Vielleicht taucht die Autobus AG Liestal (AAGL) eines Tages als Beispiel in den Lehrbüchern auf, wie man den eigenen Ruf innert Jahresfrist ruinieren kann. Neustes Kapitel sind zahlreich verärgerte Pendler ausgerechnet auf der AAGL-Paradelinie Liestal-Reigoldswil (70er-Linie). In den vier Wochen seit der Fahrplanänderung sind beim Busunternehmen rund 100 Reklamationen eingegangen, wie Simon Dürrenberger, Leiter Markt, auf Nachfrage sagt. Das sei aussergewöhnlich und in dieser Zahl noch nie der Fall gewesen. Ein weiteres Dutzend hat sich beim Kanton beschwert, der die neuen Abfahrtszeiten des 70er-Busses in Liestal und Reigoldswil als Leistungsbesteller mitzuverantworten hat.

Das dürfte jedoch nur die Spitze des Eisbergs sein, denn erfahrungsgemäss machen die meisten bei Angebots-Verschlechterungen resigniert die Faust im Sack. Und dass die Verbindungen vom Hinteren Frenkental in Richtung Zürich/Luzern und umgekehrt schlechter geworden sind, bestreitet auch Dürrenberger nicht: «Die Situation ist unschön. Auf der einen Seite haben wir jetzt weniger Verspätungen, auf der andern Seite etliche frustrierte Fahrgäste.»

Der Frust nach dem Spurt

Einer davon ist Remo Suter aus Reigoldswil. Der Informatiker pendelt regelmässig nach Zürich. Er sagt: «Mein Arbeitsweg dauert jetzt etwa eine halbe Stunde länger pro Tag. Ärgerlich wird es, wenn ich abends um sieben Uhr oder später in Liestal ankomme. Dann gehts länger, weil ich allein schon hier eine halbe Stunde warten muss.» Ganz ärgerlich werde es ab 23 Uhr. Dann müsse er 50 Minuten auf den Bus warten, vor der Fahrplanänderung hatte er in Liestal nahtlosen Anschluss nach Reigoldswil. Vorgestern meinte Suter, Glück zu haben.

Sein Zug kam in Liestal eine Minute zu früh an, das heisst eine Minute vor Abfahrt des Busses. Suter rannte unter der Unterführung durch und die Treppe beim Pronto-Shop hoch. Als er oben ankam, musste er mitansehen, wie der 70er-Bus vis-à-vis von seiner neuen Abfahrtsstelle vor der Migros-Bank gerade losfuhr, die durch das geänderte Abfahrtsregime notwendig gewordene Schlaufe vor dem Emma-Herwegh-Platz drehte und dann vor seiner Nase vorbeibrauste in Richtung Reigoldswil. «Solche Situationen sind besonders frustrierend», kommentiert Suter.

Eine junge Reigoldswilerin, die nach Solothurn pendelt und ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will, verliert mit der Fahrplanumstellung pro Arbeitstag gar eine Stunde. Am Morgen muss sie eine halbe Stunde früher auf den Bus, am Abend fährt ihr Zug von Olten her zwei Minuten nach Abfahrt des 70er-Busses in Liestal ein.

Aber auch Richtung Basel ist nicht alles besser, wie die AAGL im November gegenüber der bz suggerierte. So dauert der Arbeitsweg der Reigoldswiler Lehrerin Michaela Rossbach Epple, die in Pratteln arbeitet, am Morgen mit dem neuen Fahrplan zehn Minuten länger. Mehr ärgert sie aber, dass sie jetzt nach der Chorprobe in Rheinfelden in Liestal jeweils über eine halbe Stunde auf den Bus warten muss, was mit dem alten Fahrplan nicht der Fall war. Und das spät abends, wenn der SBB-Wartsaal am Bahnhof Liestal schon längst geschlossen ist. In diesem kann sich werktags ab 18.30 Uhr niemand mehr aufwärmen, sonntags öffnet er schon gar nicht.

Fahrplanstabilität über allem

Rossbach hat ihre Bedenken zu den Änderungen bei der 70er-Linie wie drei weitere Privatpersonen, die Gemeinden Bubendorf, Reigoldswil und Titterten, die Firma Bachem sowie die EVP bereits bei der Fahrplanvernehmlassung im letzen Juni angemeldet. Bewirkt haben die Eingaben aber wenig. Für AAGL und Kanton habe die Fahrplanstabilität bei der Änderung oberste Priorität gehabt, sagen Dürrenberger und Dominic Wyler, Verkehrsplaner beim Kanton, unisono. So wurde die Wendezeit des 70er-Busses in Reigoldswil auf vier Minuten verdoppelt und die Fahrzeit von Liestal nach Reigoldswil und umgekehrt um eine Minute auf 24 Minuten verlängert. Dies bedingte neue Abfahrtszeiten. AAGL und Kanton wollen nun die eingegangenen Reklamationen, aber auch die Erfahrungen mit dem neuen Regime in die Diskussionen um den Fahrplan 2019 einfliessen lassen. Dürrenberger: «Es ist möglich, dass es zu Änderungen kommt.»

Der jetzige Pendler-Aufruhr im Hinteren Frenkental ist die Fortsetzung der Negativschlagzeilen, die die AAGL seit letztem Frühjahr provozierte: Krach mit dem grössten Aktionär, dem Kanton, weil die AAGL dessen Verwaltungsratskandidaten ablehnte; teures Umspritzen der Busse in einen etwas andern Gelbton, was kaum jemand verstand; Verärgerung von etlichen Liestalern inklusive Behörden, weil der Name Liestal aus der Busaufschrift gestrichen wurde; Druck von der BLT, die behauptet, die AAGL-Buslinien günstiger betreiben zu können, was im Dezember in einer Sparvorgabe der Regierung endete.