Der Zeiger springt von 8.59 auf 9 Uhr. Das Triumvirat Kestenholz betritt den Raum. In drei dunklen Anzügen stecken Stephan Kestenholz, Sohn Thomas und Neffe Daniel. Unter dem dunkelblauen Jackett trägt Stephan Kestenholz ein weisses Hemd, auf der Brusttasche prangt das aufgestickte Monogramm: «SK». Er hält es lockerer als seine Nachkommen – die Krawatte hat er im Schrank gelassen. «Dafür haben mich die beiden heute Morgen gerügt», wird er später sagen und dabei laut lachen. Doch jetzt, in den ersten Minuten dieses Treffens, gibt er sich noch zurückhaltend mit privaten Gesprächen.

Stephan Kestenholz, graues Haar, dunkle Brille, grüsst freundlich, mit kräftigem Händedruck. Er faltet einen Zettel auf und gibt den darauf minutiös zusammengestellten Plan der nächsten Stunden preis. 30 Minuten in der Garage in Pratteln, danach gehts weiter nach Oberwil, dann zum Joggeli, in die Basler Innenstadt, zum Mittagessen und zurück nach Pratteln. «Um 14 Uhr sind wir zurück», sagt Kestenholz.

Kestenholz ist der CEO der gleichnamigen Autohaus-Gruppe mit Hauptsitz in Pratteln und neun Standorten in der Schweiz und in Süddeutschland. Er beschäftigt 750 Mitarbeiter und verkauft jährlich 8000 Autos in der Schweiz und in Deutschland. Doch wer ist der Mann, der hinter dem Imperium steckt?

«Grüezi, Herr Kestenholz»

Der Gang durch die Nutzfahrzeugabteilung und den Showroom für Personenwagen dauert nicht lange. Thomas und Daniel Kestenholz erklären Designelemente, die Architektur der einzelnen Gebäude und die Arbeitsstationen in den Werkstätten, während sie mit langen Schritten durch die Räume gehen. Es spielt keine Rolle, wie teuer oder ausgefallen die Autos sind, die in einer Garage repariert werden, eines haben sie alle gemeinsam. Die Bilder von fast und halb nackten Frauen haben auch hier ihren Weg an die Wände der Garage gefunden. Entschuldigend zuckt Kestenholz mit den Schultern und lacht verlegen.

«Grüezi, Herr Kestenholz», wiederholt sich jeweils dreifach, wenn die Männer an den Mitarbeitern vorbeikommen. Sie schütteln Hände von Mechanikern, von Empfangsmitarbeitern und Centerleitern, stecken ihre Köpfe in Marketingbüros und grüssen alle Mitarbeiter. Immer freundlich, immer mit Namen. Aber sie bleiben nur selten stehen, sind stets in Bewegung – der Zeitplan diktiert sie.

Erst im Classic-Center verlangsamt sich das Tempo. Rund zwanzig Oldtimer reihen sich hier in einer grossen, mit Backsteinwänden ausgestatteten Halle aneinander. Stephan Kestenholz betritt den Raum und lächelt. «Das ist meine Leidenschaft», sagt er und nickt in Richtung der Autos. Er geht eine Treppe am Rand der Halle hoch, wo sich die «Kestenholz Galerie» befindet – Autos, die nicht zum Verkauf stehen, sondern aus der persönlichen Sammlung der Familie stammen.

Hier ist das Lieblingsstück von Stephan Kestenholz zu finden: ein Mercedes 190 Ponton, Baujahr 1958. Kestenholz legt seine Hand zärtlich auf die Motorhaube. «Mit diesem Auto habe ich mir meinen Lebenstraum erfüllt», sagt er, und meint die Rallye von Peking nach Paris, die er 2004 mit seiner Frau absolviert hat. Stephan Kestenholz wirft einen Blick auf die Uhr und geht in raschen Schritten weiter zur Werkstatt, wo Oldtimer restauriert werden.

Jassen statt Autos verkaufen

Die Tour geht in Basel, direkt neben dem Joggeli, weiter und führt dann nach Oberwil. Der Standort Oberwil sei «der Liebling vom ‹Babbe›» gewesen, sagt Kestenholz. «Babbe», das war sein Vater, Erwin Kestenholz aus Lupsingen. 1952 hat er die Firma gegründet, erzählt Kestenholz beim Gang durch die Garage in Oberwil. Während dieser Zeit kam Stephan Kestenholz in das Leben seines Vaters – 1955 wurde er geboren. Mit seinen zwei Brüdern und den Eltern lebte er in Lupsingen. Nur wenige Jahre später, 1958, muss er die Garage vorübergehend aufgeben und zog mit der Familie nach Bern.

Offiziell aus gesundheitlichen Gründen. «Es könnte aber auch damit zu tun gehabt haben, dass er mehr in der Beiz gejasst als Autos verkauft hat», so Stephan Kestenholz. Als Kind habe er seinen Vater nicht oft gesehen, da er ständig arbeitete oder in der Beiz war, so Kestenholz. Erst später, durch die gemeinsame Arbeit, verbrachte er mehr Zeit mit ihm. Denn 1967 eröffnete Erwin Kestenholz die Firma neu – und die Familie zog zurück ins Baselbiet.

Erst im Mercedes-Café in der Basler Innenstadt und beim anschliessenden Mittagessen bleibt Zeit für ein längeres Gespräch. Sein Bruder Peter, so Stephan Kestenholz, ist bereits pensioniert. Auch für ihn selber dauert es nicht mehr lange: 2020 übergibt der heute 64-jährige CEO an Thomas (34) und Daniel Kestenholz (37). Ob er dafür bereit ist? «Ich denke schon», sagt er. «Aber ob das wirklich stimmt, sehe ich erst, wenn es so weit ist.» Sein Ziel nach der Pension sei, mehr Zeit mit seinen Enkelkindern und seiner Frau zu verbringen. Er wolle es nicht seinem Vater gleichtun: «Er hatte neben der Arbeit kaum Hobbys. Kurz nach der Pension ist er gestorben», sagt Kestenholz.

Er selber wolle nach der Pension mehr reisen und seinem Hobby, den Oldtimern, nachgehen. «Ich freue mich deshalb auch darauf, aufzustehen und ganz spontan zu entscheiden, was ich an diesem Tag tun will», sagt er. Daniel und Thomas lachen über diese Vorstellung. Es ist das erste Mal an diesem Tag, dass die Männer nicht vom Geschäft sprechen: «Du wirst trotzdem jeden Tag durchplanen», sagt sein Sohn. Kestenholz lacht mit und gibt ihm recht. «Organisation und Planung brauche ich eben.» Ganz kann Kestenholz denn auch in der Firma noch nicht loslassen, er wird weiterhin im Verwaltungsrat bleiben. Bedenkt man, wie lange er schon dabei ist, ist das kaum überraschend.

Organisation, Planung, Fokus

Stephan Kestenholz hat bereits in jungen Jahren begonnen, für seinen Vater zu arbeiten. 1990 hat er sich erstmals für einen Businessplan starkgemacht. «Er wollte damals wie wild Garagen in der ganzen Schweiz kaufen», sagt Stephan Kestenholz. «In Zürich, in Bern, in der Westschweiz.» Er hingegen wollte sich auf die direkte Umgebung konzentrieren. «Mit einem Zirkel habe ich einen Kreis um die Stadt Basel gezeichnet und gesagt: Das ist unser Expansionsgebiet.»

Der Vater habe über seinen Businessplan nur gelacht. Es war der Grundbaustein für den heutigen Erfolg. 1992 hat Stephan Kestenholz die Firma schliesslich übernommen. «In 30 Jahren ist aus nichts das grösste Autohaus der Region geworden», erklärt er. Alle zehn Jahre erstellt er einen neuen Plan, jedes Detail wird dabei exakt durchdacht und vorausgeplant – wie die Motoren seiner geliebten Oldtimer, die mit Fingerspitzengefühl und Millimeterarbeit zusammengebaut werden, bis sie perfekt laufen. «1990 bis 2000 war das Hauptthema Expansion», sagt Kestenholz. In der Schweiz, nach Süddeutschland und ins Elsass. Letzteres sei ein Fehlentscheid gewesen: «Die Garagen in Frankreich mussten wir nach wenigen Jahren wieder verkaufen, das hat nicht geklappt, wie ich es mir vorgestellt habe.» Reue zeigt er keine, er bleibt pragmatisch. Das nächste Jahrzehnt stand unter dem Motto Qualität, der dritte Businessplan war eine Kombination der ersten beiden.

«Klimadebatte zu heiss gekocht»

«Ab 2020 gibt es einen neuen Businessplan, wir sind zurzeit dabei, diesen auszuarbeiten», sagt Kestenholz. Geht es darin auch um Klimaschutz, gerade in der Autoindustrie ein brandaktuelles Thema? «Ich persönlich denke, dass diese Diskussion derzeit etwas zu heiss gekocht wird», meint Kestenholz. Die Einstellung ist von einem Autohändler nicht überraschend. Aber sind die Kunden gleicher Meinung oder macht es sich Kestenholz etwas zu leicht? «Ja, unsere Kunden schauen vermehrt auf diesen Aspekt. Daimler strebt bis in 20 Jahren auch eine CO2-neutrale Neuwagen-Flotte an.» Aber er wolle sich auch auf andere Dinge konzentrieren. «Platz, Sicherheit und Komfort stehen noch immer im Vordergrund.» Details zum nächsten Businessplan wollen die drei Männer nicht bekannt geben.

Was aber klar ist: Das nächste Jahrzehnt wird durch die Übernahme von Thomas und Daniel Kestenholz geprägt. «Wir durften immer selber entscheiden, was wir beruflich machen wollen», betont Daniel Kestenholz. «Es hat sich aber schon vor einigen Jahren in diese Richtung entwickelt», fügt Thomas an. Was, wenn die beiden jungen Männer die Garage nicht hätten übernehmen wollen? «Dann hätten wir sie wohl verkauft», sagt Stephan Kestenholz. Es ist kurz still. Er wirft einen Blick auf die Uhr – es ist kurz vor 14 Uhr, mitten in der Basler Innenstadt. Für einen Moment hat Stephan Kestenholz die Zeit aus den Augen verloren.