ein neues siebengeschossiges Bürogebäude (Mitte) und weiter hinten am Emma-Hervegh-Platz ein Hochhaus (rechts) geplant.

Am 26. November stimmt die Liestaler Bevölkerung über die neue Quartierplanung Bahnhofcorso ab. Der Abstimmungskampf über die Vorlage, welche den Bau eines 100 Millionen Franken teuren Komplexes mit neuem Bahnhof, Geschäftshaus und Hochhaus ermöglichen soll, wird in der Kantonshauptstadt hoch emotional geführt.

Pro: Neuer Bahnhof bringt Stedtli zusätzliche Frequenzen

Dank dem Quartierplan Bahnhofcorso kommen 500 neue Arbeitnehmende nach Liestal.

Brachland, Parkplätze und ein altes Bahnhofhäuschen. Sie, liebe Liesta-
lerinnen und Liestaler, wissen, wovon ich rede: vom ersten Eindruck, den man erhält, wenn man mit dem Zug in Liestal einfährt. Ein erster Eindruck, der unserer Stadt in keiner Art und Weise gerecht wird. Damit sich das ändert, sage ich Ja zum Quartierplan Bahnhofcorso.

Bei dieser Abstimmung geht es nicht einfach nur um ein Hochhaus. Es geht um die längst überfällige Weiterentwicklung des Bahnhofareals in Richtung Frenkendorf. Abgestimmt wird über ein Ensemble aus vier Elementen – Bahnhofgebäude, Bürogebäude, Hochhaus und Erschliessungsstrasse. Dahinter steckt eine jahrelange, umsichtige Planung der Stadt. Sie hat sich bei den SBB erfolgreich dafür eingesetzt, dass in Liestal ein neues,
filigranes Bahnhofgebäude gebaut wird. Das von den SBB benötigte Volumen wird zum alten Güterareal verschoben, also dorthin, wo ein Hochhaus gemäss Experten hingehört.

Die Gegner behaupten nun, der neue Bahnhof würde die Altstadt schwächen. Das sehe ich anders. Das Stedtli ist für uns alle eine Herzensangelegenheit. Genau deswegen haben der Stadtrat, der Einwohnerrat und KMU Liestal die Neugestaltung der Rathausstrasse forciert. Und genau deswegen unterstützen dieselben Kräfte auch den Quartierplan Bahnhofcorso. Es ist keine neue Einkaufsmeile am Bahnhof geplant. Dafür kommen 500 neue Arbeitnehmende nach Liestal, die zusätzliche Frequenzen ins Stedtli bringen werden.

Auch die Aussage, dass Liestal mit dem neuen Bahnhof zu einer «beliebigen Agglo-Stadt» ohne «identitätsstiftende Lebensqualität» werde, kann ich nicht nachvollziehen. Das Törli, der Aussichtsturm, der Chienbäse – das alles gibt es nur bei uns. Der Quartierplan Bahnhofcorso bedroht unsere einzigartige Identität nicht. Er sorgt aber dafür, dass der Bahnhof Liestal ein Gesicht erhält, das einem Kantonshauptort gerecht wird.

Aus meiner Sicht bringt die Vorlage für Liestal grosse Vorteile. Es winkt ein einladender, kundenfreundlicher Bahnhof – und zwar jetzt, und nicht irgendwann mal vielleicht. Wer diese Chance nutzen möchte, sagt am 26. November Ja zum Quartierplan Bahnhofcorso.

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Contra: Halten Schnellzüge nur bei einem Hochhaus?

Das SBB-Hochhaus widerspricht dem vom Einwohnerrat ursprünglich beschlossenen städtebaulichen Wettbewerb.

Der Baselbieter Heimatschutz unterstützt den Vierspurausbau am Bahnhof Liestal und die damit verbundenen Neubauten zur effizienten Abwicklung des Personenverkehrs. Der Baselbieter Heimatschutz stellt sich jedoch dezidiert gegen die heutige Quartierplanung Bahnhofcorso. Diese Quartierplanung mit dem verfehlten, aber auf Druck von SBB Immobilen ermöglichten Hochhaus widerspricht dem vom Einwohnerrat ursprünglich beschlossenen städtebaulichen Wettbewerb.

An vielen Orten in der Schweiz treten die SBB als Spekulationsfirma mit dem Argument auf, sie müssten mit massiven Bauten entlang der Bahnlinie den Betrieb finanzieren. Damit sind sie faktisch die Finanzierungsmaschine des defizitären Bahnbetriebs. Auch in Liestal machten die SBB geltend, dass sie das Hochhaus benötigten, um den neuen Bahnhof finanzieren zu können. Als Konsequenz hätten die SBB daraus ableiten müssen, dass damit die Quartierplanung Bahnhofcorso in Erfüllung einer Bundesaufgabe im Sinne des Natur- und Heimatschutzgesetzes (NHG) erfolgt. Die SBB als spezialgesetzliche AG des Bundes sind damit ans NHG und an die Vorgaben des Bundesinventars der schützenswerten Ortsbilder gebunden, und sie hätten deshalb in der Planung die Auswirkungen des massiven Hochhauses auf die umliegenden historischen Bauten und auf die historische Altstadt beachten müssen. Ja, sie sind als Bundesbetrieb dazu gerade verpflichtet.

Der Baselbieter Heimatschutz vertritt die Ansicht, dass die SBB die Bevölkerung nicht mit der Drohung einschüchtern dürfen, den Bahnhofausbau davon abhängig zu machen, dass Liestal ihr den Bau eines städtebaulich fragwürdigen Hochhauses ermöglichen muss. Der Heimatschutz hat im Rahmen der öffentlichen Mitwirkung gefordert, die städtebauliche Entwicklung des verbleibenden brachliegenden Areals gesamthaft zu planen. Dazu verlangte er, den Quartierplanperimeter um den Bereich des Hochhauses zu verkleinern. Die Forderungen fanden keinen Niederschlag in den vom Einwohnerrat beschlossenen Planungsunterlagen.

Der Baselbieter Heimatschutz empfiehlt, die Quartierplanung Bahnhofcorso in der heutigen Form abzulehnen und in einem offenen Wettbewerbsverfahren das gesamte SBB-Areal städtebaulich neu zu planen.

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