Herr Hess, welchen Begriff haben Sie aus dem Nähkästchen gezogen?

«Heimat». Mit einem solchen Begriff hatte ich fast gerechnet (lacht).

Würden Sie sagen, Sie setzen sich als Politiker für eine schöne Heimat ein?

Es sollte unser Ziel sein, dass sich die Leute, die hier leben, daheim fühlen. Und dafür muss man politisch die Voraussetzungen schaffen.

Muss man als Politiker eine klare Vorstellung davon haben, was Heimat ist?

Ich denke schon. Wer Politik macht, will sich einsetzen für seine Klientel. Man will das Beste für diejenigen, die da sind.

Unter Heimat stellen sich die meisten aber etwas vor, was schon existiert. Muss man als Politiker nicht auch eine Idee haben, was sein könnte?

Heimat ist nicht einfach das schöne Blumentrögchen von früher. Die Heimat soll auch in 20, 50 oder 100 Jahren ein Ort sein, wo man sich wohl fühlt. Das geht sicher nicht ohne Innovation.

Ist es im bunten Pratteln einfacher als anderswo, sich heimisch zu fühlen?

Es liegt in der Natur des Prattlers, dass er offen ist. Diversität hatte schon immer Platz hier, wir sind schon lange ein Arbeiterdorf. Es öffnet den Horizont, dass wir hier etwas Multikulti sind. In Pratteln gilt der Grundsatz: Diejenigen, die mitmachen wollen, sollen mitmachen dürfen.

Viele Leute fühlen sich nicht wohl in Orten mit vielen Ausländern. Passiert Ihnen das in Pratteln manchmal auch?

Es gibt gewisse Quartiere mit hohem Ausländeranteil. Viele wohnen dort problemlos, machen sogar im Dorfleben mit. Andere schlafen nur hier, auch viele Schweizer. Fremd komme ich mir vor, wo man nicht mehr Deutsch spricht. Das gehört aber zu unserer Heimat, ich kann damit leben. Wichtig ist, die Leute dort dazu zu motivieren und auch etwas zu zwingen, dass sie im Dorf mitmachen.

Sie gelten parteiübergreifend als umgänglicher SVP-Politiker. Aber bei einem Thema sind Sie streng: Wenn es um Einbürgerungen geht.

Das ist so. Wer mitmachen will, für den habe ich ein offenes Ohr. Aber viele wollen nur den Schweizer Pass, um einfacher im Ausland einkaufen zu können. Das ist kein Grundwert, finde ich. Da ist der Integrationsgedanke noch nicht sehr weit. Wer sich hier daheim fühlt und die Spielregeln beachtet, der soll sich hier einbürgern lassen dürfen, da habe ich nichts dagegen. Jeder soll seine Kultur behalten, das ist kein Problem. Aber wenn sich jemand abschottet, da mache ich nicht mit.

Ihre Partei, die Schweizer SVP, präsentierte neulich in ihrem Programm ein traditionell schweizerisches Bild von Heimat. Ist Ihnen das mit Blick auf Pratteln nicht zu eng gefasst?

Das Programm habe ich noch gar nicht gelesen (lacht). Aber wir haben doch auch Kühe auf der Schauenburg! Wir haben eine Fasnacht, wir haben viel Kulturelles in Pratteln, es wird Fussball gespielt bei uns, und ich spiele seit neustem Alphorn. Na gut, Alpen haben wir nicht. Aber man sollte Heimat nicht so eng sehen: Das Umfeld muss stimmen, das Vereinsleben intakt sein, möglichst viele Leute sollten im Dorfleben eingebunden sein, das ist wichtig.

Würden Sie sich in einem typisch Schweizer Alpendorf wohlfühlen?

Ja, in jungen Jahren überlegte ich sogar mal, im Oberbaselbiet zu wohnen. Entscheidend ist, wie offen man ist, ob man auf die Leute zugeht und sie nimmt, wie sie sind. Jetzt geniesse ich aber das Leben in Pratteln. Ich schätze besonders die guten Verbindungen überall hin und dass die Natur nicht weit ist. Ich glaube, das sehen auch viele andere Prattler so.

Von Pratteln ist man schnell in Basel. Ist auch dort Ihre Heimat?

Ich bin kein Stadtmensch. Wenn es zu anonym wird, fühlt man sich nicht mehr wohl. Ich muss die Leute in meiner Umgebung kennen. Das gibt mir ein gutes Gefühl.

Sie engagieren sich für das Eidgenössische Schwingfest in Pratteln 2022. Welches Bild der Gemeinde soll die Schweiz von diesem Fest mitkriegen?

Im Gemeinderat wollen wir Pratteln von seiner besten Seite zeigen. Wir sind nicht nur Autobahn, Fressbalken und Industrie, sondern auch ein Dorf, das lebt. Wir haben Wohnblöcke, aber auch einen schönen Dorfkern. Gerade neben dem Festgelände ist ein Quartier mit vielen Ausländern, das wollen wir nicht verstecken.

Als Landratspräsident haben Sie 2011 gesagt, die, Politik sei härter geworden. Kann es sein, dass viele Politiker nicht mehr die gemeinsame Heimat im Hinterkopf haben?

Ja, mir scheint, die Leute werden immer mehr zu Egoisten. Man ist heute sehr mobil, probiert überall einen Vorteil herauszuholen. «Ich nicht, aber die anderen sollen doch», hört man oft. Dabei sollte jeder etwas von seinem Ego weglassen, damit unsere Gesellschaft funktioniert.

Als Politiker muss man Kompromisse finden. Verträgt die Liebe zur Heimat Kompromisse?

Ich denke schon. Im Gemeinderat überlegen wir uns immer als Allererstes, was wir für die Allgemeinheit tun können, und entwickeln dafür Strategien. Das kann man miteinander ausjassen, auch wenn wir verschiedenen Parteien angehören.

Beruflich sind Sie in der kantonalen Verwaltung verantwortlich für den Erhalt der Kantonsstrassen. Viele Baselbieter verbringen täglich Stunden im Auto. Sind im Autokanton Baselland die Strassen ein Stück Heimat geworden?

Ja, sie gehören wohl zur Heimat, ob das der Bürger so wahrnimmt oder nicht.

Dann könnten Sie Ihr Amt nutzen, um den Kantonsstrassen etwas unverkennbar  baselbieterisches zu geben? Rot-weisse Wäppchen an den Reflexionspfosten zum Beispiel?

Das ist leider kaum möglich. Die Strassenbaunormen gelten für die ganze Schweiz. Daher gibt es keine Unterschiede zwischen den Kantonen. Die gibt es aber zwischen dem ländlichen und dem eher städtischen Raum. Eine Strasse in Oberwil sieht anders aus als eine in einem Seitental des Laufentals. Spielraum hat man noch am ehesten in einem Dorf. Wenn eine Gemeinde spezielle Sachen will, machen wir das immer.

Das geschah in Reigoldswil. 20 Jahre planten sie dort an ihrem Dorfplatz herum, wir banden die Bevölkerung in verschiedenen Arbeitsgruppen ein, und nachdem wir den Platz neu gestaltet hatten, gab es ein Dorffest. So etwas kriegt man in einer urbanen Gegend nicht hin.

Und wenn man von Basel ins Baselbiet fährt? Sollte man dort nicht an der Gestaltung der Strasse merken, dass man den Kanton wechselt?

Von mir aus ist das gar nicht nötig. Da haben wir doch schon unsere Tafeln «Willkommen im Baselbiet».