Eurovision Song Contest

Reinacher Goethe-Fan will in Malmö über die Liebe im Internet singen

Andy Bay in seinem Studio und Schlafzimmer. Kenneth Nars

Andy Bay in seinem Studio und Schlafzimmer. Kenneth Nars

Mit Andy Bay bewirbt sich ein Reinacher für den Eurovision Song Contest – auch wenn er solchen Ausscheidungen kritisch gegenübersteht. Seine Leidenschaft ist vielmehr die Vertonung von Goethe-Gedichten.

«Für den Eurovision Song Contest habe ich ein Lied mit einem möglichst eingängigen Refrain ausgesucht.» Diese sind eigentlich keine Spezialität des Sängers und Songschreibers Andreas Baumann alias Andy Bay. Der Reinacher bezeichnet sich selbst als «multikreativen» Künstler: Er malt Bilder und Cartoons, schreibt auch Texte – und macht eben Musik. Mit verschiedenen Projekten verdient er sich sein Brot.

Als Kind die Show geschaut

Parallel zum ESC-Song vertont er unter dem Namen «Erlkönig» mit einer Band Goethe-Gedichte: «Wir versuchen, Goethe modern zu machen. Oft erkennt man die Originale dann gar nicht mehr.» Nicht das typische Kandidaten-Profil. Wieso er sich denn trotzdem mit einem Lied für den Eurovision Song Contest beworben hat? «Als ich klein war, war es immer etwas Besonderes und Schönes, mit der ganzen Familie diese Show zu sehen. Da will doch jeder auch mal sein Glück probieren.»

Online with you

Quelle: youtube.com

Andy Bay geht es nicht nur darum, gegen Mitbewerber zu bestehen. Auch kleine Dinge machen den Reiz aus: «Mal ein Projekt ganz fertigzustellen, bis man es veröffentlichen kann, ist nicht ganz einfach.» Daran schraubt der 51-Jährige im Moment in seinem zum Studio umfunktionierten Reinacher Vorstadthäuschen. Der Piano- und Keyboardspieler hat für seine Contest-Teilnahme kein neues Lied geschrieben: «Online with you» heisst der potenzielle Hit. «Ich habe es neben dem eingängigen Refrain auch wegen des ungewöhnlichen, aber fröhlichen Rumba-Beats ausgewählt.» Andy Bay will damit den aktuellen Trend der Musikindustrie treffen: «Heutzutage hört man sich Lieder nicht mehr so lange an wie früher. Da muss man etwas schrieben, das sich die Leute schnell merken können.» Diese Entwicklung findet der Künstler nicht nur gut. Und auch andere Aspekte des Eurovision Song Contest gefallen ihm weniger: «Es ist halt in erster Linie eine Unterhaltungsshow. Es geht nicht darum, die aktuelle Musikgeschichte zu beeinflussen.»

Massentauglichkeit als Hürde

Die Lieder dort würden der Zeit meist ein wenig hinterherhinken: «Viele der Songs sind auch in einem Retro-Stil verfasst, berufen sich auf frühere Hits.» Doch dies mache seine Aufgabe spannend, meint Andy Bay: «Es ist eine Herausforderung, den Geschmack so vieler Leute zu treffen, da muss man sich einiges überlegen.» Im Liedtext geht es ums Internet, genauer um die Liebe im Internet. Der Text ist sogar übers weltweite Netz entstanden: «Ich habe online mit einer Künstlerkollegin aus Australien gechattet», sagt der Sänger. Dabei sind die beiden Kreativen auf die Idee gekommen, abwechslungsweise, Zeile um Zeile ein Gedicht zu schreiben. Zusätzliche Hilfe bekam Bay von seiner Frau, die als Videokünstlerin den Clip zum Song drehte.

Ob das für die schweizweite Ausscheidungsrunde der besten 14 Songs reicht, weiss Andy Bay nicht. Denn das Internet hat auch Tücken: «Viele meiner Bekannten hatten grosse Mühe damit, online für mich abzustimmen, da die Webseite sehr kompliziert gestaltet ist.»

Falls es dann doch klappt mit dem Publikums-Voting, ist Andy Bay auf Glück angewiesen: «Ich muss meine Freunde aus Lyon anrufen und hoffen, dass sie Zeit haben, bei der Ausscheidungsshow für mich zu tanzen.» Sollte es weiter gehen für Baumann, genauer gesagt an die Endrunde in Malmö, regen sich Zweifel beim Künstler: «Ich weiss nicht, ob ich dann auf der Bühne stehen und wie jedes Jahr ‹Schweiz: Null Punkte‹ hören will.»

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