Öffentlicher Verkehr

SBB-Zickzack-Kurs sorgt für Ärger

Quo Vadis? Eine S3 im Bahnhof Liestal.

Quo Vadis? Eine S3 im Bahnhof Liestal.

Für den 15-Minuten-Takt ist die Strecke Liestal - Basel erst zu entflechten. Doch plötzlich stellen die SBB Terminierung und Finanzierung infrage. Baselland ist irritiert und die SBB krebsen zurück.

Ruedi Riesen ist besorgt: «Die SBB geben sich bedeckt, ja geheimnisvoll», sagt der Liestaler Stadtrat. Fakt ist: Um die Pünktlichkeit zu verbessern und auf der Linie Basel - Liestal den 15-Minuten-Takt zu ermöglichen, planen Bund und SBB im Raum Liestal Über- oder Unterwerfungen. Dank dieser Entflechtungsbauwerke sollen abzweigende Geleise die Stammlinie nicht länger kreuzen müssen. So sei die Trasseekapazität zu erhöhen. Denn Züge aus der Gegenrichtung müssen nicht mehr gestoppt werden, wenn eine entgegenkommende Komposition abzweigt.

Gegen 170 Millionen Franken sind für das Bauwerk eingerechnet und mit dem Bundesgesetz über die zukünftige Entwicklung der Bahninfrastruktur (ZEBG) abgesegnet worden. Rund vier Jahre sind seit den ersten Beschlüssen vergangen. Doch seither herrscht aus Bundesbern Stillschweigen. «Der Informationsfluss läuft nicht gut», findet Riesen. «Es hat sich gezeigt, dass die SBB teilweise auch intern keine Ahnung haben. Das Ganze ist etwas mühsam.» Ähnlich ergeht es Markus Meisinger von der Baselbieter Bau- und Umweltschutzdirektion: «Eigentlich haben wir einen guten Dialog mit den SBB», sagt der kantonale öV-Beauftragte. «In diesem Fall aber ist es schwierig. Wir wissen kaum etwas Konkretes.» Nur so viel ist klar: Das Projekt wird für die Stadt einen «wesentlichen Eingriff» bedeuten.

SBB bedauert Eindruck der Funkstille

Sollte bei den Behörden der Eindruck einer anhaltenden Funkstille entstanden sein, werde das von den SBB bedauert. Aber: Die Planungen hätten sich als sehr komplex erwiesen, erklärt Mediensprecher Roman Marti. Im Rahmen einer Objektstudie würden derzeit verschiedene Varianten hinsichtlich Kosten sowie baulicher und technischer Machbarkeit vertieft. Kommuniziert aber werde erst, wenn die favorisierten Varianten definitiv feststehen. Marti lässt einzig durchblicken, dass von einem Entflechtungsbauwerk Liestal Nord die Rede sei, das Projekt also zwischen Liestal und Frenkendorf geplant wird.

«Uns sind auf Anfang Jahr endlich Informationen versprochen worden», sagt Stadtrat Riesen. «Wir sind auf Nachfrage aber einmal mehr vertröstet worden.» Und das, obwohl auf grossen SBB-Streckenabschnitten durch Liestal massive Auswirkungen für die Stadt zu erwarten seien. So sollen zu den bestehenden zwei Geleisen nochmals eines bis zwei hinzukommen. Um sie kreuzungsfrei zu gestalten, müssten Brücken, Viadukte oder Tunnel gebaut werden. «Die Gleisanlagen werden viel grösser und grundlegend neu gestaltet», stellt öV-Beauftragter Meisinger klar. «Rund um den Bahnhof wird eine ganz neue Landschaft entstehen.»

SBB hat Landstreifen aufgekauft

Die SBB hätten entlang der gesamten Strecke südlich der Geleise einen Landstreifen aufgekauft, der nochmals für zwei Geleise Platz bieten würde, erzählt Riesen. «Es wurde aber schon mal angetönt, dass das Bahnhofgebäude wegkommen könnte», so der Liestaler Bauchef. «Vielleicht müssen sie den Bahnhof auch absenken.» Von den SBB wird dies allerdings nicht bestätigt. Doch auch Meisinger geht davon aus, dass der Bahnhof selber von dem Grossprojekt ebenfalls tangiert sein wird. Und Riesen ergänzt: «Uns wurde eine Bauzeit von insgesamt sieben Jahren angekündigt.» Die neuen Brücken oder Tunnels müssten schliesslich unter Vollbetrieb auf der Strecke gebaut werden. Das schätzt der kantonale öV-Beauftragte genau gleich ein: «Und weil es bisher das Ziel ist, etwa im Jahr 2020 den Viertelstundentakt einzuführen, müsste das Projekt allmählich gestartet werden», betont Meisinger.

Ganz anders sieht man das bei den SBB: «Im Referenzszenario gemäss Botschaft FinÖV ist die Inbetriebnahme per 2030 vorgesehen», sagt SBB-Sprecher Marti. Die SBB wollen aber ein Hintertürchen offen halten: Sollten die betroffenen Kantone bereit sein, das Projekt vorzufinanzieren, dann sei es denkbar, dieses um bis zu fünf Jahre vorzuziehen. Denn die weiteren Planungsschritte würden im Wesentlichen von der Finanzierbarkeit der favorisierten Variante abhängen, heisst es zuerst.

Verwunderung und Kopfschütteln

Im Baselbiet lösen diese Aussagen Verwunderung und Kopfschütteln aus: «Wir sind überrascht. Bisher hiess es, dass die Entflechtungen auf der Strecke Basel - Liestal prioritär seien», betont Meisinger. Dies habe Bundesrätin Doris Leuthard erst gerade wieder bestätigt. «Da ist es schon merkwürdig, dass die SBB nun plötzlich wieder von einem späteren Realisierungszeitpunkt sprechen.» Immerhin habe das Parlament das Projekt bereits 2009 bewilligt. Nun gelte es, dieses auch rasch umzusetzen. Meisinger: «Wir finden es bedenklich, wenn es jetzt wieder auf die lange Bank geschoben werden sollte.»

Diplomatisch zeigt sich Regierungsrat Jörg Krähenbühl: «Angesichts der langen Planungsprozesse und möglicher Einsprachen ist die Inbetriebnahme im 2020 mittlerweile wohl kaum mehr zu erreichen.» Jedes Jahr früher als 2030 aber sei wünschenswert. Deutliche Worte allerdings gebraucht Krähenbühl, wenn es um die Kosten geht: «Eine Vorfinanzierung unsererseits steht ausser Diskussion.» Aus Sicht von Abteilungsleiter Meisinger ist das auch gar nicht nötig: «Das Parlament hat die Gelder bereits gesprochen», stellt er klar. Und weil der FinÖV-Fonds durch die Neat-Ausbauten stark belastet sei, habe die Verkehrsministerin ja eben angekündigt, neue Finanzierungsquellen anzapfen zu wollen. «Da ist es schon etwas irritierend, wenn uns die SBB nun plötzlich zusätzlich zur Kasse bitten wollen.» Offenbar bestehe hier doch noch einiger Klärungsbedarf.

Kurz vor Redaktionsschluss die Wende: Die Recherchen des «Sonntags» hätten ein «heftiges Hin und Her» ausgelöst. Ergebnis: Die SBB nehmen alles zurück, sprechen von einem Missverständnis. Von 2030 ist nicht mehr die Rede. «Angesichts der weiteren Verfahrensabläufe und der Bauzeit dürfte eine Inbetriebnahme bis 2025 aber realistischer sein als 2020», sagt SBB-Sprecher Marti nun. Auch eine Vorfinanzierung durch die Kantone ist plötzlich kein Thema mehr.

In «den nächsten Monaten» wollen die SBB die Behörden über den Projektstand informieren. Endlich. Denn weiterhin sind mehr Fragen offen als geklärt.

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