Alternativ

Schule ohne Unterricht und Lehrer zieht nach Arlesheim

In der demokratischen Schule Fokus bestimmen die Schüler selbst, wie sie sich beschäftigen. Als Mitglieder der Schulversammlung nehmen sie auch Einfluss auf die Organisation und tragen Verantwortung. Nächstes Jahr zieht die Schule von Bottmingen nach Arlesheimzvg/Schule Fokus

In der demokratischen Schule Fokus bestimmen die Schüler selbst, wie sie sich beschäftigen. Als Mitglieder der Schulversammlung nehmen sie auch Einfluss auf die Organisation und tragen Verantwortung. Nächstes Jahr zieht die Schule von Bottmingen nach Arlesheimzvg/Schule Fokus

Die private demokratische Schule Fokus braucht Platz. In Arlesheim ensteht daher gerade ein Gebäude, dass den vielfältigen Ansprüchen der Institution gerecht werden soll. Das Interesse am Lehrangebot wächst.

Es war schweizweit die erste Schule ihrer Art: Die demokratische Tagesschule Fokus in Bottmingen bietet Kindern seit 2013 die Möglichkeit, selbstbestimmt zu lernen. Seit der Gründung ist die Privatschule in einem Provisorium untergebracht. Mit 22 Schülerinnen und Schülern und fünf Mitarbeitenden stösst sie an ihre Kapazitätsgrenzen. Deshalb zieht sie nach Arlesheim um. Am Malsmattenweg entsteht das neue Zentrum X, ein multifunktionales Gebäude für Arbeit, Bewegung und Lernen. Der Umzug soll Ende nächstes Jahr vonstattengehen. Am Mittwoch legen Schüler und Mitarbeitende zusammen den Grundstein für das neue Gebäude.

Schüler bestimmen selbst

Die Schule Fokus kommt ohne zwei urschulische Bestandteile aus: Unterricht und Lehrer. Sie unterscheidet sich grundlegend von anderen Privat- oder Volksschulen. Die Schüler bestimmen selbst, wann und wie lange sie welchen Tätigkeiten nachgehen. Zur Verfügung stehen ihnen verschiedene Themenräume, eine Bibliothek, ein Aussengelände und eine Fläche für eigene Projekte. Am neuen Ort wird das Angebot um eine Sporthalle ergänzt. Die Mitarbeitenden halten den Betrieb am Laufen und sind da, wenn die Kinder Fragen haben oder Hilfe benötigen.

Auch in ihrer Organisation unterscheidet sich die Schule Fokus von allen anderen: Das Prinzip der Demokratie prägt den Schulalltag. Einmal wöchentlich tritt die Schulversammlung, bestehend aus Schülern und Mitarbeitenden, zusammen und entscheidet über Anschaffungen, Exkursionen, neue Regeln. Alle geniessen gleiches Stimmrecht, alle können Anträge stellen. An der letzten Versammlung waren unter anderem neue Kopfhörer und die Weihnachtsdekoration Thema. Den Antrag für neue Kapla-Hölzchen schrieb das Plenum nach zweiter Lesung ab, weil jemand in der Zwischenzeit Kapla von zu Hause mitgebracht hatte.

Demokratie in Reinform

Brigitte Wechsler, Co-Geschäftsführerin der Schule Fokus, erklärt den Gedanken, der hinter dieser Organisation steht: «Jeder trägt Verantwortung für die Schule und jeder kann sie mitgestalten.» Darüber hinaus fördere die demokratische Ausrichtung Durchhaltevermögen, Überzeugungsfähigkeit und die Kompetenz der Frustbewältigung: Wer einen Antrag stellt, muss ihn gut verkaufen und auch damit leben können, wenn die Mehrheit ihn ablehnt. Demokratie in Reinform.

Die alternative Schulform ist an das Sudbury-Modell angelehnt, das aus den USA kommt. In Schulen des Sudbury-Modells leben und lernen die Schüler selbstbestimmt in einer altersgemischten, demokratischen Gemeinschaft. Weltweit gibt es inzwischen etwa 40 Sudbury-Schulen. Das Interesse an der Schulform nehme zu, sagt Wechsler. Ihr seien fünf Gründungsinitiativen in der Schweiz bekannt. Fokus selbst erhalte mehr Anfragen von interessierten Eltern: drei bis vier pro Woche. Fokus betreut Kinder vom Kindergarten bis zum Ende der obligatorischen Schulzeit. Am neuen Standort in Arlesheim wird Fokus Platz für 60 Schüler haben.

Hohe Anforderungen

Machen, was man will, wie lange man will. Was für manchen Schüler paradiesisch klingen mag, hat mit immerwährenden Ferien nichts gemein. Es gelten strenge Regeln, um die Sicherheit der Schülerinnen und Schüler und den sachgemässen Umgang mit dem Schulmaterial zu gewährleisten. Wer gewisse Räume und Maschinen nutzen will, muss zuerst ein Zertifizierungsverfahren durchlaufen, um zu beweisen, dass er dazu imstande ist. Wer zum Beispiel Zugang zu einem der vier Computer will, muss erst beweisen, dass er eine Maus bedienen und den Computer hoch- und runterfahren kann sowie die Regeln bezüglich Internet und Spiele kennt. Die Schüler machen untereinander selber ab, wer wann an den Computer sitzen darf. «Wir stellen hohe Anforderungen, was die Sozialkompetenz angeht», sagt Wechsler.

Küchenkomitee bestimmt Menü

Besonders das Übernehmen von Verantwortung wird bei Fokus stark gewichtet. Für alle Aufgaben innerhalb der Schule gibt es verantwortliche Komitees: Das Ästhetikkomitee ist für Ordnung, Sauberkeit und Einrichtung zuständig. Das Rechtskomitee bestimmt als eine Art Judikative die Konsequenzen von Regelverstössen – wobei auch Mitarbeitende nicht gefeit sind vor Strafen. Das Küchenkomitee verfügt über Einkauf und Lagerung von Lebensmitteln – und über den Menüplan. «Wobei der Koch ein Vetorecht hat», sagt Wechsler. Die Mahlzeiten orientierten sich an Ernährungsrichtlinien.

Schule wissenschaftlich untersucht

Die demokratische Schule interessiert auch die Forschung. Seit Frühjahr 2016 ist die Schule Fokus Gegenstand eines Forschungsprojekts der Pädagogischen Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW). Die Wissenschafter beobachten den Schulalltag während zweier Jahre.

Am Bau der neuen Schulräume werden die Schüler nicht beteiligt sein. «Wir versuchen aber, so viel wie möglich selber zu gestalten», sagt Wechsler. Im neuen Garten haben sie schon einmal Bäume gepflanzt. Auch beim Umzug im kommenden Jahr werden sie mitanpacken.

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