Es muss sich um einen Zeitgenossen der dümmeren Sorte gehandelt haben, der auf die Idee kam, mit einer Feuerwaffe die Spitze der Kirche St. Stephan in Therwil zu beschiessen. Aber wegen dieses Schusses ist ein Schatz ans Tageslicht gelangt. So hat die Dummheit auch ihr Gutes.

Das Einschussloch fiel Handwerkern auf, die gerade mit Sanierungsarbeiten beschäftigt waren. Das Loch klaffte auf der Unterseite der suppenkesselgrossen Kugel, die auf dem Kirchturm thront. Angela Wenger vom Architekturbüro Flubacher Nyfeler Partner, das mit der Sanierung beauftragt wurde, erinnert sich: «Wir kamen zum Entschluss, die Spitze mit Kugel und Kreuz abzumontieren und genauer anzuschauen, ob sie überhaupt noch stabil ist.» Zwar sei bekannt gewesen, dass sich in der Kugel eine Metallröhre mit Dokumenten befindet, eine sogenannte Zeitkapsel. «Es war trotzdem ein spannender Moment, als wir die Kapsel öffneten – und die Freude riesengross: Die Dokumente waren praktisch unversehrt.»

Drohnen-Video der Remontage der Turmkugel auf der Kirche St. Stephan in Therwil

Die laut Eigentümer höchste Hebebühne der Schweiz bringt die Turmkugel auf 46 Meter Höhe. Mit dabei: eine Drohne.

Video zur Verfügung gestellt von Eneas Vogel aus Therwil.

Text mit Sichtschutz verdeckt

Seit gestern ist die Kugel wieder an ihrem angestammten Platz, auf 46 Metern Höhe. Mit einem frischen aufgetragenen Goldgewand und einer neuen, zweiten Zeitkapsel im Innern. Um halb zehn Uhr vormittags verschraubten Arbeiter die Kugel auf der Spitze der 400 Jahre alten Kirche, beobachtet von gut 70 Schaulustigen am Boden. Die höchste Hebebühne der Schweiz brachte die Handwerker an ihren luftigen Arbeitsplatz.

Der Inhalt der zweiten Kapsel: mehrere Papiere, darunter ein Baubeschrieb zum Sanierungsprojekt, Wünsche von Einwohnern, aber auch Wissenswertes über Therwil, etwa zu aktuellen Bauvorhaben sowie Statistiken zur Einwohnerentwicklung, zu den Gemeindefinanzen und zur Zahl der Kirchenmitglieder.

Was jedoch genau auf den Papierbögen steht, die gestern in die Kapsel eingeschweisst wurden, das bleibt geheim. Architekt Jörg Bucher, der das Sanierungsprojekt leitet, verbarg mit einem Abdeckblatt die Schriftstücke, bevor er diese zusammenrollte und in die Röhre steckte. «Für diejenigen», sagte Bucher, «die in 50, 60 Jahren wieder die Ehre haben, die Kapseln zu öffnen, soll es doch auch ein wenig spannend sein.»

USB-Stick zu unsicher

Kurz zuvor galt es für alle an der Sanierung Beteiligten Unterschriften zu üben. Die Dokumente hatten sauber gezeichnet zu sein – dafür kam Eisengallustinte zum Einsatz. Sie war schon im Mittelalter gebräuchlich. Mit der Stahlfeder bekundeten aber viele Schreiber Mühe. Für sie lag als Ersatz ein Füllfederhalter parat. Er wurde rege beansprucht.
«Erst hatten wir die Idee, einfach einen USB-Stick mit Daten in die Kugel zu legen», sagte Ralf Kreiselmeyer, Leiter der Römisch-katholischen Kirchgemeinde Therwil/Biel-Benken. «Aber dann gab es rasch Bedenken. Wird der Chip in fünfzig Jahren überhaupt noch lesbar sein? Geht er kaputt? Rasch kamen wir zum Fazit, beim guten alten Papier zu bleiben.»

Die Geschichte gibt Kreiselmeyer Recht. Die alten Dokumente, die in der Goldkugel eingeschlossen waren, haben die Jahrzehnte gut überstanden. In der alten Zeitkapsel fanden sich drei Papierbögen aus früheren Kirchenrenovationen der Jahre 1886, 1922 und 1962. Älter können die Dokumente kaum sein, die Turmspitze ist im Vergleich zum frühbarocken Hauptbau jüngeren Datums. Zwar begannen die Bauarbeiten für St. Stephan 1627 – in Europa tobte der Dreissigjährige Krieg –, den spitzen Turmhelm erhielt das Gotteshaus jedoch erst im Jahr 1827.

Vom letzten Verschluss vor 56 Jahren meldete sich auch ein Beteiligter zu Wort, per Brief. Es ist Ernst Mauchle. Eines der Hobbys des Juristen: Kunstschriften. Mauchle kannte den damaligen Organisten der Kirche. Der fragte Mauchle, ob er eine Abhandlung abschreiben könne. Mauchle sagte zu – entstanden ist ein kunstvoller Text in Gotischer Schrift.

Sonne, Regen, Frost überstanden

Als Mauchle vom Fund seines Schriftdokuments erfuhr, schrieb er der Kirchgemeinde einen Brief. «Ich habe mich oft beim Vorbeifahren in Therwil gefragt», heisst es im Schreiben, «wie es wohl dem erwähnten Dokument in der Turmkugel in all den Jahren bei Sonne, Regen und Frost ergehen würde.» Nun habe er ja die Bestätigung, dass es noch existiere. «Darob freue ich mich sehr.»

Mauchles Text ist relativ gut lesbar. Die älteren Dokumente jedoch sind für Laien kaum entzifferbar. Die kantonale Denkmalpflege hat sich ihnen angenommen.

Mit dem gestrigen Aufsetzen ist die achtmonatige Sanierung der Aussenhülle beendet. Im April 2019 beginnen die Arbeiten im Innern der Kirche, die unter Denkmalschutz des Bundes und des Kantons steht. Sie dauern wohl bis in die Adventszeit. Es wird mit Gesamtkosten von 2,3 Millionen Franken gerechnet.

Ein Geheimnis hat die Kugel gestern wieder mit nach oben genommen. Ungeklärt bleibt, wann der Schuss abgegeben wurde und aus welcher Art von Waffe. Angela Wenger sagt, in der Kugel habe sich zwar allerlei Staub, Dreck und anderes Material befunden. «Eine Patronenkugel oder Spuren davon gab es jedoch keine.» Damit nicht genug: «Wir fanden auch kein Austrittsloch.»