Strafgericht

Obdachlosen niedergestochen – der 80-jährige Messerstecher ist dement

Im Juli 2018 stach ein 80-Jähriger einen Obdachlosen nieder. (Symbolbild)

Im Juli 2018 stach ein 80-Jähriger einen Obdachlosen nieder. (Symbolbild)

Im Juli 2018 stach ein 80-Jähriger einen Obdachlosen nieder. Der Täter muss in psychiatrische Behandlung.

«Möchten Sie etwas über Ihre Kindheit oder Jugend erzählen?», fragte Gerichtspräsidentin Sarah Cruz den 80-jährigen Mann. «Nein, lieber nicht», antwortete der Angeklagte nach einem langen Zögern.

Langatmige Erklärungen waren offensichtlich nicht das Ding des Angeklagten, und die zweitägige Verhandlung im Basler Strafgericht nahm er wohl eher beiläufig wahr. Er gähnte laut, als die Staatsanwältin ihre Anklage wegen versuchten Mordes begründete, die technisch vorgesehene Einsatzstrafe von neun Jahren erläuterte und die Strafreduktionen wegen der verminderten Zurechnungsfähigkeit berechnete.

Als der Angeklagte nach dem Plädoyer seiner Verteidigerin noch das Recht auf ein letztes Wort hatte, musste ihn sein Betreuer aufwecken. Er quittierte es mit einem verlegenen Lächeln.

Letzten Sommer war die Stimmung eine andere: Im Juli 2018 verkehrte der Mann trotz eigener Wohnung regelmässig in der Obdachlosenszene vor dem Basler Bahnhof SBB. Irgendwie kam es zu einem Streit mit einem 38-jährigen Alkoholiker: Der 80-Jährige knallte ihm eine Ohrfeige, woraufhin der 38-Jährige den Sommerhut des 80-Jährigen schnappte und darauf herumtrampelte. Auch die Ohrfeige gab er zurück. Ob danach ein oder zwei Tage verstrichen, blieb vor Gericht unklar. Am Abend des 28. Juli 2018 erschien der 80-Jährige jedenfalls erneut auf dem Centralbahnplatz, diesmal mit einem neugekauften Küchenmesser mit einer 15 Zentimeter-Klinge.

Direkt vor dem 38-Jährigen stehend entfernte er den Klingenschutz und stach dem Kontrahenten direkt in den Bauch. Danach zog er das Messer zurück und lief davon, ein Passant konnte ihm das Messer abnehmen. Seit jenem Tag sitzt der 80-Jährige in Haft. Der 38-Jährige verlor viel Blut, überlebte den Angriff aber dank einer Notoperation.

Verminderte Schuldfähigkeit

Verteidigerin Flurina Barblan betonte, ihr Mandant hatte damals seit Tagen seine Medikamente nicht mehr eingenommen und leide an einer Demenz. Er sei bereit, sich mit seiner Tat auseinanderzusetzen. Man könne den 80-Jährigen mittels einer Weisung zur ambulanten Therapie in einer Wohngruppe unterbringen, damit wäre die Rückfallgefahr ausreichend gebannt. Es genüge eine Verurteilung wegen Körperverletzung mit einem gefährlichen Gegenstand.

Die fünf Richter folgten allerdings der Empfehlung des Sachverständigen und entschieden sich für eine stationäre Massnahme: Der Mann bleibt damit vorläufig in Haft, nun beginnt die Suche nach einer Therapie in einer geschlossenen Einrichtung. Die Richter gingen von einer versuchten vorsätzlichen Tötung aus. Das eigentliche Strafmass von sechs Jahren kürzten sie wegen der schwer verminderten Schuldfähigkeit des Mannes um 75 Prozent auf 18 Monate. Auf die Dauer der Massnahme hat das allerdings keinen Einfluss: Solange eine Rückfallgefahr für Gewaltdelikte besteht, bleibt er hinter Gittern. Das Urteil kann noch weitergezogen werden.

Der 80-jährige Angeklagte erschien jeweils mit Anzug und Hut zur Verhandlung. Er wuchs in einer Pflegefamilie auf, zog später ins Waisenhaus, wohnte danach wieder bei seinem Vater und arbeitete in der Spedition einer Chemiefirma.

Er war verheiratet und hat zwei Töchter. Die letzten 40 Jahre liess er sich regelmässig wegen verschiedener Krankheiten in der Psychiatrie behandeln, für seine Finanzen hat der Mann seit mehreren Jahren einen Beistand.

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