Eidgenössisches Schwingfest 2022

Noch lebt der Siegermuni in Pratteln auf dem Hof Schönenberg, wo er prächtig gedeiht

Der Siegermuni mit seinem Meister Jürg Degen – ein Verhältnis von «gegenseitigem Respekt».

Der Siegermuni mit seinem Meister Jürg Degen – ein Verhältnis von «gegenseitigem Respekt».

Der Stier, den der Schwingerkönig 2022 gewinnt, kommt aus Pratteln. Der Muni steckt aktuell mitten in der Pubertät und bringt schon 700 Kilos auf die Waage.

Da liegt er inmitten seines Harems, von dem ein Teil seine Frucht im Bauch trägt. Er fühlt sich so sicher, dass er im Gegensatz zu seinen Herzensdamen keine Anstalten macht, aufzustehen, als wir uns nähern. Wäre nicht der vorgebaute Kuhstall im Weg, könnte er sogar im Liegen auf seine künftige Triumphstätte hinunterblicken, wo er in 20 Monaten vielleicht als einziger Baselbieter im Mittelpunkt steht, falls die heimischen Schwinger nicht obenaus schwingen.

Noch wohnt er aber auf dem Hof Schönenberg, wobei nicht nur Hof und Lage schön sind, sondern auch er: altersgerechte Gardemasse, das heisst eine Schulterhöhe von etwa 1,70 Meter und 700 Kilogramm Gewicht; farblich dominiert ein dunkles Rot mit einer symmetrischen Blässe an der Stirne und etwas Weiss an Bauch und Beinen; der Kopf ist schon etwas bullig, was Eindruck erheischt, aber nicht massig. Er – ja, wie heisst er eigentlich? Schulterzucken ringsum, das bestimme der Munisponsor und er habe seinen Entscheid noch nicht gefällt. Der Geburtsname sei schlicht und einfach Toro – auf  Deutsch der Stier.

«Das ist einmalig»

Ja, dieser Stier vom Prattler Hof Schönenberg ist zu Höherem bestimmt: Er wurde als Siegermuni für den Schwingerkönig am Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest in Pratteln von Ende August 2022 (ESAF) auserkoren. Ein Roter soll es sein, habe das OK entschieden, sagt Kommunikationschefin Marion Tarrach. Und er sollte aus der engeren Umgebung stammen und gute Gene aufweisen.

Urs Schneider, Landrat und Bauer und im OK für die Lebendpreise zuständig – es gibt am ESAF nebst Siegermuni auch Stuten, Fohlen und Rinder zu gewinnen –, besuchte Anfang 2019 den Schönenberg-Bauer Jürg Degen. Beim Anblick des damals etwa zwei Monate alten Toro habe Schneider gerufen: «So habe ich ihn mir vorgestellt», erzählt Degen. Die Begeisterung war gegenseitig und der 46-jährige Degen ist noch heute hocherfreut, dass er den Siegermuni stellen darf: «Das ist einmalig, das ist eine Riesensache für mich.»

Genomische Untersuchung ist wegweisend

Schnell wurde man sich handelseinig und unterzeichnete einen Vertrag. Das heisst, das OK kaufte Degen den Muni ab – auf die Frage nach dem Preis erntet man Schweigen – und Degen musste sich verpflichten, den Muni «gesund» aufzuziehen. Das Ziel heisse, dass Toro bis 2022 ein grosser Muni mit genügend Gewicht sei. Degen spricht von rund einer Tonne.

Dass die Gene vielversprechend sind, dafür bürgt nicht nur Toros Verwandtschaft, sondern auch ein kleines Stück Ohr. Denn wenige Tage nach der Geburt wird jedem männlichen Rindvieh ein solches Stück ausgestanzt und zur genomischen Untersuchung eingeschickt. Das Resultat ist wegweisend: Zuchtmuni oder vorzeitiger Gang zum Metzger. Degen erklärt: «Bei der Viehzucht ist eins und eins nicht einfach zwei. Ein Tier kann Merkmale aufweisen, die sieben Generationen zurückgehen. Deshalb braucht es diese Untersuchung.»

Er muss vor 50'000 Zuschauern die Ruhe bewahren

Toro ist aber nicht nur Zuchtmuni, sondern ein Stück weit auch Hätschelkind. Denn seine vorbestimmte Aufgabe als Siegermuni bedingt Vorbereitung. So wird er regelmässig gewaschen und gebürstet, kürzlich wurde er auch geschoren, und immer wieder absolviert er mit seinem Meister Parcours über diverse Bodenbeläge wie Bretter oder Plastik. Das alles mit dem Ziel, ihn an den Umgang mit Menschen und nicht alltäglichen Situationen zu gewöhnen, was garantieren soll, dass der Siegermuni in der Arena vor 50'000 Zuschauern die Ruhe behält.

Doch ein Muni wird bei allem Training nie ein Schosshündchen. Dazu Degen: «Er ist ruhig, umgänglich und ich kann gut arbeiten mit ihm, obwohl er mitten in der Pubertät steckt. Gleichzeitig muss ich immer aufpassen und ihn im Auge behalten. Es braucht gegenseitigen Respekt.» Dabei kompensiert Degen seine massive körperliche Unterlegenheit mit einem Kunstgriff: Toro trägt wie praktisch alle Stiere permanent einen Nasenring.

Auch der letzte Siegermuni namens Kolin wurde übrigens gewaschen, getätschelt, frisiert und spazieren geführt, wie «20 Minuten» kurz vor dem Eidgenössischen Schwingfest 2019 schrieb. Ein halbes Jahr später landete er wegen Aggressivität beim Metzger – Munis bleiben unberechenbar.

Der Stellvertreter bleibt vielleicht lebenslänglich unbekannt

Kolin war ein Brauner, das heisst ein Vertreter der Rasse Braunvieh; sein Vorgänger ein Schwarzer (Holstein). Deshalb wollte das Prattler OK jetzt einen Roten, sprich einen Vertreter der Rasse Red Holstein. Ronny Schweizer, beim Ebenrain-Zentrum in Sissach für Tierzucht und Viehabsatz zuständig, sagt zu dieser Rasse: «Sie ist die zweithäufigste im Baselbiet und bekannt dafür, dass sie ressourcenschonend und emissionsarm aus Raufutter Milch produziert.»

Das Herdenbuch weist für Baselland 1'800 Red Holstein-Kühe aus; 70 davon leben auf dem 67 Hektaren grossen Betrieb von Jürg Degen. Mit etwa 2'500 Kühen sei die Holstein-Rasse im Kanton am häufigsten, wobei sich Holstein und Red Holstein nur in der Farbe unterscheiden, sagt Schweizer.

Wie fast alle wichtigen Akteure auf dieser Welt hat auch Toro einen Stellvertreter, der in der Not – etwa bei einem Unfall oder plötzlicher Aggressivität – einspringen könnte. In welchem Baselbieter Stall dieses Double steht, will das Schwingfest-OK nicht verraten. Im besten Fall werden wir es auch nie erfahren.

Autor

Andreas Hirsbrunner

Andreas Hirsbrunner

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