Binningen

Seniorin wird im Pflegeheim an Rollstuhl gegurtet – zum eigenen Schutz, wehrt sich Heimleitung

Paul Bossert, 82, beklagt sich über die Behandlung seiner dementen Frau, die im Alters- und Pflegeheim Schlossacker in Binningen lebt. Es betreibe «Isolationswahnsinn». Die Heimleitung sagt, ihr bleibe wegen des Corona-Notverordnung keine andere Wahl.

Paul Bossert hat anstrengende Wochen hinter sich. Am 2. Mai holte der Bauingenieur seine hochdemente Ehefrau aus dem Alters- und Pflegeheim Schlossacker in Binningen ab. Seither pflegt er die 72-Jährige bei sich zu Hause. Ins Heim geben will er sie vorerst nicht mehr.

Er habe zu schlechte Erfahrungen gemacht, erzählt der 82-Jährige Basler der «Schweiz am Wochenende». Nach den ersten Lockdown-Wochen habe er seine Frau für Ostern nach Hause holen wollen. Als er sie in der Vorwoche, dem 4. April, nach langer Zeit das erste Mal wieder gesehen habe, sei das ein Schock gewesen: «Was mir da an der Pforte übergeben wurde, hatte mit meiner Frau nicht mehr viel Gemeinsames», schreibt Bossert in einem Brief, den er an den Bundesrat geschickt hat. Das Schreiben liegt dieser Zeitung vor. «Infosperber» zitierte daraus, die Internetzeitung machte den Fall am vergangenen Donnerstag publik. «Meine Frau bestand praktisch nur noch aus Haut und Knochen», schreibt Bossert. «Sie war infolge der Dehydrierung krank und brachte noch ein Körpergewicht von 49.9 Kilogramm auf die Waage.»

Corona-Isolation kam Bewohnerin nicht gut

Nach einem Aufenthalt im Basler Felix-Platter-Spital ging es Bosserts Frau besser. Am 29. April kam sie zurück ins Altersheim. Bossert durfte sie jedoch wieder nicht sehen. Das Heim verhängte bei Beginn des Lockdowns ein striktes Besuchsverbot. Ausnahmen gab es offenbar keine – selbst nicht für Bossert, der laut eigenen Angaben seiner Frau regelmässig Mahlzeiten verabreicht und sie an den Wochenenden nach Hause nimmt.

Trotzdem stattete Paul Bossert seiner Frau einen Besuch ab – da das Zimmer im Erdgeschoss liegt, konnte er durch das Fenster blicken. Doch was er sah, liess ihm wieder keine Ruhe. Er hielt fest: «B. sitzt am 1. Mai 2020 um 9.50 Uhr festgezurrt in einem Rollstuhl in ihrem Zimmer.» Am 2. Mai holte er seine Frau für den Wochenendurlaub ab. Doch sie sei nicht mehr in der Lage gewesen, selber zu gehen. Dabei habe sie vor dem Wiedereintritt noch einen kleinen Spaziergang gemacht.

Kanton hält Massnahmen des Heims für angemessen

Am 16. März erliess der Bundesrat die Corona-Notverordnung. Am Tag darauf sprach die Baselbieter Regierung ein striktes Besuchsverbot für Alters- und Pflegeheime aus. In «ausserordentlichen Situationen» seien Ausnahmen möglich – etwa wenn jemand im Sterben liege –, doch zu entscheiden habe die jeweilige Institution.

Paul Bossert stellt sich auf den Standpunkt, eine «ausserordentliche Situation» liege vor. Er und ein Bekannter hätten pro Tag im Schnitt fünf Stunden Pflege aufgewendet. Zudem seien er und seine Frau negativ auf Covid-19 getestet worden. Auch würde er alle Abstands- und Hygieneregeln einhalten. Im Brief an den Bundesrat bittet Bossert ihn darum, den «Isolationswahnsinn» zu beenden.

Auch bei der Baselbieter Volkswirtschafts- und Gesundheitsdirektion wurde Paul Bossert vorstellig. Sie teilte ihm mit, man halte die Massnahme der Heimleitung für «angemessen». Es bestehe ansonsten unkontrollierbare Ansteckungsgefahr. Er könnte jedoch vom Heim verlangen, eine anfechtbare Verfügung zu erlassen. Gegen die könne beim Regierungsrat Beschwerde erhoben werden. Gegen die «allfällige Einschränkung der Bewegungsfreiheit» seiner Angehörigen könne er sich an die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde wenden.

Heiko Tscheulin, Heimleiter ad interim bei der Stiftung Alters- und Pflegeheime Binningen, schreibt der «Schweiz am Wochenende», wegen des Persönlichkeitsschutzes könne er nicht auf den Fall eingehen. Generell sei das Besuchsverbot streng: «Wir sind uns bewusst, dass die von der Coronapandemie ausgelösten Einschränkungen für unsere Bewohnenden, wie auch deren Angehörigen sehr, sehr schwierig sind. Gerade, wenn die Pflege eines Angehörigen im Heim Teil des Lebensinhalts geworden ist, ist es schwierig, diese Einschränkungen zu akzeptieren.»

Heim: Angurten erfolgt nur zum Eigenschutz

Zum Angurten von Bewohnern schreibt Tscheulin, man setze freiheitsbeschränkende Massnahmen nur punktuell, befristet und «mit grösster Zurückhaltung ein». Sie dienten in der Regel zum Schutz der Bewohnenden, etwa vor Stürzen.

Kommenden Montag wird der Lockdown erneut leicht gelockert – auch das Besuchsrecht. Tscheulin schreibt, die Mitbetreuung von Angehörigen könne man wegen der Pandemie leider weiterhin nicht gestatten.

Paul Bossert schreibt, er wisse nicht, wie es weitergehen soll. Er auf eine anfechtbare Verfügung warte er noch immer.

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