Seltenes Handwerk

Seit 40 Jahren ist das Buntpapiermachen ihre Leidenschaft

Wie Marianne Moll zur Buntpapiermacherin geworden ist, welche Technik sie bevorzugt und wann sie Sternstunden erlebt. Die Gelterkinderin erzählt der bz von ihrem ausgefallenen Beruf.

«Sagen Sie bitte nicht Hobby oder Basteln, mein Handwerk ist mehr als das. Papierfärben ist mein Beruf. Den Beruf des Buntpapiermachers, der Buntpapiermacherin gibt es seit dem 17. Jahrhundert. Im 18. Jahrhundert erlebte er seinen Höhepunkt. Aus dieser Zeit stammen auch die sogenannten Herrnhuter Papiere mit ihren typischen, kunstvollen Mustern. Die ‹Herrnhuter Brüdergemeine› war eine Glaubensgemeinschaft, welche die Frauen als Buntpapiermacherinnen beschäftigte.

Vor etwa 40 Jahren begann ich mich fürs Papierfärben zu interessieren. Damals nahm ich mir vor, mit meinen Kindern als vorweihnachtliche Winterbeschäftigung zu marmorieren. Ich holte Rat und Hilfe bei meinem Vater, der in seiner Buchbinderwerkstatt die Buntpapiere für schöne Bucheinbände, für Schachteln und Mappen zum Teil noch selber herstellte.

Kleine Weihnachtsgeschenke

Aus den ersten Marmorpapieren meiner Kinder entstanden kleine Weihnachtsgeschenke. Zudem banden sie ihre Schulhefte ein mit diesen ersten eigenen Marmorpapieren. Schon kurz danach klopfte die Lehrerschaft bei mir an und bat mich, im Schulhaus einen Kurs für die Lehrer durchzuführen. Bald darauf gab ich auch Kurse für die kantonale Lehrerfortbildung. Es folgten die Schweizerische Lehrerfortbildung und Anfragen von Gruppen und Frauenvereinen. Rückblickend dünkt mich, ich hätte mit meinen ersten Kursen einen wahren Boom ausgelöst.

Im Rahmen der Schweizerischen Lehrerfortbildung entstand auch mein erstes Buch, ein Sachbuch über verschiedene Buntpapiertechniken. Es folgten noch zwei weitere Bücher, ein Heft für Kinder und verschiedene Publikationen in Zeitschriften. Es war eine grosse Genugtuung und Befriedigung für mich, als ich dann auch Fachleute – Buchbinder – unterrichten und später im Centro del bel libro in Ascona, einer renommierten Buchbinderschule, Kurse geben konnte.

Es gibt viele verschiedene Buntpapiertechniken. Am bekanntesten und beliebtesten sind wohl die Marmor- und die Kleisterpapiere. Die grösste Faszination ging zu aller Zeit von den Marmorpapieren aus mit ihren fein geäderten und gefiederten Mustern. Es gibt aber noch viele andere, weniger bekannte Techniken. Zu ihnen gehören die schnell gemachte, einfache Spachteltechnik, die Sprenkeltechnik, verschiedene Drucktechniken, die Reservetechniken, die Monotypien, die Knitterpapiere und andere.

Meine besondere Liebe gehört seit je den Kleisterpapieren. Nirgends sind meiner Gestaltungsfreude so wenig Grenzen gesetzt, wie gerade bei den Kleisterpapieren. Diese sind in sich wieder unterteilt in verschiedenste Verfahren, und jedes dieser Verfahren ist wiederum eine Welt für sich. Gerade das macht diese einfachen, oft ein wenig belächelten Kleisterpapiere so interessant. Die Technik der Kleisterbatik nimmt für mich eine besondere Stellung ein. Kleisterbatik ist ein schwieriges Verfahren, das sich über mehrere Tage hinzieht.

Gebe mein Wissen gerne weiter

Den Kleister bereite ich selber zu. Den Stärkepuder verrühre ich mit wenig kaltem Wasser und giesse kochendes Wasser dazu. Dabei quillt die Stärke sofort auf, und schon ist der Kleister fertig; er sollte jetzt eine cremige, streichbare Konsistenz aufweisen, für den Laien am ehesten vergleichbar mit einer dicken Béchamel. Der abgekühlte Kleister wird dann mit Farbe versetzt, mit dem Pinsel aufs Papier gestrichen und bemustert.

Ich gebe mein Wissen gerne an Interessierte weiter. Es gibt nur ganz wenige, von mir selbst kreierte Muster oder Tricks, auf die ich besonders stolz bin und die mein Geheimnis bleiben.

Wenn ich mich bei der Arbeit in der Werkstatt gut und fit fühle, mir dabei alles leicht von der Hand geht und etwas Neues und Besonderes entsteht, sind das Sternstunden für mich. Aber natürlich gibt es auch Tage, an denen nicht alles rund läuft und ich den Pinsel beiseitelegen muss; es entstehen längere Arbeitspausen. Da bringt mir dann die Kalligrafie, das ruhige Üben schöner Schriften, eine willkommene Abwechslung.

In den meisten meiner Kurse haben wir die Papiere nicht nur gefärbt, sondern auch auf einfache Art verarbeitet. Es entstanden Faltbriefe, Karten, kleine Objekte und Kartonagen. Diese Art der Verwendung meiner Papiere pflege ich heute noch mit grossem Vergnügen.

Früher gehörte das Fertigen von Buntpapieren zur Ausbildung der Buchbinder. Das ist heute nicht mehr so. Meines Wissens gibt es in der Schweiz nur sehr wenige Leute, die das Handwerk des Buntpapiermachers noch richtig beherrschen. Trotzdem: Die Buntpapierwerkstatt ist für alle, die sich gerne handwerklich beschäftigen, ein anregendes und vergnügliches Betätigungsfeld, und schon erste Versuche können zu einem beglückenden Erlebnis werden. Für Buntpapiere von persönlicher Prägung ist aber ausser Freude und Hingabe auch grosse handwerkliche Routine eine Voraussetzung.

Ein wunderbares Erlebnis für mich

Netzwerke unter den Buntpapiermachern gibt es nur wenige. Um den Kontakt untereinander zu fördern, wurde 2008 eine internationale Buntpapier-Ausstellung ins Leben gerufen, zu der auch ich eingeladen wurde. Wir waren 21 Buntpapiermacher aus aller Welt, die sich alle mit einem einzigen Blatt beteiligten. Die Ausstellung war als Wander-Ausstellung konzipiert. Sie begann in den USA, in Santa Fé, und wurde danach auch in Südamerika und in mehreren europäischen Städten gezeigt. Ihre zweitletzte Station war die Basler Papiermühle. Ein wunderbares Erlebnis für mich. Endstation für diese Ausstellung war Istanbul. Dort haben die meisten der Blätter im Haus eines türkischen Marmorier-Künstlers ihren endgültigen Platz gefunden.

Meine Passion für Buntpapiere hat mich ein halbes Leben lang begleitet. Ich hoffe, dass ich mein seltenes Handwerk als Buntpapiermacherin in meiner neu bezogenen Werkstatt noch lange ausüben kann.»

Aufgezeichnet von Simon Tschopp

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