Es gab sexuelle Übergriffe, aber sie waren nicht strafbar: So ähnlich lässt sich das Urteil des Baselbieter Strafgerichts in Muttenz vom Donnerstag zusammenfassen. Es sprach daher den 55-jährigen Angeklagten von allen Vorwürfen frei. Auch wenn es bei einzelnen Punkten gewisse Fragezeichen gab, stuften die drei Richter die Aussagen der damals 17-jährigen Lehrtochter als glaubhaft ein: Während der Zusammenarbeit mit dem 30 Jahre älteren Mann in einer geschützten Werkstätte im Unterbaselbiet habe es durchaus sexuelle Handlungen gegeben. Der heute 55-Jährige hatte dies durchweg bestritten.

Der Freispruch erfolgte lediglich aus rechtlichen Gründen: Für eine Verurteilung wegen sexueller Nötigung ist ein gewisser Zwang nötig, und laut Gerichtspräsidentin Irène Laeuchli reichte die Intensität der Übergriffe dafür nicht aus. Die Frau hatte selber betont, der Mann habe keine Gewalt eingesetzt. Sie habe allerdings die sexuellen Handlungen nicht gewollt und hatte Angst, dass sie die Familie des 55-Jährigen nicht mehr besuchen dürfe, wenn sie sich ihm verweigere.

Das Gericht hingegen ging davon aus, dass die Frau beim ersten Oralsex im Heizungskeller der Werkstatt im Jahr 2010 die Familie des Mannes noch gar nicht kannte und deshalb durchaus in der Lage gewesen wäre, Nein zu sagen. Auch eine Abhängigkeit habe nicht bestanden, der Angeklagte sei wie sie selber zur beruflichen Abklärung dort gewesen und hatte nicht die Stellung eines Vorgesetzten.

Vorgesetzter wollte die beiden trennen

Tatsächlich hatte der Chef der beiden damals offenbar angeordnet, sie sollten nicht mehr dauernd zusammenarbeiten, damit die Frau etwas selbstständiger werde. Deshalb fand das Gericht, die Frau hätte sich auch am Arbeitsplatz relativ leicht vom heute 55-Jährigen distanzieren können. Auch die Mittagspausen hätte sie nicht jeweils mit ihm zusammen im Auto verbringen müssen.

Die 17-Jährige verbrachte damals viele Wochenende bei der Familie des Angeklagten in Deutschland. Ob es dort auch zu Übergriffen kam, bleibt ungeklärt: Für eine Anklage dieser Punkte in der Schweiz bräuchte es eine Strafbarkeit beidseits der Grenze, und sexuelle Handlungen auf rein psychischen Druck hin waren damals in Deutschland noch nicht strafbar. Die Anwältin der Frau hatte eine Genugtuung von 15 000 Franken sowie 5600 Franken Schadenersatz aus dem Selbstbehalt der Therapiekosten geltend gemacht. Als Folge des Freispruchs wiesen die Richter auch diese Zivilforderungen ab. Wie auch die Staatsanwaltschaft kann sie das Urteil noch weiterziehen.

Beim Angeklagten hatte sich wegen der Vorwürfe nach seinen Angaben faktisch die Familie entzweit, er hatte eine Genugtuung von 8000 Franken gefordert. Das Gericht wies auch diese Forderung ab, der Mann erhält durch den Freispruch lediglich 400 Franken als Haftentschädigung für zwei Tage Untersuchungshaft.