Heimwehbasler

Seit Corona kennt ihn die ganze Schweiz: Der Baselbieter Marcel Salathé forscht in der Romandie als Epidemiologe

Marcel Salathé auf dem Campus der EPFL Lausanne. Er arbeitet für die Hochschule als Epidemiologe.

Marcel Salathé auf dem Campus der EPFL Lausanne. Er arbeitet für die Hochschule als Epidemiologe.

Die bz besucht in diesem Sommer mehrere ausgewanderte Basler Persönlichkeiten in der neuen Heimat. Dieser Ausflug führt zum Baselbieter Marcel Salathé, der in der Romandie als Epidemiologe forscht. Meist ist es die Arbeit, die ihn zurück in die Region Basel zieht.

Alleine am Vormittag vor unserem Besuch hat Marcel Salathé rund zehn Medienanfragen erhalten. Der Baselbieter ist in diesen Wochen eine gefragte Auskunftsperson. Als Mitglied der Coronataskforce des Bundes und als regelmässiger Gast im Schweizer Fernsehen hat der Wissenschaftler nationale Bekanntheit erlangt.

Müde und lustlos nach den intensiven Wochen, die hinter ihm liegen, wirkt Salathé überhaupt nicht. An der Metro-Station der EPFL, ein wenig ausserhalb von Lausanne, holt uns der 44-Jährige ab. An der Technischen Hochschule in der Westschweiz leitet er als Professor ein Labor für Digitale Epidemiologie. Trotz der grauen Haare macht er in Poloshirt, Jeans und Turnschuhen einen jugendlichen Eindruck. Diese Telegenität ist, neben seinem Expertenwissen, wohl auch ein Grund dafür, dass Salathé häufig am Bildschirm zu sehen ist.

Entschied sich für Biologie durch Ausschlussprinzip

Marcel Salathé gilt heute landesweit als eine der führenden Persönlichkeiten in der Epidemieforschung. Als er noch in der Region Basel lebte, wollte er mit Wissenschaft jedoch kaum etwas am Hut haben. «Ich machte damals vor allem Musik», erinnert er sich an die Zeit als Keyboarder der Indierock-Band Phébus. Bis ins Vorprogramm von Lenny Kravitz im Zürcher Hallenstadion schaffte es das Quintett. «Mir war aber damals schon klar, dass es als Schweizer Band fast unmöglich ist, von der Musik leben zu können. Deshalb fasste ich nach der Matur ein Studium ins Auge.» Für Biologie an der Universität Basel habe er sich durch das Ausschlussprinzip entschieden: «Während des Studiums begann ich mich immer stärker für Botanik und Zoologie zu interessieren.»

Durch die Dissertation in Evolutionsbiologie an der ETH Zürich stiess Salathé auf die Epidemiologie. Nach längeren Aufenthalten an Universitäten in Kalifornien und Pennsylvania kehrte er im Jahr 2015 in die Schweiz zurück. «In unserem Labor in Genf, das zur EPFL Lausanne gehört, verbinden wir Wissenschaft und Technologie.» Dabei könne er von den Erfahrungen profitieren, die er in den USA gemacht habe.
Bei seiner Arbeit in der Romandie geht es vor allem darum, anhand von Daten aus Apps und sozialen Medien unterschiedlichen Epidemien auf den Grund zu gehen. «Momentan beschäftigen wir uns stark mit Ernährungsepidemiologie», sagt der Vater eines Sohnes und einer Tochter. Mit seiner Familie wohnt er in der Nähe von Morges im Waadtland.

Wiese mit Kirschbäumen verkörpere das Baselbiet

Der Nordwestschweiz hat der in Birsfelden und Frenkendorf aufgewachsene und während der Studienzeit nach Basel gezogene Marcel Salathé vor zwei Jahrzehnten den Rücken gekehrt. Gerade die Jahre in den Vereinigten Staaten hätten ihm die Vorzüge der Region Basel nähergebracht, sagt er. «San Francisco ist derart stark von Technologie durchdrungen, dass dadurch das kulturelle Erbe verdrängt wurde. In Basel existieren die beiden Ebenen nebeneinander.» Die Waadt erinnere ihn landschaftlich häufig ans Baselbiet. «Während im Kanton Baselland viele Orte durch Wälder getrennt sind, befinden sich zwischen Waadtländer Gemeinden oft Weinberge.» Mindestens einmal pro Jahr versuche er, mit seinen Kindern das Oberbaselbiet zu besuchen. Auch wenn er nie selber dort gelebt hat, bringt er eines am stärksten mit seiner Heimat in Verbindung: eine saftige Wiese voller Kirschbäume.

Weitaus häufiger ist es heute die Arbeit, die ihn zurück in den Raum Basel bringt. Mit Roche und Novartis steht das Team von Salathé in engem Kontakt. Die Meetings am Rheinknie drehen sich meist darum, wie die Firmen von der Digitalisierung profitieren können. «Wenn ich in der Region bin, besuche ich manchmal meine Schwester, die mit ihrer Familie in Basel lebt.» Zu den ehemaligen Kollegen der Band Phébus, deren letztes Album im Jahr 2006 erschienen ist, habe er hingegen kaum mehr Kontakt. «Eine Reunion ist unwahrscheinlich.» Verabschiedet von der Musik hat sich Salathé aber nicht. Er schreibe immer noch Songs – einfach auf dem Klavier statt auf dem Keyboard.

Weiterer Coronaverlauf hänge von Disziplin ab

Ein grosses Treffen mit den Basler Pharma-Unternehmen, das diesen Sommer anstand, wurde wegen Corona abgesagt. Die Pandemie bestimmte das Leben des Epidemiologen in den vergangenen Monaten fast vollständig. «Zeitweise konnte ich neben der Arbeit in der Taskforce und den Interviews kaum mehr etwas anderes machen», sagt Salathé.

Grösstenteils habe die Schweiz gut reagiert. «Nächstes Mal müsste man jedoch besser vorbereitet sein und ein wenig schneller reagieren», bilanziert er. Wie sich die Zahlen weiterentwickeln, hänge stark von der Disziplin der Bevölkerung ab. Da sich die meisten an die Massnahmen hielten, sei er zuversichtlich, dass es zu keiner zweiten Welle komme.

Sollte er recht behalten, kann Marcel Salathé sich wieder stärker seiner Forschung widmen. Sollte er sich irren, werden sich die Medien bei ihm melden - damit er die Schweiz wieder über Corona aufklärt.

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