Verlassene Eltern

«Schlimmer, als wenn das Kind stirbt» – wenn Kinder den Kontakt zu ihren Eltern abbrechen

In Basel gibt es neu eine Selbsthilfegruppe für verlassene Eltern. Gespräch mit dem Gründerehepaar Isolde und Markus Lüthi bei ihnen zuhause in Aesch.

In Basel gibt es neu eine Selbsthilfegruppe für verlassene Eltern. Gespräch mit dem Gründerehepaar Isolde und Markus Lüthi bei ihnen zuhause in Aesch.

Wie leben Eltern, deren Kinder jeglichen Kontakt zu ihnen abgebrochen haben? Das Ehepaar Isolde und Markus Lüthi weiss es. Vergangenen Sommer kündigten ihnen die Töchter in Abschiedsbriefen die Liebe.

Das eigene Kind zu verlieren, ist für Eltern die wohl grösste Angst überhaupt. Stirbt ein Kind, dann müssen Eltern früher oder später Abschied nehmen und lernen, loszulassen. Aber was passiert mit Elternpaaren, die von ihren Kindern verlassen werden?

«Der Schmerz ist schlimmer, als wenn mein Kind gestorben wäre», sagt Isolde Lüthi. «Nun sind wir im Schlechten auseinandergegangen.» Die 66-Jährige lebt mit ihrem Mann Markus und dem Golden Retriever Baya in Aesch. Die Lüthis waren einst eine Patchworkfamilie: Markus Lüthi bringt eine Tochter aus erster Ehe mit, Isolde Lüthi hat zwei Töchter aus erster Ehe. Vier Grosskinder haben ihnen ihre Kinder geschenkt, Jungs im Alter von drei bis elf Jahren. Noch bis vor Kurzem sind sie im Haus herumgetobt, haben ihr Spielzeug auf dem Steinboden ausgebreitet.

Beim Besuch der «Schweiz am Wochenende» ist es ruhig im Einfamilienhaus in Aesch. Eine Familie, das sind die Lüthis nicht mehr. Letzten Sommer ist das früher so harmonische Gebilde auseinandergebrochen. «Es war ein Schock», sagt Isolde Lüthi heute.

In jenem Sommer 2018 ist das Ehepaar während vier Wochen in Norwegen unterwegs. Es bleibt mit den Töchtern der Frau stets via Whatsapp in Kontakt; Fotos und Nachrichten werden ausgetauscht. Eines Ferientages aber werden die Mitteilungen an die Kinder nicht mehr zugestellt, die Töchter sind nicht erreichbar. «Wir haben uns wahnsinnige Sorgen gemacht. Erst dachten wir, es sei jemand gestorben», erzählt die Mutter.

Die Frage nach dem Warum

Vom einen auf den anderen Tag werden die Eltern aus dem Leben ihrer Kinder gestrichen. Zuhause findet das Ehepaar zwei Abschiedsbriefe vor. Für die Mutter bricht eine Welt zusammen. «Ich habe nur noch geweint, tagelang.» Heute sagt sie: Wäre ihr Mann nicht für sie da gewesen, hätte sie sich von einer Brücke gestürzt. Es ist der grösste Rückschlag im Leben einer Frau, die bereits wegen eines Burnouts behandelt wurde und in früherer Ehe mit einem manisch-depressiven Mann verheiratet war.

Was war passiert? Im Rahmen einer Traumatherapie reflektiert die jüngere Tochter im Alter von 38 Jahren ihre Kindheit. Sie entdeckt Probleme, macht ihrem Stiefvater und ihrer Mutter in ihrem Abschiedsbrief Vorwürfe. Ihre Schwester solidarisiert sich mit ihr, bricht den Kontakt zu den Eltern ebenfalls ab.

Was genau ihrem damaligen Mann vorgeworfen wird, weiss Isolde Lüthi nicht. Sie kann auch nicht mit Bestimmtheit ausschliessen, dass ihr Ex-Mann ihrer Tochter etwas angetan hat. Allfällige Delikte wären mittlerweile verjährt. Doch seit dem Abschiedsbrief der Tochter hinterfragt Isolde Lüthi regelmässig sich selber und ihre Erziehung. «Ich frage mich ständig, was ich falsch gemacht habe.» Die Ungewissheit nagt an ihr. Lieber wäre sie von ihrer eigenen Tochter angezeigt worden. «Dann wüsste ich wenigstens, was sie mir vorwirft.»

Mit der Traumatherapie ihrer Tochter gehen die Eltern hart ins Gericht. Das Vorgehen des Therapeuten, gezielt «Wahrheiten aus der Kindheit» ans Tageslicht zu bringen, sorgt beim Ehepaar für Konsternation. Schliesslich sei es der Therapeut gewesen, welcher der Tochter den Kontaktabbruch nahegelegt hatte. «Drei Familien wurden damit aus dem Gleichgewicht gebracht», sagen die Lüthis. Die Verantwortung des Therapeuten sei riesig. Dennoch müsse er die Konsequenzen für sein Handeln nicht tragen.

Wie das Paar betont, sei es nicht das erste, das durch eine Traumatherapie von seinen Kindern getrennt wurde. So habe der «Beobachter» kürzlich berichtet, wie im Kanton Thurgau das Verfahren gegen einen Familienvater eingestellt wurde, nachdem ihn seine Tochter im Wahn der Vergewaltigung bezichtigte. Dass sich auch diese Frau in einer Traumatherapie befand, ist für die Lüthis ein weiterer Beleg für die Obskurität der Therapie.

Kinderfotos entsorgt

Angespannt sitzt das Ehepaar am Küchentisch, die Stirn in Falten, den Kummer in den Augen. «Dass wir die Grosskinder nicht mehr sehen dürfen, tut besonders weh», sagt Markus Lüthi. Der ehemalige Lehrer kennt die Töchter seiner Frau, seit sie 10 und 12 Jahre alt sind. Die Heirat mit Isolde liegt nun schon 25 Jahre zurück. Es ist auch seine Familie, die kaputtgegangen ist.

Die Trauerphase sei nun überstanden, betonen beide. Sie hätten Abschied genommen. Die Hoffnung auf eine Versöhnung haben sie mittlerweile aber aufgegeben. Gesprochen oder gesehen haben sie ihre Kinder seit letztem Sommer nicht mehr. Drei verschiedene Anwälte stehen den Eltern zur Seite, beraten sie in Rechtsfragen. Mehrere tausend Franken hat sie diese Rechtsberatung mittlerweile gekostet. Das Geld, das sie ihrer Tochter zum Bau deren Einfamilienhauses geliehen hatten, werden sie wohl wie ihre Kinder nicht mehr sehen. «Wir können es uns nicht leisten, rechtlich gegen sie vorzugehen», sagen sie.

Sämtliche Kinderfotos, Spielzeug ihrer Grosskinder und sonstige Erinnerungsstücke haben sie in Kisten gepackt und auf dem Vorplatz vor dem Haus ihrer Tochter deponiert. «Wir brauchen einen Schlussstrich. Nur so können wir uns ein eigenes Leben aufbauen», so Markus Lüthi.

Doch das Paar merkt auch: Mit Mitte sechzig noch einmal neu anfangen, das ist schwierig. Den Tag wie andere Pensionierte gemütlich zuhause zu verbringen, bereitet ihnen Mühe. Zu viele traurige Gedanken kommen auf, zu lähmend sind die Erinnerungen an früher. Es sei in erster Linie das Sprechen über den Verlust, das ihnen bei der Bewältigung der Situation helfe.

Deswegen will das Paar mit Betroffenen in Kontakt treten. «Wir möchten andere Leute im Trauerprozess begleiten», sagt Isolde Lüthi. In Zusammenarbeit mit dem Zentrum Selbsthilfe gründet das Ehepaar nun eine Selbsthilfegruppe, damit verlassene Eltern ihre Scham ablegen und sich austauschen können.

Als Ehepartner habe sie der Verlust der Kinder zusammengeschweisst, erzählen die Lüthis. Die Beziehung gibt dem Paar Halt. Die andere grosse Stütze ist die Kirche: Beide glauben an einen Gott, der sie in dieser schwierigen Zeit unterstützt hat.

Die Gespräche mit Seelsorgern und Psychiatern waren ausschlaggebend dafür, dass die Eltern nun versuchen, das Beste aus ihrer Situation zu machen. Markus Lüthi engagiert sich in der neuapostolischen Kirche. Seine Frau hat durch den Schicksalsschlag wieder mehr Kontakt zu ihrer eigenen Mutter. Manchmal huscht gar ein Lächeln über ihr Gesicht. Dann zum Beispiel, wenn sie vom Training mit Hündin Baya erzählt, die friedlich döst.

Die Hündin ist das einzige Familienmitglied, welches den Lüthis bleibt.. Die Lücke, welche die Kinder und Grosskinder hinterlassen haben, wird sie indes nie schliessen können. Eltern sind Isolde und Markus Lüthi schliesslich auch ohne Kinder geblieben.

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