Reinach

Nur spenden reicht ihnen nicht

Linda und Florian Stamm waren schon öfters privat in Afrika unterwegs.

Linda und Florian Stamm waren schon öfters privat in Afrika unterwegs.

Das Ehepaar Stamm aus Reinach bricht in der Schweiz alle Zelte ab. Florian und Linda wollen in Tansania mit anpacken: Er repariert Computer, sie bekämpft Malaria.

Mosquitonetzenach Afrika zu schicken, um gegen Malaria zu kämpfen, reiche nicht, findet die 34-jährige Linda Stamm aus Reinach: «Zwei Jahre später schaut man nach der Entwicklung und sieht, dass sie die Netze zum Fischen verwenden.»

Um das zu verstehen, muss man wissen, wie tief der Aberglaube in Schwarzafrika mit dem christlichen Glauben verwoben ist: So sind die Menschen laut Linda schwer von ihrer Überzeugung abzubringen, dass die Mosquitonetze unfruchtbar und impotent machen. Das schaffe man nur durch langfristige Sensibilisierung, indem man vor Ort bei den Menschen ist.

Genau das und nichts anderes versteht Linda Stamm unter nachhaltiger Entwicklungsarbeit: «Persönlich kann ich es nicht vertreten, dass Hilfsorganisationen Spendengelder für Fernsehwerbung und Fundraising ausgeben oder einen unglaublich grossen Fuhrpark unterhalten, nur um Patenbriefe hin und her zu schicken.» Deshalb bricht sie mit ihrem 32-jährigen Mann Florian im August alle Zelte in Reinach ab und zieht nach Tansania in die 100 000-Einwohner-Stadt Musoma am Lake Victoria. Den Zeitpunkt der Rückkehr lassen die beiden völlig offen: Ihr Hausstand in Reinach ist verkauft; die Arbeitsstellen gekündigt. «Erst einmal haben wir einen Vertrag für drei Jahre», sagt Linda.

Hygiene und Aids

Die Umweltwissenschafterin an der FHNW verbrachte bereits einige Monate in Indien und Sambia, wo sie in ihrem Spezialgebiet Tropenmedizin und Wasserkrankheiten tätig war. In Musoma wird sie den Kindern auf spielerische Art einfachste Hygienemassnahmen beibringen und zeigen, wie Infektionskrankheiten dadurch vermieden werden können. Dazu gehöre zum Beispiel, dass man nicht barfuss aufs Klo gehe und sich nach dem Klobesuch die Hände richtig wasche.

Bei jungen Erwachsenen soll das Tabuthema Aids angesprochen und offen über Fragen und Bedenken diskutiert werden. Die Betroffenen würden so sehr stigmatisiert, dass viele ihre Krankheit so lange geheim hielten, bis es zu spät sei. Überhaupt hätten die Afrikaner eine andere Einstellung zum Tod, der in ihrer Kultur sehr präsent sei: «Es kommt vor, dass eine Mutter ihr kleines Kind zwei Tage lang vernachlässigt, weil sie so sehr mit der Beerdigung eines Verwandten beschäftigt ist.»

Linda und Florian Stamm werden in Musoma in einem einfachen Haus wohnen, das ihnen von der dortigen Projektinitiatorin, der anglikanischen Kirche, zur Verfügung gestellt wird. Möbel und Einrichtung werden die beiden aber komplett neu kaufen müssen. Kisuaheli, die Amtssprache Tansanias, lernen sie bereits jetzt bei einer Basler Privatlehrerin. Während Linda das tansanische Team für die Malariabekämpfung begleitet und hofft, dass dieses später selbstständig klarkommt, wird sich der Informatiker Florian, der derzeit noch auf der Gemeinde Reinach arbeitet, um die IT-Infrastruktur in Musoma kümmern.

Angestellt sind die beiden vom Schweizer Verein Interteam, der unter dem Motto «Wissen teilen – Armut lindern» Fachleute für die Hilfe zur Selbsthilfe vermittelt. Wichtig sei dabei, dass das Projekt von den Partnern vor Ort, in diesem Falle der anglikanischen Kirche, initiiert werde.

Zusammen bekommt das Paar einen Lohn, der in Tansania dem Gehalt eines Arztes entspricht. «Wir werden nicht in ärmlichen Verhältnissen leben, aber sehr einfach», erzählt Linda. Der Lohn werde die allgemeinen Lebenskosten decken. Seit acht Jahren planen Linda und Florian, in Afrika zu arbeiten. «Unsere Arbeit bietet eine sehr tiefe Befriedigung», sagt sie. Für sie ist ihr Engagement ein Geben und Nehmen: «Dadurch, dass ich das Wissen zu den Menschen bringe, will ich auch daran wachsen.» Verwandte und Freunde sind «nicht so begeistert» von den Plänen der beiden. «Weil wir schon acht Jahre davon gesprochen hatten, glaubten sie schon gar nicht mehr daran», sagt Linda. Sie lässt auch ihre 90-jährige Grossmutter zurück: «Ich weiss nicht, wem von meiner Familie ich noch mal begegnen werde.»

Aus Indien kenne sie das Gefühl, wenn man wirklich heim will. Zum Beispiel, «wenn man seine persönliche Grenze erreicht und mit dem Leid und der Ungerechtigkeit auf der Welt nicht mehr klarkommt.» Dennoch könne sie nicht davon ausgehen, dass ihre Erfahrungen sie auf Tansania vorbereitet hätten: Jedes Mal sei es anders. In Sambia habe es zum Beispiel auch besser geklappt mit der persönlichen Abgrenzung von Leid und Krankheit als in Indien. Deshalb sei es auch nicht bedenklich, dass Florian sich ohne ähnliche Erfahrungen für das neue Leben in Tansania entschieden habe. Dieses Risiko bleibe immer bestehen: «Es kann auch gut ich selbst sein, die nach drei Monaten zu kämpfen hat – doch aufgeben war noch nie eine Option.»

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