Binningen BL

Schweinefleisch-Verbot an Schule – empörte SVP sorgt sich um das «Schweizer Kulturgut»

Binninger Primarschüler bekommen an Mittagstischen kein Schweinefleisch mehr aufgetischt. Die SVP-Ortspartei vermutet dahinter vorauseilenden Gehorsam gegenüber religiösen Minderheiten.

Die Binninger SVP sorgt sich um den Klöpfer. Anlass ist eine Ausschreibung der Gemeinde für die kommunalen Mittagstische fürs kommende Schuljahr. Der Caterer, der ab August täglich 60 bis 200 Mahlzeiten für die Binninger Primarschulkinder liefern will, muss sich an zahlreiche Auflagen halten. Das ist der Submissions-Ausschreibung zu entnehmen, die am 12. Mai erschienen ist. Eine Vorgabe im Inserat lautet: «Kein Schweinefleisch.»

«Wir sind empört», sagte Susanna Keller, Präsidentin der SVP-Fraktion im Binninger Einwohnerrat am Montagabend an der Sitzung des Orts-Parlaments. «Als wir das gelesen haben, dachten wir zuerst, wir sähen nicht recht.»

Schweinefleisch gehöre zum Schweizer Kulturgut, sagte Keller, nun wolle die Gemeinde ihren Schülern sogar «den geliebten Klöpfer vorenthalten». Sie schloss mit der Frage: «Könnte es sein, dass wir uns an gewisse Kulturen anpassen statt umgekehrt?»

«Nehmen nur Rücksicht»

Die SVP Binningen interessiert sich nun für die Hintergründe des Schweinefleisch-Banns in den Primarschulen der Gemeinde. In der Einwohnerratssitzung reichte die Fraktion ein dringliches Postulat ein. Titel: «Inserat Submission Mittagstisch: Keine Klöpfer mehr für Binninger Schüler?»

Kein Schweinefleisch an Schule in Binningen

Kein Schweinefleisch an Schule in Binningen

Die SVP sieht religiöse Gründe hinter dieser Massnahme – so begründet die Gemeinde das Vorgehen.

Die Partei vermutet, dass religiöse Motive hinter dem Entscheid stecken. Gebe die Gemeinde in solch einem Fall nach, fürchtet die Binninger Volkspartei, so dürften «bald weitere Forderungen gestellt werden». Welche das sein könnten, das erklärt sie nicht.

Es habe nie irgendwelche Druckversuche von muslimischen Eltern oder Gruppierungen auf die Gemeinde gegeben, Schweinefleisch vom Mittagstisch zu verbannen, sagt Bernard Keller, Binningens Informationsbeauftragter. Diese These wurde Ende Mai in einem Artikel der «Weltwoche» geäussert. «Wir nehmen schlicht auf einen Wunsch Rücksicht», sagt Keller, «wie wir auch andere Wünsche berücksichtigen, falls das möglich und wirtschaftlich vernünftig ist».

Fünf Prozent gaben Ausschlag

Laut Keller ging dem Schweinefleisch-Passus in der Ausschreibung eine Befragung der Eltern voraus. Per Fragebogen erkundigte sich die Gemeinde über die Essenspräferenzen der Primarschulkinder. Dabei habe sich herausgestellt, sagt Keller, dass in rund fünf Prozent der Antworten kein Schweinefleisch gewünscht wurde. Warum dem so sei, habe man nicht in Erfahrung gebracht: «Das wäre auch nicht üblich. Wenn jemand angibt, sein Kind sei Vegetarier, dann fragen wir auch nicht nach den Gründen.»

Exakt solche Nachforschungen fordert nun aber die Binninger SVP mit ihrem Postulat. Im Vorstoss verlangt sie vom Gemeinderat, dass er die «genauen Gründe der Eltern für einen Schweinefleisch-Verzicht» prüfen lässt. Zudem soll der Gemeinderat «den Einfluss auf die Preisstruktur» aufzeigen, «da einige Alternativen zu Schweinefleisch teurer sind». Das Postulat schliesst mit der Forderung, dass Schweinefleisch wieder auf den Menüplan aufzunehmen sei.

Alternativen zu «Schwinigem» kommen an den Binninger Mittagstischen bereits heute zum Einsatz. «Der aktuelle Caterer», sagt Bernard Keller, «hat nämlich im Rahmen der Lieferungen festgestellt, dass Schweinefleisch immer weniger stark nachgefragt wird.» Deshalb habe er von sich aus nach Ersatz gesucht. Die Vorgaben auf der Submissions-Ausschreibung würden somit lediglich die gängige und bewährte Praxis widerspiegeln.

Es könne auch nicht von einem Schweinefleisch-Verbot die Rede sein: «Wenn der künftige Caterer Cervelat-Salat auftischen will», betont Keller, «dann darf er das tun. Er müsste dann aber auch eine Alternative anbieten.»

Falsche Form gewählt

Die SVP-Fraktion wählte eine denkbar schlechte Form für ihren Vorstoss. Weil sie ihre Fragen als Postulat abgab, wurde dieses am Montagabend zwar zur Kenntnis genommen, aber nicht behandelt. Anders wäre das bei einer rechtzeitig eingereichten Anfrage gewesen – auf eine solche hätte die Exekutive umgehend eingehen müssen. So wird nun aber das Klöpfer-Postulat frühestens für die nächste Einwohnerratssitzung nach der Sommerpause traktandiert. Diese ist am Montag, 12. September, angesetzt.

Die Frist für die Einreichung von Offerten lief bereits vor fast vier Wochen aus: Bis Freitag, 27. Mai, nahm die Gemeinde Angebote entgegen, und die Primarschulen nehmen am 14. August ihren Betrieb wieder auf – lange vor dem Ortsparlament.

Der Gemeinderat wird also zu einem Zeitpunkt auf den Vorstoss eingehen, an dem der ausgewählte Caterer die Mahlzeiten längst an die vier Schulhäuser Pestalozzi, Neusatz, Meiriacker und Mühlematt liefert, wahrscheinlich ohne Menüs mit Schweinefleisch – und damit auch ohne die berühmte Wurst.

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