Sprachenkonzept

«Passepartout»: Baselland will aus den Fehlern der Anderen lernen

Lehrerin Stéphanie Hattemer begrüsste am Montag an der Sekundarschule Reinach die erste Klasse, die schon seit der dritten Primar Französisch-Unterricht hatte.

Lehrerin Stéphanie Hattemer begrüsste am Montag an der Sekundarschule Reinach die erste Klasse, die schon seit der dritten Primar Französisch-Unterricht hatte.

Im Baselbiet wollen zwei Initiativen das sechskantonale Frühfremdsprachen-Konzept «Passepartout» stoppen, doch Bildungsdirektorin Monica Gschwind nutzte den ersten Schultag an der Sek Reinach für eine Gegenoffensive.

Kein «Bonjour», kein «Mesdames et Messieurs», nichts. Die Baselbieter Bildungsdirektorin Monica Gschwind (FDP) schlug den Vorschlag der Schulleitung der Sekundarschule Reinach dankend aus, die Begrüssung der Journalisten auf Französisch vorzunehmen. Ihre Ausrede: «Als ich zur Schule ging, wurde mehr Wert auf die Grammatik gelegt als darauf, einfach drauflosreden zu können.» Ob gewollt oder nicht: Damit traf Gschwind den Kern der Debatte, die rund um das Frühfremdsprachen-Konzept «Passepartout» entbrannt ist.

Erster Passepartout-Jahrgang

Dass in den Kantonen Basel-Stadt, Solothurn, Bern, Fribourg und Wallis seit Sommer 2011 und in Baselland ein Jahr später die Schüler bereits in der dritten Primarklasse mit Französisch und in der fünften mit Englisch beginnen, und die Schulen dabei auf komplett neu erarbeitete Lehrmittel setzen, sorgt für viel Unmut. Vor allem bei Teilen der Eltern- und Lehrerschaft, aber auch bei den Bildungspolitikern des Komitees «Starke Schule Baselland». Letztere reichten diesen Frühling zwei Initiativen ein, die den Ausstieg Basellands aus dem sechskantonalen Passepartout-Konkordat und nur eine Fremdsprache auf der Primarstufe fordern.

«Mir war schon länger klar, dass ich zum Start des Schuljahres 2016/17 deshalb den Schwerpunkt auf ‹Passepartout› legen möchte», sagt Gschwind später zur bz. Zumal in Baselland am Montag die ersten Schüler, die 2012 mit Frühfranzösisch begonnen haben, in der Sekundarstufe angekommen sind. Gschwind wählte die Klasse 1a der Sek Reinach aus, um den Medien genau diesen Übergang zu zeigen. Nach vier Jahren Französisch mit dem Lehrmittel «Mille feuilles» sassen also 23 Mädchen und Knaben in ihrer erster Lektion der 7. Klasse. Symbolisch übergab Primarlehrerin Barbara Jost den «Passepartout»-Stab an ihre Kollegin der Sekundarstufe, Stéphanie Hattemer.

Hauptsache Reden

«Et maintenant en français», waren Hattemers erste Worte an die 12- bis 14-Jährigen, die sich wohl weniger wegen dieses Satzes als wegen der vielen Fotografen, Journalisten und Politiker, die das Klassenzimmer belagerten, eher wortkarg gaben. Sie mussten auf Zettel gedruckte Aussagen wie «j’habite à Reinach» oder «je fais de la danse» erst sich selbst zuordnen und dann die Sitznachbarn fragen, welche auf sie zutreffen. Ob der Fragesatz richtig gebildet wurde, war für Hattemer weniger wichtig, als zu sehen, dass die Schüler überhaupt miteinander auf Französisch kommunizierten.

«Mein erster Eindruck war sehr gut», sagte die gebürtige Französin Hattemer im Anschluss an die Lektion. Schliesslich sei die 1a eine Klasse des mittleren Leistungszuges E. In der Sekundarschule gehe es nun darum, die vier Kompetenzen Lesen, Sprechen, Hören und Schreiben weiterzuentwickeln. Alle vier seien dabei gleich wichtig. «Dass bei ‹Passepartout› in der Primar Grammatik keine Rolle spielt, ist ein Vorurteil, das so nicht stimmt.» Allerdings werde die Schreibkompetenz nun etwas stärker in den Fokus rücken.

Lehrmittel schon verbessert

Das ist auch etwas, das Gschwind betont: «Passepartout» entwickle sich weiter. Dass Baselland ein Jahr hinter den anderen Partnerkantonen hinterherhinkt, entpuppt sich so als Vorteil: «Aus den Erfahrungen der Anderen lernen wir», sagt die Regierungsrätin. Bereits seien etwa die Lehrmittel angepasst worden, sodass dem Grundwortschatz mehr Beachtung geschenkt wird. Und auch die Grammatik werde bald gestärkt. Wichtig seien auch die stetigen Weiterbildungen der Lehrer. «Man muss ‹Passepartout› noch verbessern», hält Gschwind fest.

Die Übung abzubrechen, bevor überhaupt die ersten Schüler die obligatorische Schulzeit mit «Passepartout» abgeschlossen haben, wie es die Initiativen wollen, sei hingegen «sowohl bildungs- als auch finanzpolitisch nicht zu verantworten», so Gschwind. Sie machte dabei gestern keinen Hehl daraus, dass sie selbst früher eine Kritikerin war. «Aber einen vorzeitigen Abbruch ohne Wirkungskontrolle erachte ich für unsere Baselbieter Schulen als schädlich.» Die erste Zwischen-Evaluation soll 2018 vorliegen, der grosse Schlussbericht erst 2021.

Gleichwohl: Schon in einem halben Jahr möchte Gschwind mit den Seklehrern Hearings durchführen. Schliesslich kam die Kritik aus der Lehrerschaft bisher vor allem von ihnen. Dann wird sich zeigen, ob – wie es bei den Primarlehrern war – auch bei den Seklehrern die Begeisterung für «Passepartout» wächst, sobald sie wirklich damit gearbeitet haben.

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