Ochsentour

Ochsenkunde in Oberwil

Abstrakt und doch voller Dimension, Ohr und Horn eigenständig, trotzig glänzt – fast unkenntlich – bessere Vergangenheit aus der Stirn; die stäbische Abhängung volutenverdreht, als gäb’s kein Ende.

Abstrakt und doch voller Dimension, Ohr und Horn eigenständig, trotzig glänzt – fast unkenntlich – bessere Vergangenheit aus der Stirn; die stäbische Abhängung volutenverdreht, als gäb’s kein Ende.

Das Stasigässlein habe ich erst später entdeckt, auch ging kein Stasi-Marieli zu mir in die Schule, als ich am Gymnasium Oberwil Stellvertreter war. Vorhochschulzeitlich ausgebildet als Lehrer, dachte ich mir: Ein paar Wochen, dann kannst du den Lehrer in dir endlich vergessen. Deutsch. Die Klasse traktierte ich mit Kafka. Ich glaube, niemand hat Schaden genommen. Aber man musste kein Stasi-Marieli oder -Moritzli sein, um zu merken, dass mir mein Autoritätsproblem Probleme machte.

«Herr Lehrer, das ‹Stasi-Marieli› war ein Mensch und kein Treppenwitz!» – Tochter einer Anastasia. Der elterliche Hof an der Hauptstrasse wurde kurz nach ihrer Geburt abgerissen. Metzger Laub liess 1905 das heute noch stehende Gebäude errichten, ein Gasthof Ochsen entstand. Dieser Betrieb ging vor acht Jahren dahin. Das Schild hängt heute noch: ein Schein-Ochse, eine Ochsenattrappe.

Im Säli des Ochsen sei Mitte der Fünfziger zwischen lebens-, leichen- und vereinsbündlerischem Rabatz eine Klasse unterrichtet worden: Handzahm müssen die Eingeschulten gewesen sein, sediert vom halbverrauchten Qualm und den alkoholischen Dämpfen. Der Schulmeister ein verruchter Jahrmarktskünstler, der jeden Morgen die Wandtafel hinter einem Vorhang hervorzauberte und unverständliche Zeichen darauf kratzte. Vis-à-vis unter den Kastanienbäumen vor dem Gasthof zur Krone mussten die Zöglinge dann ihren Rausch ausexerzieren: Freiübungen und Taktschritt, laut Zeugenbericht.

Die Krone wurde 1968 abgerissen, um einen Parkplatz ‹herzurichten›. Lediglich drei der Bäume stehen noch, ein verlegenes Pärkli mit einem Denkmal, dahinter ein Kasten, ebenerdig ein Coop. Die Büste Stefan Gschwinds – Sozial-Pionier, Nationalrat, Coop-Gründervater – wurde vor ein paar Jahren gestohlen, als sie noch weiter vorne halb im Busch an der Bahnhofstrasse stand. Man vermutete politische Intrigen – die Stasi-Marie? Am Ende war’s wohl der Wert des Kupfers. Im verlegen neu hergerichteten Pärkli steht der ungestohlene Sockel jetzt, einen neuen Kopf aufgesetzt.

«Diesen Gschwind Stefan, Herr Lehrer, schreibt man mit ‹ph› und ‹Coop-Gründervater› ist unterkomplex; Geschichte kann man sich nicht einfach ‹herrichten›», raunt Marieli. «Und mit Verlaub, Herr Morgenthaler, ‹Herr Lehrer› ist obsolet, und der Diminutiv antiquiert!»

Hätte man Geschichte unterrichtet, hätte man Kafka vielleicht besser vermitteln können. Und das mit dem Vergessen kann man getrost vergessen.

Simon Morgenthaler ochst und lebt in Basel. Er geht als kantonsfremder Fake-Lokalhistoriker auf eine Ochsentour in der Region Basel und vertraut hier voll und ganz auf Internet-Quellen und seine Fehlbarkeit.

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