Die Forderungen, die Prattler Chemiefirma Rohner AG solle temporär oder gleich ganz geschlossen werden, wurden in den vergangenen Tagen immer lauter. Nachdem der Kanton Baselland zuerst unsicher war, ob dies rechtlich überhaupt durchzusetzen wäre, hat er nun überraschend schnell reagiert: Gestern Nachmittag publizierte die Bau- und Umweltschutzdirektion (BUD) eine Mitteilung, in der sie festhielt, dass das Amt für Umweltschutz und Energie (AUE) als Aufsichtsbehörde «konkrete Massnahmen in Bezug auf die Sicherheit des Abwassersystems der Rohner AG inklusive aller abwasserrelevanten Bauwerke eingeleitet hat».

So verklausuliert die Mitteilung, so deutlich wird BUD-Sprecher Nico Buschauer auf Nachfrage der «Schweiz am Wochenende»: «Wir haben der Rohner AG eine Verfügung zugestellt, dass sie ihr gesamtes Abwassersystem inklusive der Leitungstunnel einer umfassenden Dichtheitsprüfung unterziehen müssen.» Die Prüfung müsse von einer anerkannten Fachfirma durchgeführt und die Kosten von der Rohner AG getragen werden. Ein umfassender Schlussbericht müsse dem AUE bis zum 30. April vorliegen. Dass dies für die 200-Mann-Firma keine Fingerübung sein wird, liegt auf der Hand.

Rohner wird sich wehren

Dem nicht genug: Jene Leitungen und Tunnel, die wegen des Lecks und der daraus folgenden Grundwasserverschmutzung erwiesenermassen undicht seien, müssten «per sofort ausser Betrieb genommen und saniert werden», betont Buschauer.

Gemeint ist dabei vor allem der Energieleitungstunnel (ELT), der das geleckte Industrieabwasser nach dem Rohrbruch Anfang November 2018 hätte auffangen sollen. Stattdessen sickerte es ins Prattler Grundwasser. Das AUE fordert laut Buschauer, dass die Leitungen nach der Sanierung über ein Doppelmantelsystem mit Leckerkennung verfügen müssen. Erst nach einem erfolgreichen Dichtheitstest – wieder durch eine Fachfirma – sei eine Wiederinbetriebnahme erlaubt.

Ganz grundsätzlich hält Buschauer fest, dass die Rohner AG bei ihren Kontroll- und Informationspflichten «massive Defizite» aufweist. So müssten Abwasserleitungen eigentlich täglich kontrolliert werden. Die Firma entdeckte das lecke Rohr aber erst am 12. Februar, reparierte es und verzichtete darauf, es wie vorgeschrieben der Polizei zu melden. Die Verfügung verlange deshalb auch, dass die Rohner AG dem AUE ein Kontroll- und Unterhaltskonzept sowie ein Informationskonzept vorlegt. Die Frist ist auch hier der 30. April.

Auch wenn die Verfügung nicht explizit eine temporäre Schliessung des Betriebs fordert, könnte sie letztlich dazu führen. «Ohne vollständig verfügbares Abwassersystem können viele Arbeiten der Rohner AG nicht durchgeführt werden. Ich kann mir also vorstellen, dass es zumindest zu einer teilweisen Schliessung des Betriebs führen könnte», sagt Stephan Burgunder. Der Prattler Gemeindepräsident kennt die Verfügung im Detail. Er hält fest: «Ich begrüsse die härtere Gangart des Kantons.»

Rechtliches Gehör

Allerdings tritt die Verfügung noch nicht sofort in Kraft. Der Rohner AG wird das rechtliche Gehör gewährt. Bis zum 22. März hat sie nun Zeit für eine Stellungnahme. Nach Inkrafttreten ist zudem eine Beschwerde an die Regierung möglich. Es ist anzunehmen, dass sich die Chemiefirma vehement wehren wird. Darauf deutet auch ein Interview hin, dass das «Regionaljournal» gestern – noch vor Bekanntwerden der Verfügung – mit Rohner-CEO Daniel Pedrett führen konnte. Darin spricht er von einer Hysterie und Vorverurteilung.

Dass das Abwasser der Rohner AG das Grundwasser verunreinigt habe, «ist eine Vermutung und wir sind überrascht, dass es kommuniziert wird, als wäre es ein Fakt». Speziell ist, dass Pedrett im gleichen Gespräch zugibt, dass «ein paar tausend Liter» Rohner-Abwasser durch den Boden versickert seien. «Dass das passiert ist, ist nicht gut», sagt er immerhin.