Zu Stosszeiten fährt alle drei Minuten ein Tram durch Oberwil und Therwil. Logisch, stauen sich in den Ortskernen täglich die Autos vor den Bahnübergängen. Über sie muss man fahren, wenn man von der einen Talstrasse zur anderen gelangen will. Dabei gäbe es eine fertig erstellte Unterführung unter dem Tram, die Langmattstrasse. Die Gemeinde Oberwil baute sie in den 1980er-Jahren. Sie geht vom Einkaufsgebiet Mühlematt ab – und landet als Planungsleiche im Nichts.

Das möchte die Regierung jetzt ändern. Sie möchte die Strasse von der Gemeinde übernehmen und sie ostwärts verlängern, 260 Meter weit bis zur Therwilerstrasse. So käme man ohne zeitraubenden Bahnübergang von der einen Talstrasse zur anderen. Der Verkehr, der jetzt durch die Ortskerne oder die Ringstrasse in Therwil verstopft, soll sich wenigstens teilweise auf die neue Langmattstrasse konzentrieren. Die Regierung beantragt nun dem Landrat, die verlängerte Strasse im Richtplan festschreiben, aufgrund einer gutgeheissenen Motion des Therwilers Oskar Kämpfer (SVP). Der Bau würde 13 Millionen Franken kosten.

Die Sache hat allerdings einen Haken: Die Gemeinde Oberwil ist gegen die Verlängerung. «Unser Zentrum würde zwar geringfügig entlastet», sagt Gemeinderat Christian Pestalozzi. «Aber der Verkehr würde nicht verschwinden, sondern durch die Therwilerstrasse fliessen.»

Und dort würden schliesslich auch Menschen wohnen. «Den Verkehr einfach nur innerhalb der Gemeinde zu verschieben, ist nicht wünschenswert.» Er ist zudem überzeugt, dass die verlängerte Strasse den Verkehr zum Einkaufsgebiet Mühlematt ansteigen lasse – obwohl die Gemeinde in ihrem Zonenplan genau das Gegenteil anstrebe. «Eine neue Strasse bringt die Leute sicher nicht einfacher auf den öffentlichen Verkehr», findet er. Sein Fazit ist deshalb klar: «Das Verhältnis von Kosten und Nutzen der Strasse geht nicht auf – wobei ich unter Kosten nicht nur die monetären verstehe.»

Die Entlastung in den Ortskernen wird minim sein, das räumt die Regierung ein. Auf der Oberwiler Hauptstrasse sollen ungefähr 2000 Autos weniger fahren als jetzt. Und die Gesamtverkehrsmenge werde nicht abnehmen. Auf der Therwilerstrasse rechnet die Regierung sogar mit 1000 Fahrzeugen mehr pro Tag, wie von Pestalozzi befürchtet. «Der Verkehr kann aber flüssiger abgewickelt und siedlungsverträglicher werden, vor allem durch die Entlastung in den Wohngebieten entlang der Ringstrasse», schreibt die Baselbieter Bau- und Umweltschutzdirektion (BUD) auf Anfrage. Die Ringstrasse in Therwil bietet derzeit die einzige Möglichkeit in Oberwil und Therwil, kreuzungsfrei die Tramlinie zu queren. Deshalb ist sie stark befahren. Es handelt sich aber um eine Gemeindestrasse in einem Wohngebiet. Deshalb ist der Kanton auch von der Idee abgekommen, sie zu übernehmen und für mehr Verkehr auszubauen.

Stattdessen stellt die BUD eine Bilanz der Be- und Entlastung durch die Strassenverlängerung auf. «Mit der neuen Querspange können die Wohnquartiere an der Ringstrasse entlastet werden, ohne dass bei der Langmattstrasse eine analoge Zusatzbelastung entsteht», schreibt sie. Der Nutzen für die Wohnbevölkerung sei positiv. «In welcher Gemeinde die betroffenen Personen wohnen, ist im Grundsatz unwichtig, solange niemand deutlich benachteiligt wird. Und das ist hier gegeben.» Dass es Mehrverkehr zur Mühlematt gebe, bestreitet die BUD.

Volk sagte fünf Mal Nein

Die Argumentation des Kantons stösst in Therwil auf offene Ohren. Im Gegensatz zu Pestalozzi befürwortet der Therwiler Gemeindepräsident Reto Wolf die Strassenverlängerung in der Nachbargemeinde: «Bei uns würde ein ganzes Wohnquartier entlastet. In Oberwil wird gerade mal ein Wohnblock belastet.» Wolf möchte aber nicht die beiden Gemeinden gegeneinander ausspielen: «Es geht nicht darum, dass jene Gemeinde besser entlastet wird, die am lautesten schreit», sagt er.

Entscheidender sei die leichte Entlastung in den Ortskernen beider Gemeinden, die die verlängerte Langmattstrasse bringe. «Auch wenn es vielleicht nur um 200 Autos pro Stunde weniger geht, wird das den Verkehr flüssiger machen. Wir sind in den Stosszeiten froh um jedes Auto weniger.» Wolf hofft sogar, dank der Strassenverlängerung in Oberwil die aktuelle Talüberquerung durch den Therwiler Ortskern mit Tempo 30 beruhigen zu können (was der Kanton allerdings ablehnt).

Der Landrat wird in den kommenden Wochen das Projekt beurteilen. Falls er es gut heisst, tut er das über die Köpfe der Oberwiler Bevölkerung hinweg. Diese hat nämlich an der Gemeindeversammlung bereits fünf Mal eine Verlängerung abgelehnt.