Krankenversicherung

Prämienexplosion: Erhöhung um ein Drittel in zwei Jahren

Obacht, genau hinsehen, wenn die Krankenversicherer die neuen Prämien veröffentlichen: Billigkassen schlagen stärker auf als andere.

Obacht, genau hinsehen, wenn die Krankenversicherer die neuen Prämien veröffentlichen: Billigkassen schlagen stärker auf als andere.

Im Schnitt steigen die Prämien im Baselbiet dieses Jahr um 5,8 Prozent. Doch einen bz-Leser aus Aesch trifft es mit 23 Prozent besonders hart. Auf seinen persönlichen Fall ging das Bundesamt für Gesundheit auf Anfrage nicht ein.

Kurt Lienberger aus Aesch schluckte leer, als ihm seine Krankenkasse die Prämien für’s kommende Jahr mitteilte: Seine schlägt um 22,95, jene seiner Frau um 23,03 Prozent auf. Und dies, nachdem bereits letztes Jahr eine Erhöhung um 12 Prozent in den Briefkasten geflattert war. Das ergibt eine satte Prämienerhöhung um ein Drittel in nur zwei Jahren.

Das Paar mit Jahrgang 1951 und 1962 ist bei der Supra aus Lausanne versichert und hat mit der höchstmöglichen Franchise von je 2500 Franken und dem Hausarztmodell darauf geachtet, die Prämien tief zu halten. Ein Blick auf die Prämienvergleichseite des Bundes – priminfo.ch – ergibt ein jährliches Sparpotenzial von nur knapp 450 Franken, wenn sie die Kasse wechseln wollten.

Politische Schönrechnerei?

Der aktuelle Prämiensprung von 227.50 auf 279.70 Franken bei Kurt Lienberger ist happig. Diese Steigerung um 23 Prozent ist fast das Vierfache der 5,8 Prozent, die das Bundesamt für Gesundheit (BAG) als Durchschnitt für den Kanton Baselland kommuniziert hat. Lienberger vermutet: «Aus politischen Motiven wird so gerechnet, dass es schön aussieht.» Fazit: «Da kommt man sich blöd vor. Zudem frage ich mich, ob bei solchen Steigerungsraten in ein paar Jahren die Krankenkasse noch bezahlbar ist.»

Lienberger schickte dem BAG per Mail eine Anfrage. Am Montag kam die ausführliche Antwort. Kernaussage: Die in der Medienmitteilung des BAG angegebenen Durchschnitts-Prozentsätze beziehen sich auf die Grundversicherung einer erwachsenen Person mit Unfalldeckung und einer Franchise von 300 Franken. Bei Versicherungen mit höherer Franchise sei der prozentuale Anstieg höher, denn die gewährten Rabatte seien von Gesetzes wegen auf eine Obergrenze in Franken limitiert.

Das BAG geht nicht auf den konkreten Fall ein, schreibt aber, die finanzielle Sicherheit des Krankenversicherers spiele beim Anstieg der Prämie eine Rolle: Hat dieser den Solvenztest nicht bestanden, müsse er die Prämien stärker anheben.

Steigende medizinische Kosten

Auch bei den Franchisen von 300 Franken ist mit 14,3 Prozent bei der Supra der Anstieg überdurchschnittlich hoch. «Hauptgrund für die Prämienanpassungen sind die Zuwächse bei den medizinischen Leistungen der Baselbieter Supra-Versicherten», erklärt Supra-Mediensprecher Christian Feldhausen. Die Prämien fürs kommende Jahr würden jeweils auf der Basis Leistungsabrechnungen kalkuliert, welche bis Ende Juli bei der Supra eingehen. Da habe sich im Juli 2016 erneut ein Anstieg der medizinischen Kosten bei den Supra-Kunden gezeigt.

Supra hat eine Solvenzquote von 108 Prozent, ist also nicht gezwungen – wie vom BAG angetönt –, deshalb die Prämie stärker anzuheben. Andererseits liegt sie mit nur 8 Prozent Überdeckung nahe am Strich. Damit könne man zwar «einen kleineren Anstieg der Gesundheitskosten 2016 noch abfedern», meint Feldhausen. «Doch müssen wir in die Zukunft schauen, damit wir per Ende 2017 Prämien einnehmen, die alle Kosten des Jahres decken. Die Zuwachsraten der Gesundheitskosten mahnten uns hier zur Vorsicht.»

Dieser Fall bestätigt die These, dass besonders günstige Kassen viele neue Versicherte anziehen, die dann Kosten verursachen. Damit steigen die Prämien, und viele Versicherte ziehen weiter. Dass dies aber zu einem Teuerungssprung um ein Drittel innerhalb von nur zwei Jahren führen kann, kommentiert Lienberger mit: «Das System ist krank. Da gibt es Handlungsbedarf über alle Parteigrenzen hinweg.»

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