Vor 100 Jahren

Proporz und Landesstreik einigten Freisinn – die Geburtsstunde der FDP

In der bz vom 24. Oktober 1919 publizierten die Freisinnigen eine Zeichnung des Liestaler Kunstmalers Otto Plattner: Ein alter Baselbieter blickt über einen Zaun und regt sich über die Streiks der Sozialisten auf. Der Fünfzeiler darunter ist eine Wahlempfehlung für die freisinnigen Nationalrats-Kandidaten: Nationalrat Seiler, Regierungsrat Tanner und Landrat Stohler. Da die bz das Hausblatt der Partei war, schrieb ihn bz-Redaktor Karl Weber gleich selbst.

In der bz vom 24. Oktober 1919 publizierten die Freisinnigen eine Zeichnung des Liestaler Kunstmalers Otto Plattner: Ein alter Baselbieter blickt über einen Zaun und regt sich über die Streiks der Sozialisten auf. Der Fünfzeiler darunter ist eine Wahlempfehlung für die freisinnigen Nationalrats-Kandidaten: Nationalrat Seiler, Regierungsrat Tanner und Landrat Stohler. Da die bz das Hausblatt der Partei war, schrieb ihn bz-Redaktor Karl Weber gleich selbst.

Vor 100 Jahren schlossen sich in Baselland die beiden bisher spinnefeinden liberalen Parteien zusammen. Die Geburtsstunde der FDP.

Am 3. August 1919, also am Samstag vor 100 Jahren, hatten die Freisinnigen in Baselland allen Grund zum Triumph: Es war gelungen, die beiden bisherigen freisinnigen Parteien, die sich spinnefeind waren, zur «Demokratischen Fortschrittspartei» zu vereinigen. In Liestal traten Delegierte zusammen, die 62 Ortssektionen mit rund 3800 Mitgliedern vertraten und deren Partei, wie die Wahlen von 1920 zeigen sollten, 55 von 96 Landräten stellte. Nie vorher und nie nachher war eine Partei in Baselland so stark. Die Delegierten wählten den 44-jährigen Nationalrat Dr. Adolf Seiler zum ersten Parteipräsidenten.

Warum gab es zuvor zwei sich bekämpfende freisinnige Parteien? Und warum gelang so plötzlich die Einigung?

Die Zwietracht hatte mit der Kantonsgründung zu tun. Die Freisinnigen waren auf der Landschaft Basel die Revolutionspartei von 1798 und von 1830-32. Weil die Gleichheitsurkunde von 1798 nicht umgesetzt wurde, rebellierten die Landschäftler 1830 erneut, und diesmal führte die Revolution zur Trennung und zur Gründung des selbständigen Kantons Baselland. Im neuen Kanton waren sich die dominierenden Freisinnigen aber uneinig, wie es weitergehen soll. Die «Ordnungspartei» unter der Führung von Stephan Gutzwiller wollte ein System der strikten repräsentativen Demokratie einrichten, Stabilität erreichen, die Gewaltentrennung beachten sowie die Bildung und den technischen Fortschritt fördern. Die «Bewegungspartei» unter der Führung von Dr. Emil Remigius Frey wollte die Revolution weiterführen, die direkte Demokratie durchsetzen sowie für Gleichheit und sparsame Regierungsweise sorgen.

Die beiden freisinnigen Parteien bekämpften sich lange

Bis 1890 hatte mal die eine, mal die andere Partei die Oberhand. Phasenweise waren die Parteien als Vereine organisiert, meist aber scharten sich die Anhänger lose um die Zeitungen, die die Fahne für sie hochhielten. Nach 1890 nannte man die «Ordnungspartei» Regierungspartei, weil sie konsequent die konservative und bedächtige Regierung stützte. Ihr Organ war die «Basellandschaftliche Zeitung», und deshalb bezeichnete man sie auch als «Lüdinpartei» nach der Besitzerfamilie der Zeitung.

Die «Bewegungspartei», die etwas grösser war, hiess Landratspartei und genoss die Unterstützung des «Landschäftlers», der anderen Liestaler Tageszeitung (sie ging 1964 ein); man rief sie daher auch «Landschäftlerpartei». Die Landratspartei war linker und farbiger, weil sie bei den Wahlen jeweils im Huckepacksystem auch Katholiken, Grütlianer und Vertreter des Bauern- und Arbeiterbundes auf ihre Listen nahm. Nach der Jahrhundertwende organisierten sich die beiden Lager, die «Bewegungspartei» 1905 als Jungfreisinnige Partei und 1908 als Freisinnige Volkspartei, die «Ordnungspartei» 1910 als Demokratisch-Volkswirtschaftliche Vereinigung und 1919 als Demokratische Partei.

Diese beiden Parteien bekämpften sich aus politisch-inhaltlichen, taktischen und persönlichen Gründen. Man mied den Kontakt zu Anhängern der Gegenseite. Als Regierungsrat Albert Grieder, der bis dahin der «Ordnungspartei» angehörte, sich 1912 von der «Bewegungspartei» als Nationalrat aufstellen liess und gewann, ekelte man ihn aus dem vor allem aus Mitgliedern der «Ordnungspartei» bestehenden «Akademischen Kegelklub Liestal» hinaus. Sybille Rudin hat all diese Animositäten in ihrem spannenden Buch** äusserst anschaulich beschrieben.

Die Angst vor dem Sieg der Sozialisten einigte den Freisinn

Doch 1919 war plötzlich alles anders. 1918 hatten Volk und Stände das Proporzwahlsystem beschlossen, das im Herbst 1919 bei den Nationalratswahlen erstmals zur Anwendung kam, und der Druck war gross, den Proporz auch für die Landratswahlen einzuführen. Die Freisinnigen befürchteten, dass die Sozialisten bei einer Proporzwahl richtig abräumen würden.

Denn 1917 waren in Russland durch die Oktoberrevolution die Kommunisten an die Macht gekommen, 1918 folgten Räterepubliken in Bayern und in Ungarn, und in der Schweiz kam es zum Landesstreik. Es gärte, die Sozialdemokraten verschiedener Richtung organisierten sich; sie hatten Zulauf. So hatten zum Zeitpunkt, als die «Demokratische Fortschrittspartei» gegründet wurde, die Grütlianer – gemässigte Sozialdemokraten ohne Marx und ohne Internationalismus – 30 Ortssektionen in Baselland, die marxistischen Sozialdemokraten 23 Sektionen.

Die Freisinnigen beider Richtungen mussten damit rechnen, bei den nächsten Wahlen ihre Vormachtstellung zu verlieren. Ja man verdächtigte die Sozialisten sogar, dass sie mit einem Putsch die Macht anstrebten. In Baselland stimmten neun SP-Sektionen für den Beitritt zu Lenins Dritter Internationale, acht dagegen. Die Befürworter hatten die Oberhand mit 480 gegen 458 Stimmen. Mit der Fusion der Freisinnigen gelang es, die bürgerlichen Kräfte zu bündeln und auch die Bauern zu integrieren, die ebenfalls Lust hatten, wie in Zürich, in Bern und im Aargau eine eigene Partei zu gründen.

In einem scharfen Wahlkampf gegen links sicherte sich die neue Partei im Oktober 1919 drei der vier Nationalratssitze; ein Sitz ging an die Sozialdemokraten. Zum Wahlkampf gehörten auch Zeichnungen des Kunstmalers Otto Plattner mit Texten des damaligen Redaktors und späteren Publizistikprofessors Karl Weber im redaktionellen Teil der «Basellandschaftlichen Zeitung» (siehe Hauptbild oben).

In derselben Ausgabe der bz publizierte die neu vereinte FDP (hier noch Demokratische Fortschrittspartei) ihr Parteiprogramm, das schon damals auf freien Wettbewerb setzte und gegen Verstaatlichung war.

In derselben Ausgabe der bz publizierte die neu vereinte FDP (hier noch Demokratische Fortschrittspartei) ihr Parteiprogramm, das schon damals auf freien Wettbewerb setzte und gegen Verstaatlichung war.

Die Vormachtstellung bröckelte rasch – bis Ernst Boerlin kam 

Nachhaltig war die Fusion allerdings nicht. Die «Demokratische Fortschrittspartei» holte sich bei den Nationalratswahlen von 1919 und 1922 und bei den Landratswahlen von 1920 und 1923 zwar die absolute Mehrheit in Baselland, danach bröckelte die Vormachtstellung. Aus ideologischen und aus persönlichen Gründen, aber auch, weil der Proporz kleineren Gruppen eine Chance bot, etablierten sich «Mittelgruppen» zwischen Freisinn und Sozialdemokratie:

1921 die Evangelische Volkspartei, 1923 die Linksfreisinnigen von Walter Zeller, 1925 die Bauernpartei, in den 30er-Jahren die Freiwirtschaftler und die Freie demokratische Vereinigung, in den 40er- Jahren der Landesring der Unabhängigen und die Demokratische Partei, in den 50er-Jahren die Aktion Kanton Basel. Der fusionierte Freisinn, der sich ab 1927 Freisinnig-Demokratische Partei nannte, musste unten durch und sank auf 17 Stimmenprozente (eidgenössische Wahlen 1943) und 18 Landratsmandate (1944), und die Partei zählte nur noch 10 Sektionen mit 1140 Mitgliedern.

Erst in der Ära von Ernst Boerlin (Nationalrat seit 1943, Regierungsrat seit 1950) begann der Wiederaufschwung. Während National- und Regierungsrat Adolf Seiler einen markanten Rechtskurs gesteuert hatte, sprach Ernst Boerlin von der FDP als «Partei der Mitte und des Ausgleichs» und betrieb eine betont soziale Politik. 1959 und 1983 erreichte die FDP wieder 25 Prozent der Wähler. Nach 1995 entstand indes neuer Druck: Weil die Schweizerische Volkspartei (SVP) sich zur stärksten Kraft entwickelte, war die FDP doppelt herausgefordert durch die Abgrenzung gegen links (SP) und gegen rechts (SVP). Das Potenzial, wieder stärker zu werden, ist zwar da, doch die Vormacht von 1919 bleibt Geschichte.


   

*Roger Blum, der aus Liestal stammt, ist emeritierter Professor für Medienwissenschaft an der Universität Bern. 1971-1978 war er Landrat der FDP. Er publizierte mehrfach zur Baselbieter Demokratie- und Parteiengeschichte.

**Sybille Rudin-Bühlmann (1999): Und die Moral von der Geschicht, Parteiparole halt ich nicht. Parteigründungen im Baselbiet zwischen 1905 und 1939. Liestal: Verlag des Kantons BL.

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