In der «Arena» des Schweizer Fernsehens hatte Samira Marti im Herbst 2016 ihren bisher grössten Auftritt: Die damals 22-Jährige war gerade daran, drei Gründe aufzuzählen, weshalb sie als junge Frau ein vitales Interesse an einer starken AHV habe, als ihr Moderator Mario Grossniklaus ins Wort fiel, sie solle es bei einem zweiten Punkt belassen. «Nein, wir sind hier nicht an einer linken Kuschelveranstaltung», belehrte die Jungsozialistin den verdutzten Moderator und behielt das Wort. Bundesrat Alain Berset, Gewerkschafts-Boss Paul Rechsteiner und Grünen-Chefin Regula Rytz hörten ihr aufmerksam zu; das Newsportal «Watson» nannte Martis engagierten Auftritt den «Farbtupfer» in einer mehrheitlich lustlosen Debatte.

Ein Mädchen vom Land

Wer ist diese unerschrockene Frau, die am Montag in einer Woche als Nachfolgerin von Langzeit-Nationalrätin Susanne Leutenegger Oberholzer («SLO») angelobt wird? Im Gegensatz zu anderen jungen Linken, die gerade für Furore Sorgen, ist Marti eine vom Land: Aufgewachsen und verwurzelt in der 1500-Einwohner-Gemeinde Ziefen, einem nicht ganz typischen Dorf im konservativen Oberbaselbiet. Am letzten Sonntag hat Ziefen als eine von wenigen Gemeinden die SP-Initiative für höhere Krankenkassen-Prämienverbilligungen angenommen – mit demselben Ja-Anteil wie die SP-Hochburg Münchenstein.

«Es gibt in Ziefen viel zivilgesellschaftliches Leben, das auf linken Werten der Solidarität beruht», sagt Marti. Einen genossenschaftlichen Dorfladen, den Treffpunkt Ziefen, der Talk- und Kulturabende organisiert, eine originelle, übers Tal hinaus bekannte Whiskybar.

In diesem Mikrokosmos «schaut man aufeinander». Wer die Möglichkeit hat, übernimmt Verantwortung fürs Gemeinwohl. Marti ist behütet in einem linken Elternhaus aufgewachsen, der Vater politisiert in den 80ern durch die Diskussionen um die Abschaffung der Armee, die Mutter im Kampf gegen das geplante AKW Kaiseraugst. Mittlerweile sind sie beide SP-Mitglieder. «Meine Eltern haben mich für die Politik begeistert, doch ich habe sie in die Partei gebracht», sagt Marti und lacht.

In den Nullerjahren wollte die Baselbieter Regierung die «Sek Reigi» schliessen, wo der Teenager den Unterricht besuchte. Damit war der Funke für Martis Polit-Karriere gezündet. Eine Schule zu schliessen, um ein paar Franken zu sparen: Das ging Marti damals nicht in den Kopf und so ist es auch heute. Der Widerstand erfasste das halbe Tal und zeigte Wirkung: Die Regierung liess die Schule offen. Anfang dieses Jahres schloss sich der Kreis, als sich Marti an der Spitze eines überparteilichen Komitees für einen besseren Busfahrplan im Tal einsetzte – ebenfalls mit Erfolg.

Der Aufstieg der SVP und die Person Christoph Blocher lösten auch bei der jungen Samira Marti einen Gegenreflex aus: «Blocher verkörpert das Bild des alten, reichen Millionärs, der Glück gehabt hat und ein privilegiertes Leben führt, aber selber Stimmung auf Kosten anderer macht.» Am Gym Liestal baute sie die Schülerinnenorganisation auf und wurde für ihr soziales Engagement mit einem Preis ausgezeichnet, der extra wegen ihr eingeführt wurde. Nach dem Gym engagierte sie sich im Jugendrat Baselland.

Und lernte eine wichtige Lektion: An einem Podium zur Kantonsfusion war sie als Mitorganisatorin jene, die das Mikrofon im Publikum herumreichte. «Da realisierte ich: Das ist nicht der richtige Ort für mich. Ich bin nicht neutral genug, um mich mit dieser Rolle zufriedenzugeben.» Wenige Monate später trat sie den Baselbieter Juso bei.

«Sie sind meine Heldin»

Marti ist eine Pionierin. In der Schule eine der Jüngsten und doch meistens Leaderin. Die erste weibliche Präsidentin der Baselbieter Juso. Und ab dem 10. Dezember jüngste Parlamentarierin im Bundeshaus. Wäre SLO zwei Monate früher zurückgetreten, so hätte Marti gar den Rekord der jüngsten Nationalrätin aller Zeiten (das ist die Aargauer SP-Ständerätin Pascale Bruderer) geknackt.

Die Nachwuchspolitikerin ist sich bewusst, dass ihre Person deshalb zur Projektionsfläche wird. Kürzlich, an einer Podiumsveranstaltung zur Selbstbestimmungsinitiative am Gym Münchenstein, ging eine Gymnasiastin auf sie zu und sagte: «Sie sind meine grösste Heldin.» Zwar mag es Marti nicht, auf ein Podest gestellt zu werden. Doch sie sagt auch: «Es ist wichtig, dass junge Frauen weibliche Vorbilder haben.» Schliesslich identifizierten sich viele stark über das eigene Geschlecht. Auch sie. Für Marti war etwa die nun abtretende SLO politisch eine wichtige Bezugsperson: «Sie ist eine einmalige Persönlichkeit, die sich stets an den eigenen Überzeugungen orientiert, koste es, was es wolle.»

Doch musste Marti auch erfahren, wie es ist, keine Kontrolle über die öffentliche Wahrnehmung der eigenen Person zu haben. Als Ende März nationale Medien über die bald jüngste Nationalrätin berichteten, hagelte es Online-Kommentare, viele von ihnen negativ: «Schule, Kanti, Studium beginnen und dann gleich in den Nationalrat! Keine Ahnung von nichts, aber dick verdienen», schrieb einer. Marti zuckt mit den Schultern: «Diese Kommentare sind unangenehm, aber letztlich weit weg. Das berührt mich nicht gross.»

Grössere Mühe bekundete sie damit, als im Juni 2016 Medien und Umfeld das Bild der «ruhigen, überlegten und analytischen» Samira Marti zeichneten. Sie wollte Präsidentin der Juso Schweiz werden, die Parteimitglieder gaben dann aber mit deutlichem Mehr der «frecheren» und pointierter auftretenden Tamara Funiciello den Vorzug. Die Niederlage schmerzte Marti, auch weil die Wahl aus ihrer Sicht unter falschen Vorzeichen stattfand: Um zwischen den Frauen ein Duell heraufzubeschwören, wurden sie kurzerhand in Schubladen gesteckt, was dem Charakter der beiden nicht ansatzweise gerecht wurde.

Janiak in den Senkel gestellt

Im Fall Martis handelt es sich dabei um ein riesiges Missverständnis. Wer die Ziefnerin je live erlebt hat, für den ist sonnenklar: Da ist eine Kämpferin am Werk. Eine, die «früher ihre Emotionen nicht immer im Zaum halten konnte», wie sie einräumt. Auch die Medien schrieben vom «Marti-Vulkan». Mittlerweile ist sie gelassener. Das heisst nicht, dass sie ihre Positionen weniger energisch vertritt.

Als die Baselbieter SP im August 2016 die Parole zum eidgenössischen Nachrichtendienstgesetz beschloss, stellte sie sich mit spitzem Votum gegen den eigenen Ständerat Claude Janiak. «Janiak sollte sich zurückhalten», sagte sie und erinnerte daran, dass sich an der nationalen DV 85 Prozent gegen das Gesetz ausgesprochen hätten. Letztlich folgten auch die Baselbieter Genossen der Jungpolitikerin – nicht dem altgedienten Ständeherrn.

Protokolliert ist auch, wie sie SP-Chef Christian Levrat an den Karren gefahren ist. Die 24-Jährige politisiert ohne Ehrfurcht vor Parteigrössen. Manchmal provokativ, nie respektlos. Mit Erfolg orchestrierte sie 2017 die Nein-Kampagne der SP Schweiz zur Unternehmenssteuerreform III; auch dank ihren Inputs gelang es der Partei im Abstimmungskampf, die Deutungshoheit zu erlangen.

Auch in Wahlkämpfen weiss sie aufzufallen: Vor den Nationalratswahlen 2015, die ihr den guten vierten Rang auf der SP-Liste einbrachte, verteilte sie Kondome mit der Aufschrift: «Du entscheidest, wer reinkommt.»

Woher kommt dieses Selbstbewusstsein? Das «Jahrhunderttalent», wie ein Parteikollege lobt, verlässt sich auf einen fein justierten moralischen Kompass. Dieser bildet die Basis. Marti hilft eine pragmatisch-positive Lebenseinstellung: «Irgendwie gehts schon. Fast alles, was ich tue, hat vor mir auch schon jemand geschafft.»

Das hilft ihr auch vor Prüfungen an der Uni. Marti hat sich bewusst für ein Wirtschaftsstudium an der Uni Zürich entschieden. Lange haftete linken Politikern der Makel an, von Finanz- und Wirtschaft wenig Ahnung zu haben. Dabei liefere die Volkswirtschaftslehre für das Verständnis des gesellschaftlichen Zusammenlebens wichtige Grundlagen, sagt Marti. «Wenn ich die Welt verändern will, dann dient mir ein Wirtschaftsstudium mehr als ein Deutschstudium.»

Die Ökonomin ist sehr ehrgeizig, aber nicht verbissen. Sie verfügt über eine ausgeprägte gesellige Seite und ein grosses Netzwerk an Freunden und Bekannten. Ist sie im Liestaler Stedtli unterwegs, wo sie wohnt, kann sie keine zehn Meter gehen, ohne in ein Gespräch verwickelt zu werden. Auch trifft sie sich regelmässig in einer Jass-Gruppe zum «Schieber» und «Coiffeur».

Dass sie ab dem 10. Dezember im Nationalrat sitzt, «ist schon ein Einschnitt», sagt die Aufsteigerin. Und das, ohne je vom Volk direkt in ein Amt gewählt worden zu sein. Marti ist Vizepräsidentin der SP Baselland und Präsidentin der Gewerkschaft VPOD Region Basel. Doch im Gegensatz zu fast allen Bundesparlamentariern hat sie bisher weder in einem Orts- oder Kantonsparlament noch in einer Exekutive politisiert. Diese Erfahrung fehlt ihr. Die Fussstapfen, in die Marti tritt, sind riesig: Leutenegger ist eine der einflussreichsten Baselbieter Politikerinnen der letzten Jahrzehnte. Sie weiss, dass sie sich erst beweisen muss.

«Die Menschen denken in Kategorien. Als Jungpolitikerin wird man meist unterschätzt.» Das ist nicht nur ein Nachteil. Samira Marti weiss jedenfalls damit umzugehen.