Eine Abwasserleitung kann brechen. Geschieht dies in einem Chemiebetrieb, ist besondere Vorsicht geboten. Geschieht es allerdings in einem Betrieb, der bereits in der Vergangenheit mehrfach Störfälle verschiedenen Ausmasses produziert hat, sollten die Alarmglocken läuten. Und unterlässt es dieser Betrieb, das Ereignis den Behörden zu melden, welche es zwei Wochen später durch Zufall entdecken, so stellen sich langsam grundsätzliche Sicherheitsfragen. All dies trifft auf die Rohner AG in Pratteln zu.

Am 12. Februar stellte die Firma auf ihrem Gelände fest, dass eine Abwasserleitung in einem Energieleitungstunnel gebrochen war und Industrieabwasser austrat. Sie reparierte das Leck, meldete es aber weder dem Baselbieter Amt für Umweltschutz und Energie (AUE) als Aufsichtsbehörde noch der Gemeinde.

Erst am 25. Februar brachten im Auftrag des AUE durchgeführte Routinemessungen die Havarie zutage, die das Grundwasser verschmutzte. Es roch nach Lösungsmitteln und das Wasser wies einen deutlich verminderten Sauerstoffgehalt und eine stark erhöhte elektrische Leitfähigkeit auf, wie Nico Buschauer, Sprecher der Bau- und Umweltschutzdirektion (BUD), ausführt. Die Messungen zeigten auch: Bereits seit Anfang November stiegen der Grundwasserspiegel und mit ihm die Temperaturen an. Ein Indiz, dass das Leck schon dreieinhalb Monate vor der Reparatur entstanden war.

Trinkwasser ist nicht betroffen

«Ich verurteile nicht, dass etwas passieren kann», sagt der Prattler Gemeindepräsident Stephan Burgunder zur bz, «denn diese Betriebe unterliegen der Störfallverordnung und wir müssen akzeptieren, dass ein gewisses Risiko besteht. Doch dass wir als Standortgemeinde erst zwei Wochen später vom Kanton davon erfahren müssen, das geht nicht.» Stand am Dienstagabend sei er von der Rohner AG noch immer nicht direkt informiert worden.

Entsprechend verschickte die Gemeinde am späten Nachmittag eine Medienmitteilung, die es in sich hat: «Der Gemeinderat ist befremdet über den Umgang mit der Sicherheit unserer Bevölkerung und fordert das Sicherheitsinspektorat auf, die Schliessung des Betriebes bis zum Vorliegen aller Abklärungen bezüglich Menge, Substanzen, Konzentration sowie weiterer Sicherheitsmängel zu prüfen.»

Dass der Kanton, der die Havarie am Morgen per Mitteilung publik gemacht hatte, festhielt, dass das Prattler Trinkwasser nicht betroffen sei und für die Bevölkerung keine Gefahr bestanden hätte, beruhigt Burgunder nur teilweise: «Fakt ist, dass wir jetzt verseuchten Boden in Pratteln haben und das verseuchte Wasser irgendwo hinfliessen wird», sagt er. Zudem liege das Rohner-Areal am Rande eines Wohngebietes.

Auch der Kanton möchte die Situation nicht schönreden: «Es ist eine Umweltverschmutzung und es ist nicht gut, dass es dazu gekommen ist», sagt Buschauer. Das Grundwasser im Bereich der Havarie wird nun abgepumpt und in die Abwasserreinigungsanlage ARA Rhein geleitet. Auch die Bodenluft wird abgesaugt.

Kanton durchleuchtet Rohner AG

Das AUE hat nun bei der Baselbieter Staatsanwaltschaft Strafanzeige gegen unbekannt erstattet. Es handelt sich um ein Offizialdelikt. Sonstige Sanktionen gegen den Chemiebetrieb wird es aber vorerst keine geben. «Zuerst müssen wir wissen, wie es zu dem Leck kommen konnte», sagt Buschauer.

Auf Anfrage der bz und nach Rücksprache mit dem Rechtsdienst der BUD hält er zudem fest: «Das AUE hat die Kompetenz, per Verfügung einen Arbeitsprozess zu stoppen.» Für die temporäre Schliessung eines Betriebs sei aber ein akutes Sicherheitsrisiko Voraussetzung. «Die betroffene Leitung wurde geflickt und damit vorerst das Risiko behoben, dass es bei einer Fortführung der Arbeiten der Rohner AG zu weiteren Verschmutzungen kommt», so Buschauer.

Allerdings: Der Kanton wird die Chemiefirma als Ganzes nun genau anschauen. «Sollten wir neue Sicherheitsmängel feststellen, werden auch wieder betriebliche Einschränkungen bis hin zur temporären Schliessung geprüft», sagt Buschauer.

Erst nach der gepfefferten Mitteilung der Gemeinde veröffentlichte auch die Rohner AG ein Communiqué. Sie streut Zweifel an der Urheberschaft der Verschmutzung, obwohl sie gleichzeitig bestätigt, dass die geborstene Abwasserleitung der Rohner AG gehöre. Erst wenn die verschmutzenden Substanzen bekannt seien, könne eruiert werden, «welcher Industriebetrieb dafür ursächlich ist».

Gemäss Informationen der bz meinte die Firma nach der Reparatur, dass das Rohr, in welches das Abwasser aus dem Leck geflossen war, dicht war und deshalb nichts ins Grundwasser gelangen konnte. Eine fatale Fehleinschätzung.