Neuer Bahnhof

Querelen um das SBB-Hochhaus: Liestal steht fundamentaler Kampf bevor

Das SBB-Hochhaus würde Liestal dominieren, wie diese Visualisierung aus Sicht Arisdörferstrasse zeigt.

Das SBB-Hochhaus würde Liestal dominieren, wie diese Visualisierung aus Sicht Arisdörferstrasse zeigt.

Die Gegner fühlen sich nicht ernst genommen und rüsten zum Urnengang gegen das SBB-Hochhaus.

Selten behandelt der Liestaler Einwohnerrat eine grosse Kiste so einheitlich jubelnd wie vor vier Wochen in erster Lesung den Quartierplan Bahnhofcorso mit neuem Bahnhof, Bürogebäude und Hochhaus.

Kaum jemand zweifelt, dass das Ortsparlament in einer Woche in der entscheidenden zweiten Lesung das Jahrhundertprojekt mit komfortablem Mehr durchwinken wird. Nicht einmal die Opponenten gegen das Projekt Bahnhofcorso. Dies liessen die Vertreter der «Gruppe für ein starkes Liestal» an der gestrigen Medienkonferenz durchblicken, auch wenn sie mit ihrem Anlass in letzter Minute versuchen, doch noch einen Fuss ins politische Verfahren zu setzen.

Ihre winzige Hoffnung: Der Einwohnerrat weist nächsten Mittwoch das Geschäft zur Neubeurteilung an die Bau- und Planungskommission zurück. Denn anstelle einer fundierten Diskussion hat sich das Parlament in den Augen der Bahnhofcorso-Gegner in eine Sackgasse manövriert. Der Architekt Raoul Rosenmund sagte es gestern so: «Der Einwohnerrat hat es verpasst, frühzeitig Fragen zu stellen, und befindet sich nun in der misslichen Lage, das Versäumnis entweder zugeben zu müssen oder alles kritiklos gutzuheissen.»

SBB am Pranger

Kritische Ansätze gibt es für die Opponenten zuhauf, wobei das Hochhaus und das Vorgehen der SBB im Vordergrund stehen. Rosenmund fuhr schweres Geschütz auf und bezichtigte die SBB unter anderem «der Falschdarstellung, der Erpressung und einem künstlichen Zeitdruck». Mit Letzterem spielte er auf die Ankündigung der SBB im März in der bz an, dass der Bahnhofsneubau um zwei Jahre auf 2020 vorgezogen werde, falls Liestal Ja zum Hochhaus sagt. Mit dem Bau des Hochhauses selbst könne aber von den Abläufen her frühestens 2024 begonnen werden, relativierte Rosenmund. Und er fügte an: «So soll man nicht noch lange überlegen. Beim Einwohnerrat hat es gewirkt.»

Der Erpressungsvorwurf bezieht sich auf die SBB-Haltung, alles oder nichts bauen zu wollen. Dies läuft der Hauptintention der Opponenten diametral entgegen: Sie wollen das Hochhaus vom Quartierplan Bahnhofcorso ausgliedern und zusammen mit dem dahinter liegenden Güterareal, wo der neue Uni-Campus im Gespräch ist, planerisch neu aufgleisen. Unbestritten sind dagegen auch für die Gruppe für ein starkes Liestal der Bau des neuen Bahnhofs und des angegliederten Bürohauses, wie diese aus einem Architekturwettbewerb hervorgegangen sind.

Mit dieser Position wollen die Gegner auch in die mit grösster Wahrscheinlichkeit im November bevorstehende Volksabstimmung steigen. Das Risiko, am Schluss mit leeren Händen dazustehen, weil die SBB ihre Drohung umsetzen und sich aus dem Liestaler Bahnhofsprojekt zurückziehen, stufen sie als klein ein. Der Vierspur-Ausbau komme unabhängig von den Bahnhofbauten, das entsprechende Geld sei gesprochen, erläuterte der Ingenieur Kurt Bitterli, der die Oppositionsgruppe präsidiert. Und den Bahnhof-Ausbau regle das Bahngesetz. Im schlimmsten Fall würden die SBB nur den heutigen Bahnhof «aufrüsten». Aber auch die SBB, so ergänzte alt Stadtrat Peter Schafroth, stünden unter kommerziellem Druck und müssten ihre brachliegenden Areale nutzen.

«Ein kolossaler, fetter Klotz»

Ruedi Riesen, ebenfalls alt Stadtrat sowie Präsident des Baselbieter Heimatschutzes, setzte seinen Akzent auf den städtebaulichen Aspekt. Das Hochhaus dominiere in der geplanten Form das Bild von Liestal «unglaublich», ähnlich wie der Roche-Turm Basel dominiere. Identität gehe aber nicht von diesem «kolossalen, fetten Klotz» aus, sondern vom historisch gewachsenen Stedtli. Riesen: «Wenn man das Baufeld mit dem Hochhaus aus dem Quartierplan herausnimmt, ist man flexibler und kann das Volumen statt in die Höhe in die Fläche verteilen. So bleibt die Massstäblichkeit in Liestal gewahrt.»

Der Heimatschutz fährt derzeit laut Riesen aber noch auf einer zweiten Schiene. Man habe zusammen mit dem Schweizer Heimatschutz ein Rechtsgutachten in Auftrag gegeben, um eine Beschwerde gegen die Verschandelung des Liestaler Ortsbildes zu prüfen. Der Entscheid falle Ende Juni.

Ins Auge sprang der Stimmungsunterschied. Während sich an der Einwohnerratssitzung vor einem Monat Euphorie breitmachte, herrschte an der gestrigen Medienkonferenz in der Kantonsbibliothek Frustration vor. Dies, weil sich die Opponenten – in der Mehrheit namhafte Liestaler – weder im Mitwirkungsverfahren noch bei der Anhörung bei den Einwohnerratsfraktionen und schon gar nicht von den SBB ernst genommen fühlten. Rosenmund drückte dies aus, indem er sich gedanklich an den amerikanischen Wirtschaftswissenschafter Larry Summers anlehnte: «Die Outsider werden von den Insidern ignoriert. Es findet keine Diskussion auf Grund von Argumenten statt, sondern allein die Zugehörigkeit bestimmt.»

Eine spezielle Note, die den einen oder andern etwas zu verunsichern schien, erhielt die Medienkonferenz zudem durch die Präsenz von Lukas Ott. Der nicht eingeladene Stadtpräsident sass die ganze Zeit wortlos am Rande des Tisches und machte sich Notizen. Nicht teilgenommen hat dafür der angekündigte Kantonsbibliothekar Gerhard Matter. Er zog offenbar die Konsequenzen aus der Kritik in der gestrigen bz und trennte Arbeitsort und politischen Widerstand.

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