Ihre Wahlchancen gelten als sehr gut. Im Interview sagt Marti, dass sie mit einem prononcierten Links-Kurs Wählerinnen und Wähler gewinnen will. Schlüssel dazu sei die Wirtschaftspolitik.

Neben dem Kampf gegen Lohnexzesse und für mehr Verteilungsgerechtigkeit fordert Marti mehr Transparenz und Mitsprache bei wirtschaftlichen Prozessen: Viele Entscheide wie das 68-Milliarden-Rettungspaket für die UBS oder die Aufgabe des Euro-Mindestkurses durch die Nationalbank seien der demokratischen Kontrolle entzogen. Die 22-jährige Wirtschafts- und Soziologiestudentin redet schnell, druckreif, sowohl den Fachjargon ihres Studiums als auch das linke Klassenkämpfer-Vokabular hat sie längst verinnerlicht.

Samira Marti, Sie wollen Chefin der Juso Schweiz werden. Weshalb?

Samira Marti: Aktuell sind Millionen von Menschen auf der Flucht vor Krieg und Elend. Die Bilder aus Idomeni zeigen uns täglich das Ausmass dieser Katastrophe und empören mich immer wieder aufs Neue. Es ist Zeit zu handeln. Eine starke, pointierte Linke in diesem Land braucht es mehr denn je, und der Juso kommt dabei eine wichtige Rolle zu. Unsere Botschaft lautet: Wir haben kein Flüchtlingsproblem, wir haben ein Verteilungsproblem.

Wohin wollen Sie mit der Partei?

Die Juso Schweiz muss das Hauptaugenmerk auf die Wirtschaftspolitik setzen und hier Glaubwürdigkeit aufbauen. Mit der 1:12-Initiative haben wir es geschafft, eine Debatte über Verteilungsgerechtigkeit zu lancieren, wie sie die Schweiz seit vielen Jahren nicht mehr erlebt hat, und haben dabei das Empörungspotenzial abgeholt. Wie misst man den Wert von Arbeit? Wie wird Reichtum in der Schweiz verteilt? Wieso werden die Reichen immer reicher, die Armen immer ärmer? Das sind die relevanten Fragen des 21. Jahrhunderts. Sie müssen weiter gestellt werden.

Die 1:12-Initiative war nicht gerade ein Erfolg: An der Urne stimmten nur 35 Prozent Ja, zudem gab es einen Graben im linken Lager: Etliche SP-Regierungsräte und nationale Parlamentarier distanzierten sich.

Das sehe ich anders. Ein gutes Drittel der Abstimmenden sagte Ja zu einem massiven Eingriff in den freien Markt, wie er in den vergangenen Jahrzehnten in der Schweiz zuvor nie diskutiert worden war. Die lancierte Debatte ist nach der Abstimmung weiter geführt worden, und die Juso wurde zur stärksten Jungpartei der Schweiz. 1:12 hat viele junge Menschen enorm politisiert und mobilisiert. In meiner Generation beobachten viele mit Unbehagen die Macht- und Kapitalkonzentration in den Händen einiger weniger. Auch die SP bewegt sich. Sie hat vergangenes Jahr an einer Tagung intensiv darüber diskutiert, wie in der Wirtschaft die demokratische Mitsprache verbessert werden kann.

Tatsache aber bleibt: Forderungen wie 1:12 sind nicht mehrheitsfähig.

Noch nicht! Das langfristige Ziel von Juso und SP muss sein, den Menschen zwei Fakten aufzuzeigen: Von den heutigen Marktstrukturen profitiert lediglich eine kleine Minderheit von Reichen. Die Profitmaximierung steht im Zentrum, ohne Rücksicht auf Mensch und Umwelt. Zudem ist es die Aufgabe der Linken, mit der scheinbaren Alternativlosigkeit der herrschenden Verhältnisse zu brechen. Wir müssen den Menschen Mut machen, für ihre Rechte einzustehen. Ansonsten enden wir in der Diktatur der Multis und Grossaktionäre.

Die verbreitete Kritik an den Lohnexzessen in der Bevölkerung bedeutet nicht, dass diese auch SP wählt.

Stimmt. Der Linken muss es gelingen, ein wirtschaftspolitisches Gegenmodell zu entwerfen und dieses glaubwürdig zu vertreten. SVP und FDP haben die Wirtschaftspolitik für sich gepachtet. Dabei betreiben sie keine Wirtschafts-, sondern eine Klientelpolitik, von der einseitig die Grossunternehmen profitieren. Heute beherrscht Alternativlosigkeit den Diskurs. Aktuelles Beispiel sind die Panama Papers: Dass der Gesellschaft systematisch Gelder in Milliardenhöhe entzogen wurden, ist ein Skandal. Das sehen viele Menschen so, aber sie sehen keinen Ausweg und reagieren deshalb mit Gleichgültigkeit.

Was hat die SP in der Vergangenheit falsch gemacht?

Sie ist bei wirtschaftspolitischen Themen zu stark in die politische Mitte gerückt. Die SP macht sich somit zu einem Bestandteil der grassierenden Alternativlosigkeit. Der Mitte-Kurs wurde damit begründet, dass dieser die SP mehrheitsfähiger, einflussreicher und stärker mache. Diese Rechnung ist offensichtlich nicht aufgegangen. Im Gegenteil hat die SP an Glaubwürdigkeit eingebüsst, weil linke Anliegen teilweise halbherzig vertreten wurden. Anders die SVP: Sie hat in der Migrationspolitik ihre Anliegen unmissverständlich vertreten und hat so die Deutungshoheit über das Thema erlangt.

Interessant ist ja, dass just jene, für die sich die SP einsetzt, die sozial Schwachen, die Globalisierungsverlierer, etc. vermehrt SVP wählen. Was tun Sie dagegen?

Wir müssen anerkennen, dass der globalisierte Raubtierkapitalismus auch in der Schweiz Verlierer produziert. Wir müssen prägnanter aufzeigen, warum. Dazu ist ein prononciert linker Kurs nötig. Die Wirtschaftspolitik ist der Schlüssel zu unserem künftigen Erfolg.

Bürgerlich-konservative bis rechtspopulistische Kräfte haben fast in allen europäischen Ländern zugelegt. Ein prononcierter Linkskurs kann da nicht zum Erfolg führen.

Derzeit verlieren nicht unbedingt die Linken, sondern vor allem die gemässigten und etablierten Kräfte. Die Rechtspopulisten beweisen ja gerade, dass man auch mit radikalen Forderungen mehrheitsfähig sein kann. Viele Menschen spüren, dass sich Europa an einem Scheideweg befindet, dass sich die Situation zuspitzt. In dieser Lage ist es das einzig Richtige, eine klare Alternative aufzuzeigen.

Für mich klingt das nach einer linken Version der SVP.

Nein. Es geht darum, dass wir deutliche Worte finden für das, was falsch läuft. Es geht nicht um Schweizer gegen Ausländer, sondern um Mensch statt Markt. Die SVP stellt die Menschenrechte infrage und tut so, als ob wir dadurch Freiheit gewinnen würden. Wir stellen das System infrage, das ist ein grosser Unterschied. Der Kapitalismus hat nichts mit Freiheit zu tun. Ein Leben in Würde macht den Menschen frei, nicht der deregulierte Markt.

Sie stellen das System infrage. Wollen Sie mal wieder den Kapitalismus abschaffen?

Ja. Es braucht mehr Demokratie in der Wirtschaft. Es ist doch absurd: Wir können in unseren Gemeinwesen über jeden Fussgängerstreifen abstimmen, nicht aber über die Löhne der Chefs unserer Staatsbetriebe. Stossend ist auch, dass die folgenreichsten wirtschaftspolitischen Entscheide der vergangenen zehn Jahre, das 68-Milliarden-Rettungspaket für die UBS und die Aufhebung des Euro-Mindestkurses durch die Nationalbank, ohne jegliche demokratische Kontrolle getroffen wurden. Der Steuerwettbewerb als Auswuchs der fehlenden Kontrolle entzieht unseren Gemeinwesen die nötigen Mittel. Was wir im Kanton Baselland sehen, ist ein riesiges strukturelles Problem, das vielerorts zu beobachten ist: Die politische Ebene ist dem Primat der Privatwirtschaft untergeordnet.

Mit mehr Mitsprache und höheren Steuern ist das kapitalistische Modell nicht infrage gestellt. Was Sie skizzieren, ist eine soziale Marktwirtschaft nach schwedischem Modell.

Natürlich müssten wir in einem ersten Schritt mit einem progressiveren Steuersystem und der Abschaffung des Steuerwettbewerbs die Finanzlage der Kantone verbessern und die Reichsten, die aktuell alle Möglichkeiten haben, um sich vor ihrer gesellschaftlichen Verantwortung zu drücken, zur Kasse bitten. Doch die grundsätzlichen Probleme werden nicht gelöst, solange die heutigen Mechanismen spielen. Wirtschaftsdemokratie würde etwa bedeuten, dass wir demokratisch darüber entscheiden, welche Schwerpunkte im Pharma-Forschungsbereich gelegt werden und wohin sich unsere Gesundheitsversorgung entwickeln soll. Die Pharma-Branche würde dadurch zu einem Service-Public-Bereich erklärt.

Den rot-grünen Basler Regierungsräten dürften die Haare zu Berge stehen ob Ihrer Forderungen. Damit entziehen Sie der Stadt die Basis, auf welcher ihr Reichtum fusst.

Erfolgreiche visionäre Politik beginnt mit einer ehrlichen Analyse. Konkret bedeutet dies, aufzuzeigen, welche Veränderungen möglich sind und wie wir sie erreichen können. Der Basler Regierung nehme ich es nicht übel, dass sie mit der Pharma kooperiert, denn diesen Mechanismen kann sie sich nicht entziehen. Ihre Politik könnte jedoch den Grosskonzernen gegenüber kritischer sein, und sie sollte die strukturellen Abhängigkeiten viel stärker deutlich machen. Auch kleine Schritte können zu einer grösseren Demokratisierung der Wirtschaft führen. Aber natürlich ist klar: Der grosse Umbruch ist nur ganzheitlich und grossflächig möglich.