Heute kann Silvia Kockel wieder lachen. Die Rentnerin aus Arlesheim wirkt entspannt, als sie im Sessel Platz nimmt. Doch sie sagt auch: «Ich bin überrascht, wie lange alles nachwirkt. So eine Krankheit geht nicht spurlos an einem vorbei.»

Die Krankheit heisst Darmkrebs. Nach Chemo- und Strahlentherapie musste Kockel unters Messer. Um auf Nummer sicher zu gehen, wurden ihr am Kantonsspital Baselland (KSBL) in Liestal ein Stück Darm und die Lymphknoten entfernt. Das war im August 2017. Doch damit war es nicht getan. Zwei Monate später musste der künstliche Darmausgang, das Stoma, rückoperiert werden. «Ich war erschöpft, völlig fertig», erzählt Kockel.

Deshalb nahm sie in jenem Sessel Platz, in dem sie nun wieder sitzt. Er gehört Marie-Luise Fontana, der Psychoonkologin des KSBL. Noch am Spitalbett kam sie auf die Rentnerin zu, bot ein offenes Ohr und eine Tasse Tee an – mit einer Schachtel Taschentücher in Griffnähe. «Es half sehr, jemanden zu haben, mit dem ich ausserhalb der eigenen vier Wände reden und alles abladen konnte, was mich belastete», sagt Kockel. Fontana habe ihr geholfen, die Batterien wieder aufzuladen, einen neuen Lebensrhythmus zu finden.

Ärzte haben keine Zeit zuzuhören

Genau dafür ist eine Psychoonkologin da. Denn Krebs beeinträchtigt nicht nur die körperliche Gesundheit, sondern oft auch die Psyche. «Die Krebspatienten sollen bei mir ihren Ballast abwerfen können. Ich bin eine Art Sorgentelefon», sagt Fontana. Sie ist ausgebildete Psychotherapeutin mit diversen Zusatzausbildungen.

Diese beinhalten medizinisches Grundwissen in der Onkologie, aber auch Spezialthemen wie Krebs und Sterben, Berufsethik, Versicherungsrecht oder Krebs und Sexualität. «Krebs ist oft nur die Eingangspforte ins Gespräch, die eigentliche Erkrankung manchmal nur die Spitze des Eisberges», sagt Fontana. Bei Kockel kamen etwa noch der Stress eines grossen Umzugs und eine Hausrenovation dazu.

Das KSBL hat die Stelle vor zwei Jahren geschaffen. Es war eine Voraussetzung, um 2018 von der Deutschen Krebsgesellschaft als offizielles europäisches Darmkrebszentrum zertifiziert zu werden. In der Schweiz gibt es nur zehn solcher Zentren. «Dieses Gütesiegel ist nicht so leicht zu bekommen», sagt denn auch Zentrumsleiter Robert Rosenberg, Chefarzt der Chirurgie
am KSBL. Er hält fest: «Seitdem Marie-Luise Fontana bei uns ist, geht es vielen Patienten deutlich besser.» Denn viele Krebspatienten fühlten sich überfordert und hätten Ängste. Das Ärzteteam habe aber schlicht zu wenig Zeit, um länger zuzuhören und alles in Ruhe zu besprechen.

Oft braucht es gar nicht eine Unmenge an Therapiesitzungen, um Erfolge zu erzielen. Silvia Kockel hatte bis Frühling 2018 deren drei. «Sie ist ja selber Atemtherapeutin. Da war es auch meine Aufgabe, sie zu erinnern, was für Ressourcen sie selber hat», sagt Fontana. In den zwei Jahren führte die 40-Jährige in ihrem Büro am Standort Liestal rund 200 Kurz- und 40 Langzeitbetreuungen durch. Länger dauert es, wenn die Auswirkungen der Krebserkrankung und der vielen Behandlungstherapien grösser sind – und wenn eine psychische Erkrankung dazukommt.

Bedarf an Psychoonkologen steigt

Eine Methode von Fontana sind Imaginationsübungen. «Ich versuche, für die Patienten einen imaginären sicheren Ort aufzubauen, denn Krebstherapien sind oft traumatisierend.» So bekämen Patienten immer wieder in der MRI-Röhre Platzangst. Für Entspannungsübungen steht in Fontanas Büro extra eine Couch. «Mein Büro ist wahrscheinlich das heimeligste im ganzen Spital.»

Manchmal sitzen darin nicht nur die Patienten, sondern auch deren Angehörige. «Ich fungiere als Vermittlerin zwischen den Familien und dem Spitalpersonal, denn es gibt immer wieder Verständigungsprobleme oder falsche Erwartungen», sagt Fontana. Auch der Lebenspartner von Kockel war einmal bei einem Gespräch dabei: «Die Krebserkrankung betrifft ja nicht nur mich, auch mein Partner spürte, wie ich mich veränderte.» Fontana leitet nebenbei noch eine Selbsthilfegruppe für Angehörige, «weil diese oft vergessen gehen».

Und die Arbeit geht der einzigen Psychoonkologin des KSBL nicht aus. 2018 gab es in der Schweiz 43 000 Krebsfälle, 4000 davon waren Dickdarmkrebs. Das Darmkrebszentrum des KSBL operierte 75 Mal als Erstbehandlung. «Es bräuchte dringend mehr Psychoonkologinnen», sagt Fontana selbst.

Das wissen auch Rosenberg und der Leiter Onkologie, Andreas Wicki. «Der Bedarf an solchen Betreuungen wird weiter steigen», sagt letzterer. Der Grund: Heute leben Krebspatienten länger, die Diagnose ist oft kein Todesurteil mehr. «Darmkrebs ist mittlerweile in über 50 Prozent der Fälle heilbar», betont Rosenberg. Diese positive Botschaft bringt laut Wicki aber auch mit sich, dass Krebs zu einer chronischen Krankheit wird, Behandlungen immer komplexer werden, und die Unsicherheit für den Patienten steigt. Genau hier kann wiederum Fontana helfen.

Und selbst wenn keine Hoffnung mehr besteht, ist die Psychoonkologin da: «Wenn wir nicht mehr heilen können, helfe ich weiter. Bis zum Tod.»


   

Darmtag am KSBL

Der begehbare Darm

  

Vier Jahre nach der Erstauflage findet am Kantonsspital Baselland (KSBL) in Liestal wieder ein «Darmtag» statt. Am Samstag, 22. Juni, von 10 bis 16 Uhr werden rund 25 Infostände zum Thema Darmgesundheit bereit stehen. Das KSBL möchte vor allem die Botschaft platzieren, wie wichtig beim Darmkrebs Vorsorge ist.

Highlight ist wieder das 20 Meter lange begehbare Darmmodell. Doch es gibt auch zahlreiche Vorträge, Führungen durch den Operationssaal oder die Präsentation des Da-Vinci-Roboters. Beim Selbsttest ist zu erfahren, ob man ein erhöhtes DarmkrebsRisiko aufweist. Im Fokus steht dieses Jahr auch das Thema Vernetzung; hierzu werden die Krebsliga, Spitex, Seelsorge oder das 2018 gegründete «Netzwerk für Gesundheit und Soziales Oberbaselbiet» präsent sein.


   

Mehr Infos unter www.ksbl.ch/darmtag