Lehrplan 21

Peter Gautschi ist überzeugt: «Wir brauchen das historische Denken»

Peter Gautschi ist Professor für Geschichtsdidaktik an der Pädagogischen Hochschule Luzern. Er arbeitete beim Lehrplan 21 mit.

Peter Gautschi ist Professor für Geschichtsdidaktik an der Pädagogischen Hochschule Luzern. Er arbeitete beim Lehrplan 21 mit.

Das Fach Geschichte gibt es nicht mehr – im Lehrplan 21 geht es im Fachbereich «Räume, Zeiten, Gesellschaften» auf. Professor Peter Gautschi über Trends im Bildungswesen.

Herr Gautschi, in diesem Jahr feiert die Schweiz verschiedene Jubiläen: 700 Jahre Schlacht am Morgarten, 500 Jahre Schlacht bei Marignano und 200 Jahre Wiener Kongress. Lernen die Schüler diese Ereignisse noch?

Peter Gautschi: Morgarten, Marignano und der Wiener Kongress kommen vor, allerdings eingebettet in Zusammenhänge. So werden im Unterricht auch Mythen wie die Schlacht von Morgarten thematisiert, um zu zeigen, wie die junge Schweiz sich im 19. Jahrhundert eine Identität schuf.

Die Schlacht von Marignano ist ein gutes Beispiel, um das Söldnerwesen oder die Verknüpfungen der Eidgenossenschaft mit den Grossmächten in Europa zu erklären. Und der Wiener Kongress hat grosse Auswirkungen auf das Werden der Schweiz.

Spielen Daten im Geschichtsunterricht überhaupt noch eine Rolle?

Klar. Daten sind nach wie vor Symbole für Ereignisse und damit eigentliche historische Fixsterne. Es ist wichtig, Ursachen, Wirkungen, Zusammenhänge eines Ereignisses zu erkennen. Betrachten wir das Jahr 1815 mit dem Wiener Kongress, dann ist es ein Kristallisationspunkt für die Neuordnung von Europa.

Deshalb müssen die Schüler gewisse Zahlen als Abkürzungen für ganze Geschichten kennen. Es bringt aber nichts, wenn sie Zahlen isoliert lernen.

Im Lehrplan 21 geht das Fach Geschichte im Fachbereich «Räume, Zeiten, Gesellschaften» auf. Stehen Ihnen als Geschichtsdidaktiker nicht alle Haare zu Berge?

Doch (lacht). Allerdings sind wenigstens die Kompetenzbereiche im Lehrplan 21 bei «Räume, Zeiten, Gesellschaften» eindeutig fachorientiert: Vier Bereiche beziehen sich auf Geografie und vier auf Geschichte.

Seit klar ist, dass die Reform diese Fachorientierung postuliert, schaue ich dem Lehrplan 21 gelassener entgegen. Aber es stimmt, dass Geschichte kein eigenes Schulfach ist. Das ist auch ein Ausdruck des Problems, das Pädagogen seit langem weltweit beschäftigt: Wie teilen wir das Wissenswerte in Schulfächer auf?

Werden in anderen Ländern die Fächer Geschichte oder Geografie bereits gemeinsam unterrichten?

Ja, dieser integrative Ansatz ist nicht neu. Es stellt sich für jede Schulstufe die Frage, ob wir uns bei der Gliederung der Schulfächer an der Lebenswelt oder an der Wissenschaft orientieren.

Im deutschsprachigen Raum war Hessen ein Vorreiter der Lebensweltorientierung auf der Sekstufe I und bot Gesellschaftslehre als integriertes Fach an. Inzwischen ist Hessen wieder stärker zur Wissenschaftsorientierung und somit zum Fach Geschichte zurückgekehrt.

Was sind Gründe für diese Umkehr?

Wie fast alle Veränderungen im Schulwesen der letzten Jahre hat auch Hessen dies mit den Pisa-Studien begründet. Die Schweiz zog ebenfalls aufgrund der Pisa-Resultate ihre Konsequenzen – mit dem Lehrplan 21 werden die Kompetenzen und der integrative Ansatz gestärkt. Mit den gleichen Resultaten wird ganz Unterschiedliches gemacht: Die einen integrieren und schaffen neue Fachbereiche, die andern stärken die Fächer.

Das klingt nicht nach einer Lösung.

Ich gehe davon aus, dass wir einen ähnlichen Weg wie etwa die Vereinigten Staaten einschlagen werden. Dabei haben Lebensweltorientierung und Wissenschaftsorientierung – also Gesellschaftskunde und Geschichte – im gleichen Schulsystem Platz.

Es gilt hier auch zu beachten, dass der Lehrplan 21 den einzelnen Kantonen, Schulen und Lehrpersonen weiterhin Gestaltungsspielraum gibt. Sie entscheiden, ob sie Geografie und Geschichte getrennt oder integriert unterrichten oder ob sie beide Varianten zulassen. Hauptsache, die Schüler erreichen die geforderten Kompetenzen.

Es ist doch das Ziel, ein einheitliches System einzuführen?

Gleiche Grundansprüche für alle Schüler – das ja! Aber der Weg dorthin ist relativ offen. Hier spielen die Lehrmittel eine entscheidende Rolle. Einige Verlage werden sich klar an der Geschichte als Einzelfach orientieren, andere werden vermutlich versuchen, so etwas wie ein Integrationsfach hinzubekommen. Ich gehe davon aus, dass die meisten Kantone, Schulen und Lehrpersonen denjenigen Weg wählen, den sie schon jetzt umgesetzt haben.

Wir halten also an Bestehendem fest?

Ja und nein: Es gibt bewährte Wege, aber neue gemeinsame Ziele. Jetzt richten sich in der Deutschschweiz alle Kantone an den neuen und gemeinsamen Kompetenzen des Lehrplans 21 aus. Diese sind erstmals vereinheitlicht. Im Bereich der Geschichte sind zwölf Grundansprüche definiert worden.

Was für neue Grundansprüche gibt es mit dem Lehrplan 21?

Neu werden Aspekte der Geschichtskultur unterrichtet. Damit reagiert die Volksschule auf den Umstand, dass es noch nie so viel Geschichte wie heute gab. Im Kino, in Romanen, in Comics oder gar in der Popmusik: Überall ist Geschichte präsent.

Die Kinder und Jugendlichen sollen lernen, wie sie mit dieser Geschichte in ihrer Umgebung umgehen können. Ein Ziel ist zum Beispiel, dass sie bei einem Spielfilm wie jenem über den Medicus hinterfragen, was historisch verbürgt und was erfunden ist.

Das sind hohe Ansprüche.

Wenn man einen Film schaut und hineingezogen wird, passieren historische Kurzschlüsse sofort. Geschichte ist oft beste Unterhaltung und macht Spass. Auch das soll die Schule vermitteln. Indem die Schule den Film mit einer Quelle anreichert, erhalten die Kinder und Jugendlichen eine zusätzliche Perspektive.

Sobald sie Film und Quelle vergleichen und fragen ‹Wieso gibt es bei den beiden Erzählungen so grosse Unterschiede?›, ist schon viel gewonnen.

Sie selber arbeiteten als Geschichtsdidaktiker am Lehrplan 21. Sind Sie mit dem Erreichten zufrieden?

Im Grundlagenbericht waren die Vorgaben für das Fach Geschichte unbefriedigend. Inzwischen bin ich einigermassen zufrieden, wie wir auf der Ebene der Kompetenzbereiche die Fachlichkeit retten konnten. Ich bin aber überzeugt, dass Geschichte über kurz oder lang in unserem Schulsystem wieder eine grössere Rolle spielen wird.

Weshalb?

Im Lehrplan 21 ist das Fach deutlich unter seinem gesellschaftlichen Wert eingestuft. Um das zu erkennen, reicht ein Blick in die Westschweiz und natürlich nach Europa oder Asien. Je mehr eine Gesellschaft ihre Identität und neue Wege sucht, umso stärker schaut sie in die Vergangenheit.

Um die immer grösser werdenden gesellschaftlichen Herausforderungen zu bewältigen, brauchen wir historisches Denken. Von daher bin ich zuversichtlich, dass nach der nächsten Lehrplanrevision Geschichte wieder ein eigenständiges Fach ist.

Am Donnerstag, 16. April um 17.15 Uhr findet im Departement Geschichte (Hirschgässlein 21) ein Podiumsgespräch über das Fach Geschichte und den Lehrplan 21 statt.

Es diskutieren unter anderen der Basler Erziehungsdirektor Christoph Eymann, Peter Gautschi und Basler Geschichtslehrer.

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