Medikamentenpreise

Preise für Medikamente: Basel gegen Berset

Die Pharmaindustrie will eine neue Berechnung der Medikamentenpreise

Die Pharmaindustrie will eine neue Berechnung der Medikamentenpreise

Hand in Hand wehren sich Politik und Pharma gegen tiefere Medikamentenpreise. Die Regierungsräte Eva Herzog, Carlo Conti und Christoph Brutschin haben bei Gesundheitsminister Alain Berset und Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann vorgesprochen

Diese Rechnung ist speziell: Die vom Bundesrat auf November in Kraft gesetzte Verordnung zur Festsetzung der Medikamentenpreise entlastet die Krankenversicherten jährlich um 240 Millionen Franken. Roland Schlumpf, Sprecher des Branchenverbands Interpharma, sagt demgegenüber: «Mit dem Preisentscheid bestraft der Bundesrat die Pharmaindustrie. Bis 2015 werden Mindereinnahmen von 1,4 Milliarden Franken resultieren.» Da nur ein Drittel der in der Schweiz eingenommenen Medikamente auch hierzulande produziert werden, richtet demnach der Erlass in der Schweizer Industrie einen rund sechsmal höheren Schaden an.

Die Augenfälligkeit dieses Ungleichgewichts hat die Basler Politik schon im Vorfeld des Entscheids mobilisiert. Die Regierungsräte Eva Herzog (SP), Carlo Conti (CVP) und Christoph Brutschin (SP) haben bei Gesundheitsminister Alain Berset (SP) und Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann (FDP) vorgesprochen. Alimentiert von der Basler Pharmaindustrie. «Es gab aber keine Abstimmung der Positionen», sagt Brutschin. Die Basler Regierung habe sich ihre Haltung unabhängig gebildet und habe in Bern auch offene Türen angetroffen. «Wir konnten unsere Position darlegen.»

Nach welchen Regeln werden Medikamentenpreise berechnet?

Für Brutschin stand nicht infrage, ob die Medikamentenpreise sinken, sondern bloss, wie hoch der Abschlag sein werde und vor allem: nach welchen Regeln sie künftig berechnet werden. In dieser Auslegeordnung beschloss der Bundesrat einen Kompromiss: Er hielt zwar an der bisherigen Preisbildung fest, die von Referenzpreisen in sechs europäischen Ländern ausgeht. Doch gleichzeitig setzte er den Euro-Kurs pharmafreundlich bei 1.29 an. Zudem erhöhte er die Schwankungsmarge von drei auf fünf Prozent. Ein besseres Verhandlungsergebnis hätte die vereinigte und parteiübergreifende Basler Pharma- und Politfraktion wohl nur mit einem Systemwechsel erreichen können.

Christoph Brutschin sagt, er habe grosse Sympathien für eine neue Berechnungsart, die von der Kaufkraft eines Landes ausgehe. Brutschin: «Die heutige Berechnungsart ist nicht für Situationen mit stark schwankenden Wechselkursen gedacht, wie wir sie heute haben.» Brutschin stützt die Position der Industrie. Roche-Sprecher Alexander Klauser sagt: «Grundsätzlich streben wir eine Kaufkraftparität an.»

Preisfestsetzung nach Kaufkraft

Mit der Preisfestsetzung nach Kaufkraft wäre die Pharmaindustrie sicher besser gefahren. Auch die tieferen dieser unterschiedlich berechneten, theoretischen Modellkurse liegen derzeit bei Fr.1.38 für einen Euro. Die 9-Rappen-Differenz zum nun festgesetzten Wechselkurs von 1.29 wäre für die Pharmaindustrie jedoch weniger entscheidend gewesen, als der grundsätzliche Erfolg, einen Systemwechsel herbeigeführt haben zu können. Dieser ist das Ziel.

Franz Humer, Verwaltungsratspräsident von Roche, nahm eine Pressereise von Mitte März nach Südafrika zum Anlass, um dort für eine weltweite Berechnung der Medikamentenpreise nach der Kaufkraft des Landes zu werben. «Je nach Land experimentieren wir in den verschiedenen Ländern mit den verschiedensten Preismodellen», sagte er auch gegenüber dem «Sonntag». Mit günstigen Medikamenten für Schwellen- und Entwicklungsländer kommen Roche und andere Pharmakonzerne nicht nur Forderungen von Entwicklungshilfeorganisationen entgegen. Sie tun auch etwas fürs eigene Geschäft: Sie erschliessen sich damit Millionenmärkte, die ihnen mit hohen Medikamentenpreisen verschlossen bleiben. Das System funktioniert jedoch bloss, wenn es auch in den reichen Ländern zur Anwendung kommt. Konkret: Die Schweizer müssen nicht nur höhere Medikamentenpreise bezahlen als etwa Inder, sondern auch höhere als die Deutschen.

Mit einer Festsetzung nach Kaufkraft wäre auch der Hebel ausser Kraft gesetzt, der zur eingangs aufgestellten Rechnung führte: Die 1,4 Milliarden Franken verliert die Industrie nämlich nur zum kleinsten Teil in der Schweiz. Die Verluste fallen vielmehr im Ausland an, wohin 98 Prozent der Medikamente exportiert werden und das sich für seine Preisfestsetzung wiederum stark auf die Schweizer als Referenzgrösse abstützt.

Der Bundesrat hat am geltenden System festgehalten, doch Pharma und Politik wollen weiter Druck machen. Ständerätin Anita Fetz (SP) sagt: «Ich werde mit Bundesrat Alain Berset reden.» Parlamentarische Vorstösse sind hängig. Gewerbedirektor und Nationalrat Peter Malama (FDP) möchte, dass die Metropolitankonferenz aktiv wird. Die Basler Regierung wird nochmals darüber sprechen. Die Pharmaindustrie wiederum erwägt rechtliche Schritte. Doch davon rät Fetz ab: «Sie muss aufpassen, denn sie gehört nicht zu den beliebtesten Branchen in der Schweiz.»

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