Eine halbe Milliarde Franken investieren die SBB in den nächsten zehn Jahren in den Vierspurausbau, ein Wendegleis und in drei neue Gebäude. Was die Investitionen für Liestal bedeuten, veranschaulichte Stadtpräsident Lukas Ott gestern vor den Medien mit einem Vergleich: Liestal tätigt im Durchschnitt Investitionen von fünf Millionen pro Jahr. Die Stadt benötigte also ein ganzes Jahrhundert, müsste sie die Infrastruktur am Bahnhof selber finanzieren.

S-Bahn-Züge müssen warten

Darum gehts im Einzelnen: Mit 340 Millionen Franken fliessen rund zwei Drittel der gesamten Investitionen in den Vierspurausbau des Bahnhofbereichs. «Güter, Fern- und Regionalverkehr werden heute in Liestal durch die drei Geleise durchgewurstelt», veranschaulichte die Baselbieter Baudirektorin Sabine Pegoraro. Wegen Kreuzungskonflikten müssen vor allem Güter- und S-Bahn-Züge warten. Mit einem vierten SBB-Gleis gibt es zusätzliche Kreuzungsmöglichkeiten im Bahnhofsgebiet. «Wir wollen zu einem stabileren Fahrplan und wieder zu mehr Pünktlichkeit kommen», sagte Urs-Martin Koch, bei den SBB für die Infrastruktur in der Nordwestschweiz zuständig.

Im Nordosten des Bahnhofs (unweit des neuen Busbahnhofs) wollen die SBB zudem ein Wendegleis bauen, das bis zu 220 Meter lange Züge aufnehmen kann. Das Gleis schafft die Voraussetzung für den Viertelstundentakt bei der Regio-S-Bahn, der 2025 zumindest mal zwischen Basel und Liestal eingeführt werden soll (siehe separater Text rechts). Das Wendegleis schlägt mit 16 Millionen Franken zu Buche. Beide Projekte werden vom Bund finanziert, die entsprechenden Vorprojekte sind genehmigt. Grundsätzlich infrage gestellt wird das Grossprojekt also nicht mehr. Kleinere Anpassungen hingegen bleiben möglich. «Das Geld ist plus minus in trockenen Tüchern», sagte Koch.

Grossbaustelle ab 2019

Zwischen 2019 und 2025 wird der Bahnhof dann zur Grossbaustelle: Wegen des neuen vierten SBB-Gleises muss nicht «nur» das zusätzliche Gleis der Waldenburgerbahn um 12 bis 16 Meter nach Süden verlegt werden; der gesamte südliche Bahnhofsbereich Richtung Sichtern wird völlig neu gestaltet. Einige Häuser wie das Musikhaus Favre müssen abgebrochen, die Oristalstrasse verlegt werden. Der einzige verbliebene Niveauübergang beim Schwieriweg wird aufgehoben: «Etwas anderes ist mit dem vierten Gleis gar nicht möglich. Sonst geht die Barriere wegen der vielen Züge gar nicht mehr auf», sagte Koch bloss halb im Scherz. Ersetzt werden wird der Übergang durch eine Passerelle. Die beiden Bahnhofsunterführungen werden verlegt und zudem vergrössert. Stadtpräsident Ott erhofft sich von der Neugestaltung auch eine bessere Anbindung der südwestlich vom Bahnhof gelegenen Quartiere an die Stadt.

Die Arbeiten werden von den Pendlern Verständnis und Geduld abverlangen: «Jene, die am Bahnhof Liestal zu oder umsteigen, werden gefordert sein», räumt Koch ein. «Sie werden Umwege gehen müssen, auch weil zeitweise nur eine der beiden Unterführungen zur Verfügung stehen wird.» Allerdings sollen die Züge im Vollbetrieb fahren – zumindest tagsüber. Dank des vierten Gleises sei dies möglich. Zu den Randzeiten werde es mit grosser Wahrscheinlichkeit Einschränkungen geben; womöglich werde der Zugsverkehr in der Nacht reduziert oder früher eingestellt, informierte Koch. Es sei ein vordringliches Anliegen Liestals, dass der öV während der Bauphase nicht leide, kommentierte Lukas Ott. Allerdings: Der Betrieb der Waldenburgerbahn muss ein Jahr unterbrochen werden.

Haus für 550 Kantonsangestellte

Neben den Bauarbeiten an den Geleisen investieren die SBB als Eigentümerin bedeutender Grundstücke am und um den Bahnhof kräftig in die Arealentwicklung: Drei neue Gebäude mit Gesamtkosten im «tiefen dreistelligen Millionenbereich» wollen die SBB bauen: Im Bereich der heutigen Park-and-ride-Anlage im Nordosten des Bahnhofs ein Verwaltungsgebäude, in dem dereinst rund 550 Kantonsangestellte arbeiten könnten. Eine entsprechende Absichtserklärung zwischen SBB und Kanton besteht. Das Gebäude soll zwischen 2018 und 2020 gebaut werden.

Näher zum Bahnhof Richtung künftiges Wendegleis ist ein Gebäude mit Dienstleistungsnutzungen geplant. Hierfür habe man noch keinen Vertragspartner, informierte Alexander Muhm, Leiter Development bei SBB Immobilien. Schliesslich soll Liestal ein neues Bahnhofgebäude erhalten. In den oberen Geschossen sind Wohnungen vorgesehen, daneben sähen die SBB im Gebäude gerne ein «Gesundheitscluster» mit Arzt- und Zahnarztpraxen. Das Erdgeschoss soll ähnlich bestückt werden wie das heutige Gebäude: mit dem SBB-Schalter, den Bahndiensten, Verkaufsflächen und einem Café.

Insgesamt wird die Attraktivität des Liestaler Bahnhofs als wichtigster Umsteigeknoten im Baselbiet als auch als Standort für Arbeiten und Wohnen markant gesteigert. Für den Kantonshauptort sind das völlig neue Perspektiven.