Längi

Prattler Brandserie versetzt die Mieter in Angst

Nach drei Bränden schaut nun Security-Personal nach dem Rechten.

Nach drei Bränden schaut nun Security-Personal nach dem Rechten.

Die Polizei ermittelt nach der Brandursache. Während trauen sich manche Bewohner kaum noch ins Haus. Unter anderem machen sie sich grosse Sorgen, da das Quartier Längi mit Gas versorgt wird.

Hätte Gift einen spezifischen Geruch, es müsste dieser sein. Diese höllische Ausdünstung eines ausgebrannten Kellers. Sie dringt durch jedes Taschentuch, das man sich vor die Nase hält. Beissend, penetrant, Furcht einflössend. Jeder Atemzug eine Prüfung. Zu sehen sind in diesem Kellerabteil die Schäden des ersten einer Serie von Bränden an der Längistrasse 11 in Pratteln. Eine Bewohnerin steht inmitten von Ruinen ihrer Habseligkeiten. Wieder bricht sie in Tränen aus. Schon den ganzen Tag verbringt sie eigentlich im Freien, weil sie sich fürchtet, in ihre Wohnung im 12. Stock zurückzukehren. Sie geht nur in den 15-stöckigen Wohnblock zurück, um zu zeigen, welch verkohlte Wüste für die Dämpfe im Treppenhaus verantwortlich ist. Noch zwei Wochen später.

Natürlich sind die ätzenden Gerüche auch auf den Schuhschrank zurückzuführen, der am Dienstag brannte, dem dritten und bis anhin letzten Brand. Die ersten beiden ereigneten sich am Abend des 7. sowie des 14. Septembers jeweils im Keller des 15-stöckigen Gebäudes. Insgesamt entstand ein Sachschaden von über 100 000 Franken. Die Polizei ermittle in alle Richtungen. «Auch Brandstiftung kann nicht ausgeschlossen werden», sagt Mediensprecher Roland Walter. Zu sagen, ob alle drei Brände durch dieselbe Täterschaft verursacht worden seien oder in welchem Verhältnis die Täterschaft zum Haus stehe, «wäre reine Spekulation». Die Polizei sucht nun Zeugen. Bis Mittwoch Nachmittag sind keine Hinweise eingegangen.

Derweil leben die Bewohner des Hauses in Angst. «Alle», bestätigt ein Familienvater, der nun möglichst schnell eine neue Wohnung finden möchte. Der früheren Brände wegen hätten er und seine fünfjährige Tochter mit Rauchvergiftungen ins Spital gebracht werden müssen. Er möchte seiner Frau und den beiden Töchtern diese «gefährliche» Wohnsituation nicht mehr zumuten. Eine Nachbarin hat nicht weniger Angst. «Die ganze Längi kam am Dienstag vorbei, um zu sehen, was nun schon wieder los war», erzählt sie über den letzten Vorfall. Schlecht habe sie geschlafen, «vor allem weil doch die ganze Längi mit Gas versorgt wird». Ein Funke, eine Explosion. Eine andere Nachbarin fordert: «Wir wollen weg vom Gas, wir wollen Strom.»

Anwohner spekulieren

Auch in der benachbarten Spar-Filiale ist der dritte Brandanschlag innert 13 Tagen das Thema. Es werden Vermutungen angestellt, was das Ziel der Brandanschläge sein könnte. «Ein Bekannter sagt, da wolle es einer der Verwaltung heimzahlen», wird gemutmasst. Vor dem Wohnblock mit seinen 76 Mietern kommt die nächste Hypothese hinzu. Jemand vermutet, «die Verwaltung will die Bewohner vertreiben, das Gebäude sanieren und hinterher viel teurer wieder vermieten.» Eine Frau beschwert sich darüber, dass die Keller noch nicht geräumt sind und sie noch immer diese rauchige Luft atmen müsse: «Niemand kümmert sich um uns, weil wir alles Ausländer sind. Wenn hier nur Schweizer wohnen würden, würde etwas passieren.» Immerhin ist das Gebäude inzwischen von Security bewacht.

Die Liegenschaftsverwaltung hat den Dienst nach dem dritten Brand angefordert. «Einerseits, um eine bessere Kontrolle zu haben. Andererseits, um den Mietern etwas Sicherheit zu bieten», begründet Samuel Bollag von Euro Estates in Zürich. Nach den ersten beiden Bränden hatte jeweils die Gemeinde wenigstens für die betroffenen Nächte einen Sicherheitsdienst aufgeboten. Über den akuten Notfall hinaus hat sie jedoch keine Handhabe für weitere Hilfeleistungen. Deshalb legte sie der Liegenschaftsverwaltung nahe, einen Sicherheitsdienst aufzubieten. Auch die Mieter selbst seien mit diversen Anliegen auf Euro Estates zugekommen, sagt Bollag. «Wir verstehen, dass die Mieter besorgt sind, das sind wir auch. Leider können wir im Moment nicht mehr machen, als den Sicherheitsdienst zur Verfügung zu stellen.»

Wieder muss jene Frau weinen, die zuvor durch den Keller führte. Sie fürchtet sich vor der nächsten Nacht. Vergangene Nacht habe sie Kaffee um Kaffee getrunken, damit sie wach bleibe. Schliesslich müsse ihre Tochter sicher schlafen können, um tagsüber zu arbeiten. Sie habe gewacht. Sie und ihre Katze. Gegessen habe sie nichts. Keinen Appetit. Nur Wasser habe sie bisher getrunken. Sie wird nicht müde, vom Erlebten zu erzählen. Vom Rauch, der bis zum benachbarten Schulhaus durchgedrungen sei. Von einer Frau, die nach dem ersten Brand mit Russ verschmierten Händen aus ihrer Wohnung im 13. Stock getreten sei. Eine junge Frau kommt hinzu. Sie sagt: «Alle haben Angst.»

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