Adrian Jaton sitzt am runden Tisch in seiner Gaststube. Mit beiden Händen hält er sich an einem Stift fest. Immer wieder lässt er los, bedeckt sein Gesicht und fährt sich durch die Haare. Alle paar Minuten vibriert sein Handy mit Nachrichten und Anrufen. «Um elf Uhr habe ich die Pressemitteilung verschickt und sie auf Facebook gepostet», erzählt er. Seitdem laufen die Leitungen heiss.

Jaton muss nach fast zehn Jahren seinen Gasthof Schlüssel aufgeben. «Alle Gastronomen in diesem Tal müssen kämpfen, es hat ein extremer Strukturwandel stattgefunden», erklärt er. Firmen zogen weg, mit ihnen die zahlenden Mittagsgäste. Doch nicht die schlechte Ausgangslage hat Jaton all seine Kräfte gekostet, sondern eine nicht enden wollende Pechsträhne im vergangenen Jahr. Viele Personalwechsel, ein gestohlenes Service-Portemonnaie, eine beschädigte Kaffeemaschine und ein Geschäftsauto, das plötzlich nicht mehr fährt. «Das war ein Krimi, es ist kaum zu glauben», so Jaton. Letzten Monat reichte der Lernende, der im Sommer drei Monate lang den verunfallten Küchenchef ersetzt hatte, die Kündigung ein. «Es hat zwischenmenschlich nicht mehr gestimmt, das nehme ich auf meine Kappe», erzählt Jaton.

Vor dem Herzinfarkt aufhören

Zu all den geschäftlichen Schwierigkeiten bekam Jaton die Nachwirkungen des Konkurses der Brauerei Baselbieter Bier zu spüren (siehe Box). Er war bei dem Start-up als Verwaltungsrat tätig, viele seiner Stammkunden besassen Aktien. Vom Konkurs des Unternehmens erfuhren sie über die Medien. Die Wut war bei manchen so gross, dass sie einen Bogen um den «Schlüssel» machten. Jaton verlor noch mehr Einnahmen. «Wir wollten informieren, hatten aber zu dieser Zeit keinen Zugriff mehr auf die Kontaktdaten», erklärt Jaton. Er könne die Reaktion bis zu einem gewissen Grad verstehen, «aber wir reden nicht von Hauptaktionären, sondern meist von 100 bis 200 Franken».

Es sei für ihn sehr schwer gewesen, die Reissleine zu ziehen, erzählt Adrian Jaton. Er habe mehrere Wochen gebraucht, um sich einzugestehen, dass es so nicht mehr weiter gehen könne. Am Ende habe er 16 Stunden täglich gearbeitet, praktisch kein Sozialleben mehr gehabt. «Ich muss aufhören, bevor ich einen Herzinfarkt bekomme. Der Schlüssel war nicht nur meine Arbeit, sondern auch meine Freizeit und meine Frau.» Eine Frau, die Jaton offensichtlich sehr geliebt hat. Am meisten habe es ihm wehgetan, seinem Chefkoch die Kündigung auszusprechen. «Ich habe geweint und musste am Abend wieder lustig sein und die Gäste bewirten.» Was ihn gehalten habe, seien sein Bruder und seine besten Freunde gewesen.

Heute kann Jaton positiver in die Zukunft schauen. «Ich habe so viele schöne Momente im ‹Schlüssel› erlebt: Geburtstagsfeste, Hochzeiten, Partys», schwärmt er. Neben dem Gasthof werde er auch seine Gäste vermissen. Mit ihnen will er am 28. Dezember «Austrinkete» feiern. «Die Zeit im ‹Schlüssel› hat ein würdiges Ende verdient», so Jaton. Er hat vor, nach Langenbruck zu ziehen, bereits im Frühling hat er eine neue Stelle in Aussicht. In der Gastronomie bleibt er, selbstständig will Jaton allerdings nicht mehr sein. Er freut sich darauf, wieder mehr Zeit für sich zu haben. «Ich will wieder mit Freunden einen Rotwein trinken, würde gerne jodeln oder in einem Theaterstück mitspielen.»

Der «Schlüssel» wird auch ohne ihn weiterbestehen, da ist sich Jaton sicher. Auch wenn die Spezialität des Hauses, das «Jaton Briand», im nächsten Jahr nicht mehr auf der Karte steht.