Streit

Pfarrer aus eigener Kirche gesperrt: Es brodelt bei den Reformierten in Arlesheim

In der Reformierten Kirchgemeinde Arlesheim hängt der Haussegen schon länger schief.

In der Reformierten Kirchgemeinde Arlesheim hängt der Haussegen schon länger schief.

Bei den Reformierten in Arlesheim hängt der Haussegen schief. Im Sommer sperrte die Kirchgemeinde den langjährigen Pfarrer Matthias Grüninger aus der Kirche aus. Ihm werden diverse Verfehlungen vorgeworfen. Der Streit zieht weite Kreise, kantonale Stellen ringen um Lösungen.

Matthias Grüninger ist zwar noch immer Pfarrer in der reformierten Kirchgemeinde Arlesheim, aber arbeiten darf er seit mehreren Monaten nicht mehr. Er wurde freigestellt und förmlich vor die Türe gesetzt.

Es ging auf den Sommer 2020 zu, als der Bundesrat erste Lockerungen der Massnahmen nach dem Coronalockdown bekannt gab. Pfarrer Grüninger warnte aber eindringlich vor der Gefährlichkeit des Virus und vor einer zu schnellen Rückkehr zur Normalität. Eine zweite Welle drohe, wenn zu früh gelockert würde. Er tat dies auch in seinen Gottesdiensten, was nicht überall gut ankam. Insbesondere nicht bei Kirchenpflegepräsidentin Kathrin Meffert.

Die Kinderärztin ist in Arlesheim eine bekannte Kritikerin der Coronamassnahmen. In einem ganzseitigen Inserat in der Lokalzeitung «Wochenblatt» bestritt sie die Gefährlichkeit des Virus und kritisierte die Massnahmen dagegen scharf. Unter anderem schrieb sie von einer Untersterblichkeit, verglich Corona mit einer Grippe und begründete die Knappheit in den Spitälern mit Personalmangel. Nach Jubelausbrüchen in den Reihen von Birsecker Coronaskeptikern sah sich die «Wochenblatt»-Redaktion zu einer Klarstellung veranlasst, dass sich der Inhalt von Mefferts bezahltem Inserat nicht mit der Meinung der Redaktion decke.

Spontane Protest-Predigt vor der Kirche

Doch die unterschiedlichen Auffassungen zur Coronapandemie sind nur die Spitze des Eisbergs eines langjährigen Konflikts zwischen dem Pfarrer, der in Arlesheim seit 28 Jahren im Amt ist, und der Kirchenpflege. Der Streit gipfelte in der Freistellung vor den Sommerferien. Darüber berichtete auch die «Basler Zeitung». Kurz vor dem letzten Gottesdienst im Juni wurde Matthias Grüninger förmlich die Kirchentür vor der Nase zugesperrt. Ihm wurde der Zutritt zur Kirche verweigert. Mehrere regelmässige Kirchengängerinnen und -gänger wurden schon im Vorfeld von der Kirchenpflege über die Absage des Gottesdienstes informiert. Spontan hielt Grüninger mit gut einem Dutzend seiner «Anhängerinnen und Anhänger» eine Predigt vor der Kirche unter den Lindenbäumen ab.

Die Vorwürfe gegenüber dem Pfarrer, die aus Kreisen der Kirchgemeinde zu vernehmen sind, klingen happig und umfassend: Er komme oft zu spät, er sei aufbrausend, er habe ein «problematisches» Verhältnis zu Frauen und ganz allgemein falle er immer wieder negativ auf, indem er sich unter anderem auch mit den anderen Pfarrpersonen in der Kirchgemeinde verkracht habe. Im Gemeindebrief kurz vor Weihnachten erklärte die Kirchenpflege die Freistellung mit «stark auseinandergehenden Auffassungen über die Ausübung des Pfarramts». Die Freistellung sei auch zum Schutz der Mitarbeitenden und Gemeindemitglieder getätigt worden.

Der Gemeindebrief ist auf der Webseite der Kirchgemeinde auch digital abrufbar

Doch die Passage mit der Stellungnahme zur Freistellung von Matthias Grüninger auf Seite 2 ist in der Online-Version nicht mehr zu finden. Stattdessen ziert ein Foto von vier Kerzen den unteren Teil der Seite. Man habe die Stellungnahme zum Schutz von Grüninger aus der Online-Version des Gemeindebriefes entfernt, begründet Kirchenpflegepräsidentin Kathrin Meffert diesen Schritt. Sonst hätte die Stellungnahme online von der ganzen Welt gelesen werden können. Meffert will auf einzelne Vorwürfe gegen den Pfarrer aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes nicht eingehen. «Es gab konkrete Vorkommnisse, die die Kirchenpflege zum Handeln zwangen.» Sie betont, dass der Konflikt zwischen Grüninger und der Kirchenpflege nichts mit ihr als Präsidentin zu tun habe, sondern schon seit vielen Jahren andauere und in Schüben verlaufen sei.

Meffert selber ist erst seit 2019 Präsidentin und wurde kürzlich an der Kirchgemeindeversammlung mit 28 Stimmen bei – gemäss Auskunft der Kirchenpflege – 40 Anwesenden im Amt bestätigt. «Der Konflikt ist für alle belastend und hat auch bereits zu verschiedenen Rücktritten in der Kirchenpflege geführt», klagt Meffert.

Wurde der Pfarrer aus dem Amt gemobbt?

Die Kirchenpflege riet Grüninger persönlich, sich bei seinem Vertrauensarzt untersuchen zu lassen, da er womöglich psychisch krank sei. Doch dieser habe ihn für «kerngesund» erklärt, entgegnet Grüninger und widerspricht all den Vorwürfen vehement. Er wirft der Kirchenpflege um Meffert vor, das persönliche Gespräch unter vier Augen verweigert zu haben. Doch auch hier gehen die Vorstellungen und Interpretationen in unterschiedliche Richtungen.

Denn Gesprächsangebote von Seiten Kirchenpflege gab es sehr wohl, doch passten sie Pfarrer Grüninger vom Setting her nicht. Dieser fühlte sich von der Führung der Kirchenpflege benachteiligt. Er spricht von Mobbing und einer Hexenjagd gegen ihn – von der Kirchenpflege aber auch innerhalb des Pfarramts.

Die Kirchenpflege habe den Mobbingvorwurf sehr ernst genommen, stellt Präsidentin Meffert klar. «Wir haben deshalb eine Firma beauftragt, die auf die Abklärung von Mobbing spezialisiert ist. Sie hat vorabgeklärt, ob in unserem Fall Mobbing vorliegen könnte. Hinweise auf Mobbing gegenüber Pfarrer Matthias Grüninger liessen sich keine finden.»

Petition fordert, dass Grüninger bleibt

Seit der Freistellung ist Grüningers E-Mail-Konto bei der Kirchgemeinde gesperrt. Der Zutritt zu seinem Büro wurde ihm verwehrt. Mittlerweile liegt der Fall beim Kirchenrat Baselland. Als Beschwerdeinstanz können sich beide Seiten eines Arbeitskonflikts beim Kirchenrat melden. Das hat Pfarrer Grüninger getan. Doch die von ihm erhoffte Rückendeckung erhielt er bisher aus Liestal «nicht entschieden genug». Kirchenratspräsident Christoph Hermann möchte sich aufgrund des laufenden Verfahrens nicht zum Fall äussern. Ebenfalls musste die zuständige Dekanin Mirjam Wagner aus Muttenz Stellung zum Fall beziehen. Mittlerweile sind viele Stellen involviert. Die Kirchenpflege hat sogar eine Anwältin beigezogen.

Die entscheidende Frage wird sein, ob die Freistellung und am Ende die mögliche Entlassung rechtens sind. Geht es nach jenen über 200 Personen, die eine Petition zugunsten von Matthias Grüninger unterschrieben haben, soll der langjährige Pfarrer im Amt bleiben. Doch die Fronten sind verhärtet. Eine Rückkehr zur Normalität scheint in der reformierten Kirchgemeinde Arlesheim derzeit ausgeschlossen.

Meistgesehen

Artboard 1