Herr Huber, bilinguale Maturitäts-gänge gibt es vielerorts. Weshalb ist jener der Gymnasien von Laufen und Porrentruy einzigartig?

Isidor Huber: Es gibt in der Schweiz an vielen Gymnasien bilinguale Maturklassen. In Ihnen sitzen aber in der Regel nur Deutschweizer oder nur Romands sowie Angehörige derselben Schule. Das Lycée cantonal de Porrentruy und das Gymnasium Laufental-Thierstein sind die einzigen Schweizer Schulen, die eine bilinguale Matur interkantonal, über die Sprachgrenzen hinaus und mit gemischtsprachigen Klassen anbieten. Jeweils ein Schüler mit deutscher und einer mit französischer Muttersprache sitzen nebeneinander und bilden ein fixes Tandem. Das ist zentral für den Erfolg dieses Projekts. Es ist eigentlich ein Skandal, dass es schweizweit nicht mehr solcher Angebote gibt. Die Laufentaler Schüler, die täglich nach Porrentruy pendeln, haben für ihren Schulweg länger als solche aus Bern oder Burgdorf, wenn diese den Unterricht in Fribourg besuchen würden. Wir sind in der Schweiz zwar stolz auf unsere Mehrsprachigkeit, ziehen aber relativ wenig aus diesem reichen Werkzeugkasten.

Weshalb engagieren Sie sich so stark für diese bilinguale Matur?

Auf Ebene der KMU ist vielerorts die erste Fremdsprache nicht Englisch, sondern Französisch. Fächer mit einer guten Reputation werden von den Schülern einfacher und besser gelernt als solche, die in der öffentlichen Meinung weniger Prestige haben. Deswegen ist es fatal, wenn wir Erwachsenen den Schülern das Gefühl geben, Französisch sei nicht so wichtig. Weil es nicht stimmt. Ich kenne mehrere, die später auf dem zweiten Bildungsweg mit Blut, Schweiss und Tränen Französisch nachgeholt haben, weil die Sprache für ihren Beruf essenziell ist. Für sie wäre es viel einfacher gewesen, sie hätten in der ordentlichen Schule gut Französisch gelernt.

Ist diese bilinguale Matur weit mehr als ein Bildungsangebot, nämlich ein Kohäsionsprojekt?

Natürlich. Mich hat es geärgert, dass wir hier am Laufner Gymnasium Schüler aus Liesberg direkt an der Grenze zum Jura hatten, die sozusagen nicht reisefähig Richtung Delémont waren. Denen habe ich gesagt: «Stellt doch mal, wenn ihr vom Dorf nach unten auf die Hauptstrasse kommt, den Blinker nach rechts Richtung Delémont, anstatt wie üblich nach links Richtung Laufen-Basel.» Wir laufen in der Schweiz Gefahr, dass unser quasi natürlicher Bilingualismus, der etwa durch die früher beliebten Austauschjahre gestützt wurde, verloren geht.

Für die Jurassier ist die bilinguale
Maturität wohl wichtiger als für die Schüler aus dem Laufental und Schwarzbubenland?

Die Nachfrage nach der bilingualen Matur ist im Jura höher. Die jurassischen Schüler sprechen bei der Matur perfekt Deutsch und verstehen zudem Schweizerdeutsch, was in keinem Lehrplan vermerkt, aber sehr wichtig ist. Sie werden später einmal ohne Mühe in Basel, Bern oder Zürich studieren oder arbeiten und mit ihren Kollegen auch am Kaffeeautomaten locker plaudern können. Ich sehe gerade für die Region Laufental und Schwarzbubenland ein grosses Potenzial, wenn die perfekte Mehrsprachigkeit dieser Schüler hier eingesetzt wird: in Wirtschaftsprojekten über die Sprachgrenze hinweg. Das Laufental würde so zum Scharnier zwischen dem Raum Basel und dem Jura, der ja selbst in der Standortförderung die Nähe zu den beiden Basel sucht. Der Sprachen-Clash dynamisiert enorm.

Inwiefern?

Es geht um weit mehr, als um die eigentliche Sprache, um mehr als «der Tisch – la table». Es geht auch um Denkstrukturen. Es gibt einen fiktiven Lehrplan: Wenn unsere Schüler der bilingualen Matur aus dem Gymnasium kommen, haben sie den viel breiteren und selbstverständlicheren Zugang zu Lebenswelten. Sie werden ihren Entscheid, ob sie an eine Uni in der Deutschschweiz oder in der Romandie gehen wollen, nicht von der Sprache abhängig machen, sondern davon, welches Fächerangebot für sie an welcher Uni am besten ist. Das ist ein riesiger Vorteil.

Die Schüler müssen für die bilinguale Matur einiges auf sich nehmen. Einen langen Schulweg, Zusatzaufwand in der Anfangsphase, andere Unsicherheiten. Was sind die Vorteile, die den Schülern den Ausbildungsgang schmackhaft machen könnten?

Aufgrund unterschiedlicher Schulstrukturen dauert die Ausbildung für die Baselbieter Gymnasiasten ein halbes und in Zukunft sogar ein ganzes Jahr weniger lang. Dies ist möglich, weil die Schülerinnen und Schüler des interkantonalen Bildungsgangs überdurchschnittlich motiviert und begabt sind. Neben den sehr guten schulischen Resultaten und den positiven Rückmeldungen zum Lehrgang werden die Finanzen übrigens eines der Argumente sein, das wir in der anstehenden politischen Diskussion im Baselbiet um die Fortführung der bilingualen Matur anführen werden: Für den Kanton kommt ein Schüler, der diese absolviert, unter dem Strich günstiger zu stehen, als einer, der einen der üblichen Ausbildungsgänge gewählt hat. Insofern entspricht die bilinguale Matur durchaus dem Traum gewisser Politiker: exzellente Qualität bei reduzierten Investitionen. Da kann ja wohl niemand dagegen sein.