Anfang Juni wurde der lange angekündigte Vierspurausbau der SBB in Liestal plötzlich fassbar. Und es machte sich verbreitet Missmut über die vorbereitenden Abholzungen durch die SBB entlang der Bahnborde und die Verkehrsumleitungen mit Staus und Wartezeiten zu den Rushhours breit.

Doch das war erst der Vorgeschmack: Liestal muss in den nächsten sechs Jahren durch ein Tal der Tränen aus Verkehrsbehinderungen, Lärm und Erschütterungen; inklusive Rückbauarbeiten sind es sogar sieben Jahre. Das thematisierten SBB- und Behördenvertreter am offiziellen Spatenstich am Montagmorgen auch. Doch in erster Linie war dieser Anlass eine wohlinszenierte Show mit bestellten Fragen, zu der die SBB fast in Kompaniestärke aufmarschierten.

500 Züge pro Tag

Im Vordergrund stand der Meilenstein, den Vierspurausbau und S-Bahn-Wendegleis für die Region, ja offenbar fürs ganze Land bedeuten. «Die Gesamtsituation der Schweiz hängt stark von der Drehscheibe Liestal ab», sagte etwa Jaques Boschung, Leiter Infrastruktur und Mitglied der SBB-Konzernleitung. Denn hier würden 500 Züge pro Tag oder umgerechnet ein Zug alle zwei Minuten durchfahren.

Auf den 15 Kilometern zwischen Basel und Liestal würden die SBB über eine Milliarde Franken investieren, was ab 2025 den Viertelstunden-Takt, Fahrplan-Stabilität und Pünktlichkeit bringe. Für die beiden letztgenannten Verbesserungen sorgt das neue, vierte Gleis. Es ermöglicht im Raum Liestal bessere Kreuzungsmöglichkeiten von Fernverkehrs- Regio- und Güterzügen.

Ein Knackpunkt ist heute (oben) die Kreuzungsstelle von Zügen, die aus dem Adlertunnel kommen, und Zügen von und nach Frenkendorf. Abhilfe soll das vierte Gleis schaffen, das ein drittes Perron im Liestaler Bahnhof bedingt (unten).

Vierspurausbau Liestal

Ein Knackpunkt ist heute (oben) die Kreuzungsstelle von Zügen, die aus dem Adlertunnel kommen, und Zügen von und nach Frenkendorf. Abhilfe soll das vierte Gleis schaffen, das ein drittes Perron im Liestaler Bahnhof bedingt (unten).

Den Viertelstunden-Takt zwischen Liestal und Basel garantiert das neue Wendegleis in Liestal, zusammen mit Entflechtungsarbeiten in Pratteln und Muttenz sowie Änderungen beim Einfahrtsregime in den Basler Bahnhof. «Die Taktverdichtung braucht es auf jeden Fall, weil die Mobilität in den nächsten 20 Jahren um bis zu 50 Prozent steigt», betonte die Ende Monat abtretende Baselbieter Baudirektorin Sabine Pegoraro. Und das sei auch der Startschuss für eine trinationale S-Bahn, die bis in 20 Jahren überall im Viertelstunden-Takt verkehre.

Auf die Frage, welche SBB-Projekte ihr denn am meisten am Herzen lägen, verwies die Regierungsrätin auf das Basler Herzstück im Dreieck Bahnhof SBB, Badischer Bahnhof und Bahnhof St. Johann, den Doppelspurausbau im Laufental und den Euro-Airport-Anschluss ans Schienennetz.

Gleichzeitig mit den SBB baut – respektive erneuert – auch die Baselland Transport AG (BLT) die Gleise für die Waldenburgerbahn (WB), die sich durch das vierte SBB-Gleis und das neue Mittelperron im Bahnhof Liestal nach Süden ins Oristal verschieben. Spätestens ab Dezember 2021 wird die WB deshalb für etwa ein Jahr auf Busbetrieb umgestellt, eventuell aber schon früher, weil ab April 2021 der Bahnhof Waldenburg neu gebaut werde, kündete BLT-Direktor Andreas Büttiker an. Die BLT sei derzeit am Prüfen, ob die Ersatzbusse zu Spitzenzeiten im 7,5-Minuten-Takt fahren könnten.

Ein Freudentag für Spinnler

Doch damit noch nicht genug. Von Ende 2022 bis Ende 2025 bauen die SBB den neuen Liestaler Bahnhof samt Anbauten. Das Hochhaus soll ab 2025 folgen. Für das alles wollen die SBB Immobilien rund 100 Millionen Franken investieren. Damit folgten die SBB einem Auftrag des Bundes, Liegenschaften und Grundstücke nachhaltig weiterzuentwickeln, argumentierte Konzernleitungsmitglied Boschung. Dies mit der Folge, dass die SBB Immobilien jährlich Ausgleichszahlungen von 150 Millionen Franken an die SBB leisten und damit den Steuerzahler entlasten würden.

Und was sagt Stadtpräsident Daniel Spinnler zu all den bevorstehenden Lasten und Freuden für Liestal? Für ihn sei der Spatenstich ein Freudentag nach dem Debakel mit der Tieflage und dem nachfolgenden Stillstand. Aber die kommenden Jahre seien mit den SBB-Baustellen und ihren Beeinträchtigungen für Liestal eine Herausforderung. Damit einher gingen auch noch die Neubau-Planungen von Post, Allee, Lüdin-Areal, Gerichtsgebäude sowie zahlreiche Quartierpläne. Spinnler: «Die Koordination ist sehr anspruchsvoll.»

Die SBB-Show endete auf dem Installationsplatz beim Liestaler Bahnhof mit einem entrollten Riesentransparent mit der Aufschrift «Vierspurausbau und Wendegleis Liestal».